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Zu Besuch bei einem Messerschmied

Die Messerschmiede Klötzli in Burgdorf BE feierte im Juni dieses Jahres ihr 175-jähriges Bestehen. Rechtzeitig zu diesem Anlass hat die Familie im Stammhaus ein kleines Museum eingerichtet.

Messer brauchen wir in zahllosen Situationen. Auf der Fahrt nach Burgdorf fiel mir ein Verwendungszweck nach dem anderen ein, nicht nur Tafel- oder Küchenmesser, Metzgermesser oder Rasiermesser. Die verschiedensten Berufe benötigen für ihre Tätigkeit Messer, oft ganz besondere. – Nicht zu erwähnen, all die Messer, von deren Nutzen ich nichts weiss. Und gute Messer, das lerne ich bald von H.P. Klötzli, dem Seniorchef der Messerschmiede, der an diesem Morgen eine kleine Gruppe durch sein Museum führt, gute Messer sind heute gefragt wie eh und je.

«Der Lockdown hat den Aufbau des Museums ermöglicht,» erzählt mir Bea Klötzli, Ehefrau des Seniorchefs, denn in dieser Zeit habe es nichts Gescheiteres gegeben, als die gesammelten Dokumente, Fotos und die unendlich vielen Gegenstände aus Werkstatt und Laden zu ordnen und schliesslich die alte Messerschmiede als Museum einzurichten. «Besonders Nina und Samuel, die 6. Generation im Familienbetrieb,» fügt Frau Klötzli hinzu, «haben sich dabei stark engagiert.»

H.P. Klötzli neben dem Foto seines Vorfahr J. U. Klötzli

Angefangen hat es mit Johann Ulrich Klötzli, geboren 1820 in Zauggenried, auf den der Pfarrer im Religionsunterricht aufmerksam geworden war. Er war es, der dem Fünfzehnjährigen eine Lehrstelle beim Messerschmiedmeister Burri an der Mühlegasse in Burgdorf ermöglichte. Offensichtlich passte dem Jungen diese Arbeit und den Burris gefiel er auch, denn nach der vierjährigen Lehre und einigen Wanderjahren in Frankreich rief ihn Frau Burri zurück: Ihr Mann war gestorben und der junge Mann sollte die Messerschmiede übernehmen – ein grosser Vertrauensbeweis, vermutet die Schreibende. Seitdem führen Klötzlis die Werkstatt und später den Laden ununterbrochen.

Mühlegasse 6. Wo jetzt der kleine Coiffeursalon ist, befand sich früher der Laden.

Das Haus an der Mühlegasse gehörte dem Messerschmid schon, bevor J. U. Klötzli dort einstieg. Zwei Häuser weiter bestand eine Mühle, die den Bach hinter der Häuserzeile nutzte. Aber auch ein Messerschmied braucht für seine Arbeiten, vor allem fürs Schleifen und Polieren einen Antrieb. Deshalb erhielt Friedrich Ernst Klötzli (2. Generation) vom Müller das Recht der Wassernutzung. – Er hatte auch des Müllers Tochter geheiratet. – H.P. Klötzli erklärt uns die raffinierte Kraftübertragung durch Transmissionsriemen vom Wasserrad zum Schleifstein. Erst Ernst Ulrich Klötzli (4. Generation) installierte einen Elektromotor als Antrieb.

Die Mühlegasse und Umgebung war noch lange Zeit ein Gewerbequartier. H.P. Klötzli erinnert sich noch an die Handwerksbetriebe, als Kind hat er dort gern reingeschaut. Aber er war auch immer in der Messerschmiede, wollte wissen, was gemacht wurde, nahm gern selbst Dinge in die Hand. Auch wenn er wie seine Vorfahren nach der Lehre auf Reisen ging, wusste er seit Kindheit, dass er sein Leben im Betrieb seiner Familie verbringen wollte.

In früheren Zeiten wohnte die Familie im gleichen Haus, wie üblich in Handwerkerhäusern. Nach hinten hinaus wurde später eine Terrasse gebaut, im 19. Jahrhundert war dort auch die Toilette, eine Aussentoilette, höchstens die Karbidlampe, die man mitnahm, wenn man «aufs Örtchen» ging, gab neben etwas Licht auch eine Spur Wärme ab.

Das Haus der Messerschmiede von hinten, unten die frühere Werkstatt – die Esse, unter der geschmiedet wurde, besteht noch. Der Mühlbach fliesst auch noch, an dieser Stelle unsichtbar.

Als die Werkstatt grösser wurde und mehr Mitarbeiter beschäftigte – dort arbeiteten lange Zeit sechs Personen -, wurde das Dach angehoben, dadurch ein halbes Stockwerk gewonnen. Damit gab es Zimmer für die Angestellten; als Jugendlicher reservierte H.P. Klötzli ein Zimmer dort oben für sich.

Zahlreiche Geschäftsbeziehungen führten H.P. Klötzli in der Welt herum, nach New York kam er oft, auch nach China, so wurden auch «exotische» Ideen an ihn herangetragen. Sein grösster Flop sei das «Rambo-Messer», erzählt er vor der Vitrine: Er hatte den Tipp erhalten, dass demnächst ein Film in die Kinos käme, der Furore machen würde und in dem die Hauptperson, Rambo eben, ein besonders auffälliges Messer hatte. Also wurden in der Firma Klötzli Hunderte solcher Messer hergestellt und auf den angekündigten Termin hin ein kurzer Werbespot bestellt, als Vorfilm vor dem «Rambo»-Film. Und dann wurde die Filmpremière kurzfristig um einige Monate verschoben, aber den Werbespot konnte Klötzli nicht mehr zurückziehen. – Was für ein Reinfall!

Eine glänzende Darstellung von scharfen Gegenständen (in der unteren Reihe links und rechts: Käsebohrer zur Reife- und Qualitätsprüfung)

H.P. Klötzli hat in seinem Berufsleben wohl mehr Wandel erlebt als frühere Generationen, obwohl schon der Wechsel vom Antrieb durch Wasserkraft zu Strom ein gewaltiger Fortschritt war. Aber seit der Technisierung in allen Lebensbereichen hat sich noch sehr viel mehr verändert, die Arbeit mit Laser oder Computersteuerung lässt sich nicht mehr mit der früheren Arbeit vergleichen. Auf meine Frage, wie er die Folgen der neuesten Technik für sein Metier einschätzt, erwidert Klötzli: «Das sind spannende Entwicklungen, es zeigen sich viele Möglichkeiten, unser Arbeitsbereich erweitert sich dadurch», und bei diesen Worten blitzt es in den Augen des Seniorchefs, der die Geschäftsführung an die 6. Generation weitergegeben hat.

Ein Materialschrank aus früheren Zeiten. Die Messerschmiede haben wohl nichts weggeworfen, was noch hätte nützlich sein können.

In den grossen Vitrinen fallen die Käsebohrer auf, in verschiedenen Grössen für grössere oder kleinere Käselaibe. Sie sind immer noch ein gesuchtes Spezialprodukt der Firma, denn auf die Frage eines Besuchers, was daran so besonders sei, lächelt H.P. Klötzli: «Die sind gar nicht so einfach herzustellen, wie sie aussehen.»

Dass ein Rasiermesser zusammen mit dem Leder zum Abziehen ausgestellt ist, hat ebenfalls seine eigene Bewandtnis. Barbiere gibt es in unseren Breiten nicht mehr viele, doch interessant zu wissen ist, was H.P. Klötzli dazu erklärt: Ein Rasiermesser hat nicht einfach eine scharfe Klinge, sondern stattdessen lauter winzige, von Auge fast nicht sichtbare Zähnchen. Diese «klemmen» das Barthaar ein, bevor sie es abschneiden. Das Leder dient dazu, die feinen Zähnchen wieder aufzurichten für die nächste Rasur.

Eine künstlerisch gekonnte Präsentation von Scheren und Messern (alle Fotos: mp)

Viele Beispiele sind in den Vitrinen des Museums ausgestellt. Dazu gehören auch die zierlichen Stickscheren. Sie waren in Frankreich im 18. Jahrhundert überaus beliebt, als die Damen bei Hofe das Sticken für sich entdeckt hatten. Natürlich wollten daraufhin alle bürgerlichen Frauen ebenfalls Deckchen sticken. – Kulturtransfer nennen das die Wissenschaftler. –  Solche Scheren oder Taschenmesser, wurden nicht in der Firma Klötzli hergestellt, im Laden werden sie noch heute verkauft.

Deshalb muss sich H.P. Klötzli schnell verabschieden und in den Laden laufen, wo es an diesem Samstagmittag «brummt» und er für Beratungen und kleine Reparaturen zur Verfügung stehen möchte.

Messerschmiede Klötzli Burgdorf BE

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