FrontKulturDen Existentialismus malen

Den Existentialismus malen

Die Ausstellung «Varlin/Moser – Exzessiv!» zeigt eine überraschende künstlerische Begegnung im Museum Allerheiligen in Schaffhausen. Kurator Matthias Frehner hat über hundert Werke von Varlin und Wilfrid Moser versammelt: Die künstlerische Verwandtschaft im «existentialistischen Realismus» leuchtet ein.

Varlin (1900-1977), geboren als Willy Guggenheim, ist heute vor allem wegen seines grossen Porträts von Friedrich Dürrenmatt bekannt, der das grosse Heilsarmee-Bild erworben hat, welches im Centre Dürrenmatt hinter dem Dichterschreibtisch hängt, weil das Zürcher Kunsthaus an der Schenkung Dürrenmatts kein Interesse hat.

Varlin und Moser: Varlin malte immer wieder Selbstporträts, wie dieses «Selbstbildnis» von 1943. Wilfrid Moser verzichtete darauf: Seine abstrakten Skulpturen sind jedoch auch figürlich, so wie diese «Ohne Titel» von 1973.

Wilfrid Moser (1914-1992) wusste sehr früh, dass er Künstler werden wollte. 18jährig besuchte er James Ensor in Oostende, ein Jahr später Ernst Ludwig Kirchner in Davos. Dieselben wichtigen Stationen wie vor ihm Varlin suchte er auf, nämlich Paris und Berlin, wo beide aus der engen Zürcher Heimat ausbrechend dasselbe suchten: eine anonyme Grossstadt und eine relevante Künstlerszene. Sie lernten sich kennen und schätzen, die Ausstellung will nun zeigen, wie sich ihre Kunst in der Grundhaltung entspricht, wie sie den Realismus gestisch ausdrücken, so dass sie für Kurator Matthias Frehner als Erfinder oder Begründer der Wilden Malerei in den 70er Jahren gelten.

Varlin: Autorennen in Bern. 1947. Privatbesitz

In der Auswahl der Motive gibt es deutliche Parallelen und gegenseitige Einflüsse, auch wenn sich Moser nach dem zweiten Weltkrieg dem Informell und der Abstraktion zuwandte, bevor er im Spätwerk wieder figürlicher und realistisch-expressiver malte. Während Wilfried Moser vom an der Abstraktion interessierten Kunstbetrieb akzeptiert wurde, schien Varlins realistische Malerei veraltet und gegen die Moderne gerichtet.

Varlin: Das geschlachtete Schwein. 1972. Sammlung Sonzogno, Italien

So blieb Varlin allein im unsäglichen Streit mit Max Bill, der ihm vorwarf, die alten Formen zugunsten einer ganz neuen, konkreten Kunst nicht über Bord geworfen zu haben. Und noch immer ist sein Werk in der Rezeption unterschätzt. Matthias Frehner hofft, dass diese Ausstellung eine neue Sicht auf die Bedeutung sowohl von Varlin als auch von Moser bringt.

Wilfrid Moser: Aux Halles, 1962. Privatbesitz.

Mittlerweile hat die Postmoderne ja erkannt, dass Realismus und Abstraktion nebeneinander ihre Berechtigung haben. Schon im ersten Saal der Ausstellung wird das gezeigt: Beide Künstler sind tief in die Frage nach Leben und Tod eingetaucht – so ist beiden das Schlachthaus ein wichtiges Thema. Es gibt die realistischen Bilder von Metzgereien, aber während Varlins Gemälde von Tierhälften den Betrachter abschreckend real irritieren, sind Mosers grossformatige Fleisch- und Blut-Gesten die abstraktere Variante vom Gleichen, nämlich der Schlächterei. Dieselbe Parallele zeigt sich auch in den Metrobildern, die bei Moser zu Schreckensszenerien mutieren.

Varlin: Friedhof in Almuñécar, 1958/59. Privatsammlung

Wilfrid Moser: Der schwarze Stein (Stele 1), 1974-77. Stiftung Wilfrid Moser

Oder das Motiv vom Tod. Varlins verstörendes Riesenbild, inspiriert vom Friedhof in Almuñécar, von dem auch Moser unauslöschbare Eindrücke später verarbeitete, ist im Jahr 1958 für die Malerei der Schweiz singulär. Wer diese Todeslandschaft heute anschaut, kann sich den Assoziationen an Bilder aus dem Krieg kaum entziehen. Im selben Raum hängen Mosers Paraphrasen des berühmten Géricault-Bilds Das Floss der Meduse, Motiv ist ein Abfallhaufen grünlich-grauer Holzkisten, eine nature morte im Wortsinn.

Wilfrid Moser: Motocross. 1963. Privatbesitz

Aber nicht nur Tod, Angst und Entsetzen über das, was die Gegenwart den beiden Malern bescherte, ist in den Bildern; natürlich bekommen auch Temporausch, Ausgelassenheit, Spass nebst dem Alltag der Strassen und Häuser ihre malerische Umsetzung. Wilfried Moser mochte schnelle Autos, Varlin malte sein Autorennen in Bern als Auftragsbild. Anekdote: Varlin hat das verlorene Nummernschild am Wagen von Moser 1935 in Marokko mit Pinsel und Farbe auf die Karosserie gemalt. Inspiriert von Ensors Einzug Christi in Brüssel 1889, das Moser beim Besuch des belgischen Malers im Atelier sah, malte er Menschenmassen auf Rummelplätzen oder an Sportwettkämpfen und in der berühmten Rue Saint-Denis, die damals für viele Künstler und Schriftsteller eine Inspirationsquelle war.

Varlin: D’après Goya. 1970-1973. Sammlung Véronique, Marilyn und Alexandre Toubas, England

Den Künstlernamen Varlin legte sich Willy Guggenheim auf Anraten seines Galeristen in Paris zu. Es galt einerseits Distanz zum Kunstmäzen Guggenheim zu schaffen, andererseits ist es eine Hommage an den revolutionären Gewerkschafter Eugène Varlin (1839-1871), Mitglied der Pariser Kommune, der am 28. Mai 1871 von einem Priester verraten, vom Mob gelyncht und von Soldaten erschossen wurde. Varlin engagierte sich früh und heftig gegen den Faschismus und die Nationalsozialisten. Zeugnis davon gibt seine 1933 publizierte Zeitung Israël souviens-toi, in welcher er mit drastischen Karikaturen vor der Zukunft warnte. Der 10 Jahre jüngere Moser – in Spanien überrascht vom Ausbruch des Bürgerkriegs – engagierte sich als Spanienkämpfer gegen die Franco-Diktatur.

Begleitpublikation: Exzessiv! Varlin/Wilfrid Moser. Hirmer Verlag Münschen, 240 Seiten, 140 Abbildungen;  im Museumsshop 39 Franken.

Ebenso eindringlich die Holzschnitt-Serie Plurima Mortis Imago (Totentanz Stalingrad), mit der Wilfrid Moser 1943 auf die Hinrichtung des deutschen Widerstandskämpfers John Karl Friedrich Rittmeister reagierte. «Die Kunst ist der Schock des Individuums vor der Welt,» hat Wilfrid Moser seine Grundhaltung 1993 formuliert. Während Varlin seine existentialistische Haltung 1970 so in Worte fasste: «Kunst ist Selbstverteidigung, Befreiung von sich selbst, Befreiung von den Mächtigen, den Bösen.»

Die Diskussion um eine neue Bewertung von Wilfrid Moser und vor allem auch von Varlin anzustossen, dazu will auch die Begleitpublikation beitragen. Matthias Frehner, der mit seiner Ausstellungsidee bei der Museumsdirektorin Katharina Epprecht offene Türen und dank Umbauarbeiten auch viel Raum fand, zeigt in einem umfangreichen Text auf, wer die geistigen Väter der beiden Künstler sind (Stichworte: van Gogh, Soutine, Munch, Goya), was sie bewegte, wo die Parallelen ihrer Existenz zu suchen und zu finden sind.

Schon wegen der beiden druckgrafischen Arbeiten lohnt sich der Besuch der Ausstellung. Kurator Frehner ist es gelungen, Werke zusammenzutragen, die noch nie oder ganz selten gezeigt wurden; da werden Parallelen in der Wahl der Motive und im exzessiven Gestus der Malerei sichtbar, die bislang noch niemandem aufgefallen sind. Gewiss, die Porträtmalerei von Varlin und die Informell-Phase von Moser sind in dieser Ausstellung praktisch nicht repräsentiert. Hier geht es um eine exzessive Malerei, die auf den Schrecken und die Gewalt, die Enthemmung und Desorientierung der Zeit reagieren musste, beiden Künstlern war die Arbeit existentiell.

Titelbild: Wilfrid Moser: Métro 1946, Privatbesitz.
Bis 25. September

Museum zu Allerheiligen Schaffhausen. Exzessiv! VARLIN/MOSER.
Hier gibt es Informationen für den Besuch
Das Museo d’arte Mendrisio zeigt die Varlin-Moser-Ausstellung vom 30. Oktober an in veränderter Form.

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