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Kleists «grüne Gläser»

Heinrich von Kleist (1777-1811) setzte sich zwischen alle Stühle. Sein ruheloser Geist und sein Streben nach Anerkennung und gesellschaftlichen Idealen führte ihn zwischen Klassik und Romantik zur Kantkrise, zu der auch seine Metapher von den „grünen Gläsern“ zählen.

Seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge schrieb er 1801: „Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr — und alles Bestreben, ein Eigenthum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich.“

Wilhelmine von Zenge, Kleists Verlobte, anonyme Miniatur (um 1800) / Fotos © Wikipedia

Doch die gefärbten Gläser oder Brillen kommen schon viel früher vor, z.B. bei Montaigne, Leibniz, Gottsched, Lessing, Fichte, Tieck und Brentano. Nach Kleist aber auch in Goethes Farbenlehre, in E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“ und „Der Sandmann“. Auch Heinrich Heine lässt sich in den „Reisebildern“ dazu verlauten. Edgar Allan Poe, Theodor Storm, Wilhelm Raabe bis zu W.G. Sebald nicht minder.

Sie verknüpfen ihre Vergleiche mit dem menschlichen Unvermögen, verstandesmässig dingbar zu machen, was denn Wahrheit überhaupt sei, wie wir ihr nahe kommen und welche Beweiskraft unsere Erkenntnisse haben könnten. Durch die Grenzen der Vernunfterkenntnis, die Kant aufgezeigt hatte, sah Kleist seinen geradlinigen, rein vernunftorientierten Lebensplan in Frage gestellt. In seinem berühmten Brief an Wilhelmine vom 22. März 1801 schliesst Kleist mit dem Satz: „Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr.“

Ehrengrab von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel am Kleinen Wannsee nach der 2011 erfolgten Renovierung

Kleists enttäuschende Erfahrungen und seine Zweifel an der Eindeutigkeit der Vernunft, verbunden durch seine Rousseau-Lektüre, regten ihn dazu an, ein bäuerliches Leben zu führen: „Ein Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen, ein Kind zu zeugen“, bargen neue Hoffnung. Ab April 1802 wohnte er für kurze Zeit auf der Scherzliginsel in der Aare bei Thun, wo er vermerkt: «Jetzt leb’ ich auf einer Insel in der Aare am Ausfluß des Thunersees, recht eingeschlossen von Alpen, eine Viertelmeile von der Stadt. Ein kleines Häuschen an der Spitze, das wegen seiner Entlegenheit sehr wohlfeil war, habe ich für sechs Monate gemiethet und bewohne es ganz allein.» Seine Träume blieben leider Illusion.

Am 21. November 1811, also vor bald 210 Jahren, jährt sich der Suizid Heinrich von Kleists. Im Einverständnis mit Henriette Vogel, die an Krebs erkrankt war, erschoss er sie und dann sich selbst am Kleinen Wannsee in Berlin. Doch sein erzählerisches und dramatisches Werk überlebten ihn, es zählt unverrückbar zum Klassik-Kanon der deutschen Literatur.

Christian Morgenstern reimte in einem Kurzgedicht:

“Brillen, Brillen! gebt uns Brillen!
grün und blau und gelb und rot!
Volles Licht ist für Pupillen
unsrer Art der sichre Tod.”

Es wäre zu wünschen, dass die überhandnehmende sicht-, hör- und lesbare Besserwisserei und Rechthaberei gelegentlich wieder der Einsicht Platz macht, dass mit selbst erkorenem Wissen zwar vorübergehend mit der eigenen Brille Propagandaerfolge erzielt werden, dass es dabei aber meist um verschieden farbige Brillengläser geht, die einem glauben machen, die Wahrheit für sich in Anspruch zu nehmen.

Die Regenbogenbrille: Auch sie löst das Problem von Kleist nicht

Wir sehen etwas ja gerne durch die rosarote Brille, wenn wir optimistisch und zuversichtlich sind, während uns die rote Brille eher davor zurückschrecken lässt, im Heil des Sozialismus und des Kommunismus die ewige Gerechtigkeit zu finden. Wer abgedunkelte Brillengläser trägt, der wünscht sich generell, inkognito zu bleiben. Max Frisch wählte in seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ für seinen Protagonisten die Blindenbrille, um der Heuchelei und Falschheit seiner Zeit als vermeintlich Blinder auf die Pelle zu rücken. Und wer alles mit selbst gewählten Farbgläsern betrachtet, läuft Gefahr, wiederum bei Kleist zu landen, wo Zweifel über die Gültigkeit der Erkenntnisse über kurz oder lang zur Ernüchterung führen, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. 

Welche Farbe gilt es also zu wählen? Wohl gar keine, es sei denn die Regenbogenbrille vermöchte das Dilemma zu lösen. Das Lifestyle-Accessoire ermöglichte es uns nämlich, je nach Gutdünken und Zugehörigkeit immer jene Farbe zu wählen, die gerade „in“ ist und das „Anything goes“ zum zukunftsweisenden Trend erhebt. Doch da rätseln wir ja wieder mit Kleist: Was wäre, wenn unsere Augen grüne Gläser wären? Die Wahrheit hat keine Farbe.

Teaserbild: Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 für seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen ließ. 

     

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