FrontLebensartAquileia und Cividale – Städte der Spätantike

Aquileia und Cividale – Städte der Spätantike

Die italienische Region Friaul-Julisch Venetien ist seit der Antike ein Schmelztiegel östlicher und westlicher Kulturen mit wechselvoller Geschichte. Viele mögen sich an das grosse Erdbeben von 1976 in der Gegend von Gemona erinnern.

Wichtig für das Verständnis der Geschichte des Friaul sind vor allem zwei im römischen Reich gegründete Städte: Aquileia und Cividale. Im frühen Christentum und bis ins Hochmittelalter war das ältere Aquileia Residenzstadt der einflussreichen Patriarchen von Aquileia. Cividale wurde im Zuge der spätantiken Völkerwanderung von den Langobarden erobert und zu deren Hauptstadt ausgebaut. Im 6. Jahrhundert stiessen sie von der unteren Elbe über Ungarn bis ins heutige Friaul und später bis nach Mailand vor.

Die Basilika von Aquileia ist das geschichtlich und künstlerisch bedeutsamste Monument der Region – einst die Metropolitankirche einer grossen Kirchenprovinz.

Besucher Aquileias ahnen kaum, welche Bedeutung der heute unbedeutende Ort hatte. Die frühere Handels- und Garnisonsstadt zählte zu den bedeutendsten und prachtvollsten römischen Städten. Das 181 v. Chr. gegründete Aquileia entwickelte sich zu einer der herausragenden Metropolen des römischen Reiches und fungierte zeitweise als kaiserliche Residenz. Vom 4. bis ins 15. Jahrhundert war der Patriarch von Aquileia ein religiöser und weltlicher Würdenträger mit einer Macht weit über das Friaul heraus. Das Patriarchat überlebte und integrierte die eindringenden Langobarden, West- und Ostgoten.

Die Säulenreihen in der Basilika und ein riesiges Mosaik von etwa 750 Quadratmeter sind beeindruckend.

Die Grösse und Ausstattung der beiden ineinander gebauten frühchristlichen Kirchen mit dem Baptisterium spiegeln noch heute die Bedeutung der christlichen Gemeinde. Ihr Ansehen in der Antike wurde die Grundlage der späteren ausgedehnten weltlichen Herrschaft. Der im 11. Jahrhundert erneuerte Dom war einst Metropolitankirche einer grossen Kirchenprovinz. Heute ist er vom Rang her eine einfache Dorfkirche, trägt jedoch den Titel Basilika.

Die Christen im 4. Jahrhundert übernahmen Motive aus der Spätantike – erst später kamen christliche Figuren dazu.

Wer den Dom besucht, wird sich der Pracht des grossen Bodenmosaiks mit seiner besonderen Raumwirkung kaum entziehen können. Die Mosaiken bieten eine reiche, sinnliche Sicht der Welt. Die detailgetreue Darstellung vereinigt Motive aus der spätantiken Kultur des Hellenismus.

Die Mosaiken zeichnen sich durch eine naturalistische Wiedergabe und eine bunte Farbpalette aus.

Immer dann, wenn auf dem Festland Gefahr drohte, war das nahe gelegene Grado Zufluchtsort für die Bewohner von Aquileia. Im Zeitraum von 80 Jahren eroberten erst die Westgoten, dann die Hunnen und schliesslich die Ostgoten im 5. Jahrhundert die Stadt. Während die einst reiche Handelsstadt Aquileia langsam zerfiel, erlebte Grado seine Blütezeit. Gefährdet war es allerdings durch die Sturmfluten, die den Boden der Insel immer mehr ins Meer rissen. Viele Menschen flüchteten daher nach der Inselgruppe des Rialto, dem sich bildenden Venedig. Versumpfung und Malaria beendeten schliesslich Grados Blütezeit.

Die frühchristliche Kirche Sant′ Eufemia in Grado

Cividale hingegen ist die Stadt der Langobarden. Deren Kunstdenkmäler finden sich so konzentriert an keinem anderen Ort. Die Bedeutung der Stadt nahm nach der Zerstörung von Aquileia zu. Als die Langobarden im Jahr 568 ins Friaul einfielen, machten sie es zur Hauptstadt ihres ersten Herzogtums auf italienischem Boden. Sein römischer Name Forum Julii führte zur italienischen Bezeichnung Regione Friuli.

Der Altar des Ratchis, 15. Jh. “Triumph Christi” im Museo Cristiano e Tesoro del Duomo, Cividale

Die «langobardische Kunst» besteht in einer Verbindung von zwei sehr unterschiedlichen Elementen. Die immigrierenden Langobarden kannten, typisch für nordische Völker, Kunstwerke aus Metall. Traditionell für das Nomadenvolk waren Schmuck und Waffen. Für die Ausschmückung ihrer Paläste und Kirchen – sie hatten inzwischen den katholischen Glauben angenommen – griffen sie auf einheimische Künstler zurück. Ihre Motive waren daher klassisch und frühchristlich. In diesem bikulturellen Klima liessen die neuen Herren die künstlerische Ausschmückung von Einheimischen ausführen, eine geglückte Synthese also von nordisch-germanischen und südlich-klassischen Elementen.

Die Teufelsbrücke und im Hintergrund die Basilika Santa Maria Assunta. Foto: wikicommons

Bekannt ist Cividales „Ponte del Diavolo“. Hier war es nicht der Teufel, der seine listige Hilfe anbot, sondern seine Grossmutter, die in ihrer Schürze den mächtigen mittleren Pfeiler inklusive Fels heranschaffte.

Die sechs weiblichen Figuren stellen Heilige und Frauen fürstlichen Standes dar.

Im Mittelpunkt der Besichtigung von Cividale steht wohl der Besuch des künstlerischen Wahrzeichens, des Tempietto longobardo. Hier im Oratorium des Klosters Santa Maria in Valle ist eines der berühmtesten Werke mittelalterlicher Bildhauerkunst zu entdecken. Das Licht, gebrochen durch Alabasterglas, verleiht dem Ensemble einen Hauch von Orient. Die Raumwirkung ist wirklich besonders.

Friaul-Julisch Veneziens ist geprägt durch zwei Grossmächte, die vom Hochmittelalter bis in die neuere Zeit die Geschichte der Region bestimmten: Ihre Hoheitszeichen sind der Markuslöwe von Venedig und der Doppeladler der habsburgischen Vielvölkerdynastie, ihre Spuren finden sich in Sprache, Mentalität und Architektur. Davon in einem zweiten Bericht.

Titelbild: Fassade des nach dem Erdbegen wiederhergestellten Doms von Gemona. Foto: Johann Jaritz (Ausschnitt)
Bilder: Justin Koller

Quelle: DUMONT Kunst-Reiseführer Friaul und Triest. Klaus Zimmermanns et al.

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