FrontGesellschaftSchatten über der Gründung des Kantons Jura

Schatten über der Gründung des Kantons Jura

Haben der Bundesrat und das Schweizerische Bundesgericht Ende der siebziger Jahre jurassische Separatisten geschont, um die Gründung des neuen Kantons nicht zu gefährden? Wurde auf Ermittlungen über eine angebliche Zusammenarbeit von «Béliers» und RAF-Terroristen von Staates wegen verzichtet? Der Schriftsteller Daniel de Roulet hat zu diesen und anderen Thesen einen spannenden Roman geschrieben.

Der Höhepunkt des Jura-Konflikts liegt zwar fünfzig Jahre zurück, ist aber in den Köpfen noch immer präsent: In den sechziger und siebziger Jahren kämpfen die separatistische Jugendgruppe «Béliers» und die Jurassische Befreiungsfront («Front de Libération Jurassien») mit Ausschreitungen, Besetzungen, Sachbeschädigungen und Brandanschlägen für einen unabhängigen Kanton Jura. Die Eidgenossenschaft und der Kanton Bern taten sich schwer mit der eskalierenden Gewalt.

Separatisten zerstörten die Scheiben eines Berner Autos. Berner Grenadiere sicherten den Tatort. Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern, gekennzeichnet mit PBA BZ.

In drei Volksabstimmungen wurde 1974 und 1975 über die Ablösung des Nord-Jura vom Kanton Bern entschieden. Am 24. September 1978 stimmten 82,3 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sowie alle Stände für die Gründung des Kanton Jura. Ab 1979 verlor das «Rassemblement jurassien» allmählich an Bedeutung zugunsten traditioneller politischer Parteien, und der Konflikt zwischen Separatisten und Antiseparatisten beruhigte sich in den frühen 1980er Jahren etwas.

Operierte die deutsche RAF auf Schweizer Gebiet?

Parallel zu den Unabhängigkeitsbestrebungen kam es im Herbst 1977 und Frühling 1978 im Jura zu einer Reihe ebenso blutiger wie rätselhafter Ereignisse. Auf einer Nachtübung verschwand der Schweizer Offiziersaspirant Rudolf Flükiger. Seine Überreste wurden nach einer grenzüberschreitenden Suche im Elsass aufgefunden. In jurassischen Fahy wurden bei einer Schiesserei zwei Schweizer Grenzwächter von Terroristen der Roten Armeefraktion (RAF) angeschossen. In Pruntrut kam der Berner Polizeikorporal Heusler zu Tode. Last but not least starb am 22. März 1978 der Wirt eines jurassischen Restaurants, Alfred Amez, an einem Verbrechen. Er hatte damit geprahlt, Details über den «Mordfall Flükiger» zu kennen.

Zeitungsausschnitt «Die Tat»: Am 2. Dezember 1977 schossen die RAF-Mitglieder Gabriele Kröcher-Tiedemann und Christian Möller am Grenzübergang Fahy auf zwei Schweizer Grenzwächter.

Am 5. September 1977, im sogenannten «Deutschen Herbst», wurde der deutsche Arbeitgeberpräsident und Vorsitzende des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hanns Martin Schleyer, in Köln-Braunsfeld von dem RAF-Kommando «Siegfried Hausner» entführt, erschossen und am 19. Oktober 1977 in Mülhausen (Frankreich) im Kofferraum eines Audi 100 aufgefunden. Es gab Gerüchte, Schleyer sei von Deutschland über Schweizer Staatsgebiet nach Frankreich gebracht worden. Ob dabei jurassische Separatisten die deutschen RAF-Terroristen unterstützen, bleibt Gegenstand von Spekulationen.

Auf Fakten basierender Roman mit Fragen

Daniel de Roulet. Foto: Georgette Mentoux / Wikipedia

Bis heute stellen sich zahlreiche Fragen: Gab es Ende der siebziger Jahre eine aktive Zusammenarbeit zwischen RAF-Terroristen und den «Béliers»? Wer hat die Morde am Offiziersanwärter Flükiger, an einem Berner Polizisten und an dem Wirt auf dem Gewissen? Wurden die jurassischen Freiheitskämpfer von der Schweizer Staatsgewalt bewusst geschont, um nicht die Gründung des Kantons Jura zu gefährden?

Diese und weitere Fragen behandelt der Schweizer Schriftsteller Daniel de Roulet in seinem neuen Roman «Staatsräson». Darin lässt er den verstorbenen Journalisten Niklaus Meienberg die Zusammenhänge der Verbrechen recherchieren. Zweite Protagonistin im Roman ist die fiktive Tochter eines Schweizer Bundesrats, die Meienberg in Paris trifft und lieben lernt. In dem Roman erhält Niklaus Meienberg das Angebot einer grossen deutschen Zeitung für eine Artikelserie. Beim «Tages-Anzeiger» hatte er Schreibverbot. Meienberg fährt in den Jura. Auf dem Rücksitz seines Motorrads sitzt die Tochter von Bundespräsident Kurt Furgler, der sich vehement für einen Kanton Jura einsetzt. Die Romanfigur Meienberg will eine Artikelserie schreiben und als Höhepunkt endlich Kurt Furgler interviewen.

Eine Schlüsselfigur bei der Lösung des Jurakonflikts. Bundesrat Kurt Furgler. Foto: ETH-Bibliothek

Der Jurakonflikt verfolgt Autor Daniel de Roulet seit seiner Jugend. Im Jura aufgewachsen, erlebte er jede Wende sowohl der Separatisten als auch der Berner Kantonsregierung. Gemäss seiner im Roman dargestellten These stellten Bundesrat Furgler und das Bundesgericht die Staatsräson über das geltende Recht. Furgler habe die von den «Béliers» ausgehende Terrorgewalt bewusst heruntergespielt, um einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Die Gründung des neuen Kantons sei oberste Maxime gewesen. Ihr habe sich auch das Bundesgericht durch milde Urteile gegen die Separatisten untergeordnet, analysierte de Roulet in einem SRF-Interview. Als Folge dieser Strategie hätten die Behörden mehrere Verbrechen nicht konsequent ermittelt, sondern bewusst weggeschaut. Ein «Mantel des Schweigens» liege noch heute über diesen unaufgeklärten Verbrechen.

Obwohl er selber gleich gehandelt hätte wie Furgler, ist de Roulet der Ansicht, dass heute Transparenz geschaffen werden muss. «Ohne Wahrheit gibt es keine Gerechtigkeit», sagte der Schriftsteller in dem Radio-Interview. Nur so sei eine späte Versöhnung zwischen den damaligen Kontrahenten und letztlich eine Beilegung des noch immer schwelenden Jurakonflikts möglich. Dieses Anliegen war letztlich auch die Motivation, den Roman «Staatsräson» zu schreiben. Wenn die Politik versage und die Medien bei ihren Recherchen nicht weiterkämen, dann sei die Literatur gefordert, Denkanstösse zu entwickeln. Dieser Mechanismus ist aus der Aufklärung der Geschichte der Fahrenden, der Verdingkinder, der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und der Beteiligung von Schweizer Unternehmen an der Sklaverei bekannt.

De Roulets spannender Roman formuliert brisante Hypothesen und liefert Denkanstösse für eine mögliche Aufarbeitung. Die Umsetzung des Anliegens allerdings liegt nicht in der Hand der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, sondern bei der Politik und der Justiz.

Daniel de Roulet, Staatsräson, Roman, Aus dem Französischen von Yves Raeber. Limmat-Verlag, 112 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Titel der Originalausgabe: «L’Oiselier». Oktober 2021, ISBN 978-3-03926-019-5

Titelbild: 1975 kam es zu Ausschreitungen in Moutier. Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern, gekennzeichnet mit PBA BZ.

SRF-Podcast «Literatur versus Staatsräson»: https://www.srf.ch/audio/literaturfenster/literatur-versus-staatsraeson?id=12075789

1 Kommentar

  1. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, diese Geschichte neu aufzurollen.
    Wenn damals mit Rücksicht auf die Abstimmung eventuell gewisse Vorfälle verwischt wurden lässt sich das Jahrzehnte später kaum mehr genauer rekonstruieren und auch ein sorgfältig recherchierter Roman bleibt schlussendlich ein Roman.

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