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Der «Restlaufzeit» davon laufen

Alle wissen es. Wird auch oft genug in Ratgebern, beim Arzt, im Freundeskreis betont: bewegen, bewegen bewegen! Sitzen sei das neue Rauchen, ist so ein Slogan, der einen bereits am Morgen Kaffee und Zeitungslektüre vermiesen kann. Alle wissen es. Ausser dem inneren Schweinehund, der lockt immer noch im gemütlichen Fernsehsessel.

Kerstin Friedichs Buch «Kein Sport ist auch keine Lösung» ist eines der ungezählten Motivationsbücher für Ältere, das alle in die Laufschuhe scheuchen soll. «Gut älter werden» heisst es auf dem Cover – über dem Bild einer faulen Katze auf einem Sofa. Ja, wenn das so ist! So lassen wir uns doch das gefreute Altern gefallen.

Ein süsses Katzenbild? Nein, der innere Schweinehund, der Sportmuffel auf das gemütliche Sofa zu locken versucht.

Das Buch beginnt denn auch ziemlich gemässigt. Also nicht mit einem Trainingsprogramm und dem Versprechen, in vier Wochen locker einen Marathon bestreiten zu können. Friedrich, Wirtschaftspsychologin, Autorin und Coaching-Expertin für Unternehmen, befasst sich für einmal mit der Zielgruppe Senioren und Seniorinnen und will mit ihrem Ratgeber aufzeigen, wie man der «Restlaufzeit» des Lebens – ja, eben, davonläuft.

Bisschen Sport und schon Triathletin

Mit 60 erst habe sie ernsthaft mit Sport begonnen, mit Ausdauersport, weil dafür die Voraussetzungen minimal sind, schreibt sie am Anfang des Buches «Kein Sport ist auch eine Lösung». Heute ist sie begeisterte Triathletin und bereit, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Ihren Werdegang bis zur ernsthaften Sportlerin überspringen wir jetzt mal, auch wenn er im Buch ausführlich und mit einer gehörigen Portion Selbstironie beschrieben wird.

Das Ernährungskapitel haut einen nicht aus den Socken – Zucker ist schlecht, Gemüse gut und Proteine müssen sein – aber ihre Motivationstipps, die darf man sich merken. Sport zur Gewohnheit werden lassen, zum Beispiel: Die Sporttasche bereits am Vorabend packen und an die Haustüre stellen. Den Sport fest ins Tagesprogramm einplanen – am besten gleich am Morgen, immer zur selben Zeit.

Und den erbrachten Effort belohnen! Besser nicht mit Schokolade oder einem Gin Tonic. Aber mit Musik, einer kleinen TV-Pause, einem Blumenstrauss oder einem Anruf bei einer/einem Vertrauten. Helfen kann auf dem Weg zu mehr Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer nach Friedrichs die Harada-Methode, entwickelt von einem japanischen Sportlehrer.

Japanischer Vierstufenplan

In einem Vierstufenplan – mit etlichen Zwischenschritten – soll man für sich eine Trainingsmethode erarbeiten, die man auch einhalten kann. Das geht von Motivation über Zielsetzung bis zu Routinemassnahmen und dem richtigen Coaching. Letzteres empfiehlt Friedrich ganz besonders. Denn ohne Unterstützung sei es immer schwieriger, seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.

Um Dranzubleiben braucht es auch ein gutes Umfeld. Das kann eine Laufgruppe sein, ein Fitnesscenter oder ein Turnverein. Regelmässige Treffen werden bald zur guten und gesunden Gewohnheit. Und dann: durchhalten. Auch wenn wohlmeinende Bekannte finden, man solle sich im Alter doch nicht mehr quälen, das Altern lasse sich eh nicht aufhalten. Was natürlich stimmt. Aber wer erlebt hat, wie eine sportliche Aktivität, ob das nun Laufen ist, Gewichte stemmen im Fitnesscenter oder eine Gymnastikstunde, nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele gute Laune macht, der wird negative Einflüsterungen souverän überhören.

Andererseits ist es etwas störend, wenn im Buch im Zusammenhang mit Altersheimen immer auch das Verb «dahinvegetieren» vorkommt. Natürlich möchten alle so lange wie möglich selbstständig leben, aber der Umzug ins Altersheim sollte doch etwas positiver besetzt sein. Auch dort kann noch gelebt werden. Und nicht nur vor sich hin vegetiert, wie Gemüse im Garten. Hier könnte etwas Motivationstraining nicht schaden.

Ein anderer Kritikpunkt ist die Gestaltung des Buches: Zusammenfassungen in dicker, oranger Schrift in orange hinterlegten Kästchen fallen sofort ins Auge. Aber die zahlreich in den Text eingestreuten Merksätze, ebenfalls orange, kommen in einer Art dünner «Schnüerlischrift» daher. Was bei nicht optimaler Beleuchtung – zum Beispiel für  diejenigen, die vor allem im Bett im Schein einer Nachttischlampe lesen – ziemlich mühsam wird. Aber vielleicht ist das ja gewollt. So im Sinne von Augen- und Gehirntraining im Alter.

Kerstin Friedrich: «Kein Sport ist auch keine Lösung.» (2021) Patmos-Verlag. ISBN 978-3-8436-1321-7

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1 Kommentar

  1. Bitte streichen Sie und alle Welt einmal den Wortlaut ‹innerer Schweinehund› aus dem Vokabulair.
    Weiss man/frau woher der Ausdruck stammt? Man denke an den 2. Weltkrieg und seine Folgen.
    Das wär’s.

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