FrontLebensartDie Magie der Zauberberge

Die Magie der Zauberberge

Der Germanist Andreas Lesti ist auf den Spuren von Thomas Mann, Friedrich Nietzsche, Theodor W. Adorno und anderen Dichtern durch die Schweizer Alpen gereist und hat darüber ein Buch geschrieben, das mehr ist als ein Reiseführer.

Die Faszination für Berge, Seen sowie Landschaften und die Furcht vor schweren Krankheiten, vor dem Tod liegen in den Schweizer Alpen nahe beieinander: Zahlreiche Geistesgrössen, Philosophen und Schriftsteller haben im 18., 19. und 20. Jahrhundert das Prättigau, das Engadin, das Wallis bereist und ihre Eindrücke in Werken der Weltliteratur beschrieben. Was erlebten sie in Davos, in Sils Maria, St. Moritz und Zermatt? Und wie prägten diese Reisen ihr Schaffen?

Der deutsche Journalist und Alpinist Andreas Lesti hat die Kurorte und ihre Gipfel mehrfach erkundet, im Gepäck stets einige berühmte Bergbücher. Für seine jüngste Literaturreise während und nach der Corona-Pandemie packte er Thomas Manns «Zauberberg», Erich Kästners «Zauberlehrling», Theodor Adornos «Minima Moralia» und Friedrich Nietzsches «Also sprach Zarathustra» ein.

Auf den Spuren von Thomas Manns «Zauberberg»: Das Sanatorium auf der Schatzalp. Foto © Davos Tourismus

Lesti fuhr mit dem Zug von Berlin über München nach Graubünden, genauso, wie es Hans Castorp in Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» gemacht hatte. Bereits während der Anreise wurde er in Landeck mit den Widrigkeiten der Pandemie konfrontiert. An eine Weiterreise nach Davos noch am selben Tag war nicht zu denken. «Thomas Manns <Zauberberg> lockte mich nach Davos, ein Roman, dessen Hauptfigur vor 100 Jahren sieben Jahre lang nicht mehr wegkam aus den Schweizer Bergen. Nun lässt mich Davos gar nicht erst hin. Der Grund dafür war damals wie heute derselbe: eine Atemwegserkrankung. Damals hiess sie Tuberkulose, heute Covid-19,» schreibt Lesti.

Thomas Mann. Foto © Carl van Vechten / Wikipedia.

Der Reisende schaffte es bis nach Scuol, machte eine Skitour und kehrte angesichts des überraschend verhängten Lockdowns unverrichteter Dinge nach Berlin zurück. Nach anderthalb Jahren reiste er nach Graubünden zurück und besuchte in Davos das ehemalige Waldsanatorium auf der Schatzalp, in dem sich Thomas Manns Frau Katia 1912 wegen Tuberkulose hatte behandeln lassen. Der berühmte Schriftsteller hatte seine Gattin vom 15. Mai bis zum 12. Juni 1912 in Davos besucht. Das reichte ihm, um sich für 1000 Seiten «Zauberberg» inspirieren zu lassen. In Davos schrieb Mann laut Lesti 35 Seiten. 1957 wurde das Waldsanatorium in ein Hotel umgebaut.

Hans Castrop präsentierten sich in Davos «grossartige Fernblicke in die heilig-phantastmorgisch sich türmend Gipfelwelt des Hochgebirges», hatte Mann im «Zauberberg» geschrieben. 110 Jahre später erlebte der Journalist Lesti Davos als eine «Mischung aus Baustellen und Luxus-Boutiquen, Kirchen und Banken, Outlets und Après-Ski-Bars, Shoppingmalls und Hotels in unterschiedlichen Verfallstadien». Für den Zeitgenossen ist es nicht verwunderlich, «dass sich ein Schriftsteller wie Thomas Mann für diesen Ort der Widersprüche interessierte».

Das Waldhaus in Sils Maria. Foto © Engadin Tourismus

Von Davos reiste Lesti weiter nach Sils Maria, den kleinen Ort am Silsersee südlich von St. Moritz, wo der Philosoph Friedrich Nietzsche Ruhe suchte. Dort besuchte Lesti das Hotel «Waldhaus», in dem Theodor W. Adorno so oft war und Briefe an Thomas Mann verfasste. Von Sils ging die Reise weiter nach St. Moritz, wo 1912 die Privatklinik «Dr. Bernhard» eröffnet worden war. Auch in dieser Belle-Epoque-Klinik zählten Berühmtheiten wie Fritjof Nansen, Sir Arthur Conan Doyle sowie der Maler Giovanni Segantini zur illustren Gästeschar. Anders als Davos entwickelt sich St. Moritz jedoch nicht zu einer Kur-Metropole. Die Gemeinde entschied sich dagegen, den Kurort für Tuberkulose-Patientinnen und -Patienten zu öffnen. «Die Krankheit passte nicht zum glamourösen und sportlichen Image des Ortes», schreibt Lesti.

Zermatt am Fuss des Matthorns. Foto © Zermatt Tourismus

Vom Engadin ging die Reise ins Wallis, wo Adorno während einem Aufenthalt in Zermatt 1969 in Visp an einem Herzinfarkt starb. Dort waren nicht Höhenkliniken der treibende Faktor für die Entwicklung des Dorfes, sondern ein magischer Berg. «Ohne das Matterhorn wären wir gar nichts. Es ist ein Pfeil in den Himmel», zitiert der Reisejournalist den lokalen Pfarrer. In Zermatt erholten sich Winston Churchill, Franklin Roosevelt, die Rockefellers, der Schriftsteller Mark Twain, der 1878 eine lustige Geschichte über den Riffelberg schrieb.

Theodor W. Adorno (mit Hut) gemeinsam mit seiner Frau Gretel auf der Gandegghütte. Foto © Adorno Archiv, Frankfurt/Main / FAZ

In Zermatt besuchte Lesti die Gandegghütte, wo vor über fünfzig Jahren, im August 1969, das vermutlich letzte Foto des Philosophen Theodor Adorno und seiner Frau Gretel aufgenommen worden war. Das Bild entstand inmitten einer weissen Gletscherwelt Doch, so schreibt der Journalist: «Die Blicke der Adornos richteten sich auf irgendwas ausserhalb des Bildes, das noch viel interessanter zu sein scheint.» Einige Tage später starb der berühmte Philosoph am 5. August 1969 im Visper Krankenhaus «St. Maria» an einem Herzinfarkt.

Lesti schreibt von der Magie der Berge und verbindet in seinem literarischen Reisebericht Orte sowie Personen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Das Buch ist eine gelungene Gratwanderung zwischen Tourismus, Alpinismus, Philosophie und Weltliteratur.

Andreas Lesti, Zauberberge. Als es die Dichter und Denker auf die Schweizer Gipfel zog. Verlag Bergwelten. 2022. ISBN 978-3-7112-0029-7

Titelbild: Das Sanatorium Schatzalp-Davos im Jahr 1900. Foto © Schatzalp.ch

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel