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FrontKulturOde an das Band zwischen Töchtern und Müttern

Ode an das Band zwischen Töchtern und Müttern

Die achtjährige Nelly fährt mit ihren Eltern zum Haus der verstorbenen Grossmutter zum Aufräumen und begegnet dort der gleichaltrigen Marion. Damit beginnt der Spielfilm «Petite maman» von Céline Sciamma, der sich zu einem zauberhaften Erinnerungs- und Beziehungsspiel von Töchtern und ihren Müttern entwickelt. Ab 4. November im Kino.

Nach dem Erfolg von «Portrait de la jeune fille en feu» kehrt Céline Sciamma zurück zum Thema der Kindheit, das sie bereits als Regisseurin von «Tomboy» und Drehbuchautorin von «Ma vie de Courgette» poetisch erkundet hat. Nach der Uraufführung an der Berlinale wurde «Petite maman» als Ode an das einzigartige Band zwischen Müttern und Töchtern gefeiert.

«Sich die Beziehung zu seinen Eltern als Kind vorstellen, ist etwas, womit jeder und jede spielen kann, indem er oder sie die eigene Geschichte träumt, ihr neue Empfindungen oder Bilder entlockt, eine Beziehung verfestigt oder neu erfindet. Das ist sozusagen eine grenzenlose Maschine der Intimität. Die Arbeit an dieser Idee hat mir Spass gemacht, sie war bewegend und spielerisch zugleich. Ich hoffe, dass der Film von dieser Begeisterung getragen wird», meint die Autorin und Regisseurin von «Petite maman».

Die Mädchen vor ihrer Waldhütte

Erinnerungen und Beziehungen

Nach dem Tod ihrer geliebten Grossmutter (Margot Abscal) hilft Nelly ihren Eltern beim Ausräumen des Hauses. Das achtjährige Mädchen erkundet den Ort, wo ihre Mutter (Nina Meurisse) einst aufwuchs. Der umliegende Wald diente ihr als Spielplatz, in dem sie eine Hütte aus Ästen baute. Als Nellys Mutter eines Tages unvermittelt abreist, lernt die Tochter im Wald die gleichaltrige Marion kennen, hilft ihr bei einer Waldhütte. Wegen eines Gewitters flüchten die beiden zu Marion nach Hause.

Dort muss Nelly erkennen, dass sie sich in einer Zeitschleife befindet und um fast 25 Jahre in die Vergangenheit gereist ist. Marions Mutter steht vor einer Operation. Aus Angst flüchtet Nelly durch den Wald, in die Gegenwart zu ihrem Vater (Stéphane Varupenne) zurück. In den nächsten Tagen besuchen sich die beiden Mädchen, spielen im Wald oder frönen ihrer gemeinsamen Liebe fürs Rollenspiel.

Eines Tages weiht Nelly Marion in ihr Geheimnis ein und führt sie durch den Wald in ihre Gegenwart zum leer geräumten Haus und stellt die neue Spielgefährtin ihrem Vater (Stéphane Varupenne) vor. Nelly überredet ihn, dass sie bei Marion übernachten darf. Die Mädchen nutzen die kurze Zeit, die ihnen noch verbleibt, um die Waldhütte fertigzustellen und Marions Geburtstag zu feiern; denn Marion muss im Spital operiert werden. Ein abenteuerlicher Bootsausflug führt sie zu einer exotischen Pyramide. Als Marion am nächsten Tag ihre Sachen fürs Krankenhaus packt, kommen bei Nelly Zweifel auf, ob sie ihre trauernde Mutter jemals wiedersehen wird. Marion tröstet.

Am Ende fährt Marion mit ihrer Mutter zum Krankenhaus, und Nelly kehrt durch den Wald in die Gegenwart zurück. Im Haus wird sie von ihrer Mutter, die zurückgekehrt ist, erwartet. Diese entschuldigt sich bei der Tochter für ihre Abwesenheit, beide umarmen und verabschieden sich mit den Vornamen Nelly und Marion.

Nelly mit ihrer Mutter Marion

Töchter und Mütter in wechselnden Rollen

Zu Beginn kommt der Film bei uns kaum mit seiner Aussage an, sondern mit seiner wunderbaren Schönheit: herbstliche Landschaften, gepflegte Interieurs und sympathisches, anteilnehmendes Gespräch der Protagonistinnen. Ob wir die Dialoge, wegen des ständigen Fragens, wer ist wer, auf Anhieb verstehen, ist unwahrscheinlich. Direkt und unvermittelt aber kommt der Film mit seiner Schönheit und Reinheit, seiner Sinnlichkeit und Menschlichkeit an. All dies weit entfernt von dem, was wir im Alltag erleben. Diese innere und äussere Schönheit zieht uns ganzheitlich in die Geschichten hinein, welche die Zeiten von zwei oder drei Generationen überspringend mal die Mädchen als Mädchen oder mal als Mütter auftreten lässt. Diese Freiheit der Identität der Protagonistinnen verleiht dem Film eine grosse Freiheit des Erzählens. Die beiden Kinder erfinden und spielen einen TV-reifen Krimi oder beschäftigen sich in der Küche mit Kochen und Backen. Gleichzeitig nehmen sie wahr und tauschen es aus, was bei den Eltern abläuft. Ja sie erfinden sich als Mutter und Tochter, einmal sogar als Eltern eines Babys.

Dieses Wechseln der Rollen und Identitäten lässt uns die Kinder wie Figuren aus einer anderen Welt erscheinen. Unterschwellig behandeln sie dabei auch existenzielle Befindlichkeiten jedes Lebens: Abschied nehmen, Krankheiten ertragen, den Tod akzeptieren, eine Trennung aushalten und Verzeihen. Die Bilder (Kamera Claire Mathon) strahlen Sinnlichkeit und Zärtlichkeit aus, bilden neben dem Dialog die zweite Ebene der Erzählung. Dass ein Märchen wie «Petite maman» auch im Ton und in der Musik stattfinden muss, ist evident und stellt damit die dritte Ebene dar. Dafür steht der Musiker Para One, der bereits für «Portrait de la jeune fille en feu» für Sciamma gearbeitet hat. Den französische Originaltext des Schlussliedes und die deutsche Übersetzung finden sich im Anhang.

Grund genug, diesen Film lobend hervorzuheben: Denn solche äussere Schönheit beinhaltet innere Wahrheit und ein Menschenbild, das im Alltag weit entfernt ist von dem, was uns Politik, Justiz, Tradition und Kirchen aufoktroyieren. «Petite maman» stiftet Sinn, wenn wir ihn auch nicht sogleich erkennen, gibt Antworten, auch wenn wir deren Fragen vergessen haben.

 Mutter mit Nelly

Céline Sciamma über Raum, Zeit und die Musik der Zukunft

«Petite maman» ist ein radikal neuer Entwurf einer Zeitreise-Geschichte. Eine intime Reise, bei der es weder um Zukunft noch um Vergangenheit geht, sondern um die gemeinsame Zeit. Eine Reise ohne Maschine oder Fahrzeug. Der Film, oder genauer gesagt der Schnitt (Lionel Brison), ist dabei das Vehikel. Schnitt und Arrangement transportieren die Figuren und bringen sie zusammen.

Das Studio hat den Bau eines massgeschneiderten Hauses ermöglicht, und ich nutzte die Gelegenheit, um so viel wie möglich damit zu arbeiten. Ich bezog alle Details mit ein, bis hin zur Gestaltung der Lichtschalter. In unserer Diskussion mit der Kamerafrau Claire Mathon ging es um die Teppiche, die Grösse der Fenster und die Tapeten, die wir in der Farbpalette des Films zu erschaffen hatten. Solche Bauarbeiten sind faszinierend, weil sie alle Fragen der Inszenierung beinhalten. Es geht um den Rhythmus einer Kamerafahrt oder um eine Figur, die in der Tiefe eines zu bestimmenden Korridors liegt, das Geräusch von Schritten, die die Bodenbeläge in Bewegung setzen. Der Film ist auch voll von persönlichen, intimen Details. Ich habe zum Beispiel die Wohnräume meiner Grossmütter rekonstruiert. Und die Aussenaufnahmen wurden in der Stadt Cergy gedreht, wo ich aufgewachsen bin.

«Petite maman» spielt nicht in einer bestimmten Zeit. Ich möchte, dass sich ein Kind des Jahres 2021, aber auch ein Kind der 50er-, 70er- und 80er-Jahre in die Räume des Films hineinversetzen kann. Es handelt sich also um die Schaffung einer gemeinsamen Zeit über mehrere Jahrzehnte.

Beim Pfannkuchenbacken

Céline Sciamma über das Casting der Hauptdarstellerinnen

Beim Schreiben des Films habe ich mich gefragt: Wenn ich meine Mutter als Kind treffe, ist sie dann meine Mutter? Ist sie meine Schwester? Ist sie meine Freundin? Ist sie all das gleichzeitig? Diese Fragen erzeugten eine gewisse Verwirrung, die dem Film zugrunde liegt. Da kam mir die Idee, dass die Töchter von Schwestern gespielt werden könnten. In der von der Casting-Direktorin Christel Baras veröffentlichten Anzeige wurde dieses Kriterium erwähnt, und wir erhielten die Bewerbung von Joséphine und Gabrielle Sanz für die Rolle der Mädchen Nelly und Marion. Sie wollten den Film machen und ihre Eltern waren bereit, sie bei dieser Geschichte, die sie berührte, zu begleiten.

Schlusslied des Films «Petite maman» von Céline Sciamma, französisch und mit deutscher Übersetzung

Titelbild: Die Freundinnen Nelly und Marion

Regie: Céline Sciamma, Produktion: 2021, Länge: 92 min, Verleih: Cineworx

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