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So macht Naturkunde Spass

Das Stapferhaus in Lenzburg lädt ein, mit der interaktiven Ausstellung «Natur. Und wir?» in eine poetische Welt einzutauchen und das eigene Verhältnis zur Natur zu entdecken.

Unser Denken ist geprägt von der Überzeugung, dass der Mensch den Steinen, Pflanzen und Tieren übergeordnet ist. Woher solche Vorstellungen kommen, erzählt Natur. Und wir? und regt an, die eigene Sichtweise zu erweitern: Was wäre, wenn wir die Welt aus dem Blickwinkel eines Fuchses sehen oder eines Pilzes wahrnehmen könnten? Was, wenn wir all die winzigen Mikroben in und auf uns sehen könnten, die unser Leben erst ermöglichen? Wie ist es, wenn die Natur mehr Rechte hat? Und was, wenn die Natur etwas ganz anderes ist, als bisher angenommen?

Blick in die Ausstellung. Foto: Anita Affentranger

Als erstes heisst es, Schuhe ausziehen, denn man geht barfuss durch die Schau. Wer das nicht möchte, erhält Plastiküberzieher über die Schuhe. Zudem einen elektronischen Badge, mit dem jeweils an verschiedenen Stationen aus einer Auswahl die eigene Meinung angeklickt werden kann. Die Auswertung ist am Schluss der Ausstellung erhältlich.

Blick ins Naturalienkabinett

Die Ausstellung beginnt hinter einem schwarzen Vorhang in einem altertümlichen Naturkundekabinett. Ein ausgestopfter Wolf blickt von einem erhöhten Holzkasten aus auf die Eintretenden. Davor breitet sich in Schaukästen ein Sammelsurium an präparierten Vögeln, penibel aufgereihten Insekten, Ameisen, Schmetterlingen, Ammoniten, Holzscheiben mit sichtbaren Jahrringen oder Schlangenhäuten aus.

Sammlung von Schmetterlingen

Seit der dem 18. Jahrhundert interessieren sich die Menschen für die Natur. Das Sammeln und Botanisieren von allem was kreucht und fleucht wird zum Volkssport der bürgerlichen Gesellschaft. Die Trophäen werden mit Nadeln aufgespiesst, in Vitrinen gesperrt oder in Glasbehältern in Alkohol konserviert. Dies alles, um die Natur zu bewundern und verstehen zu lernen. Die gezeigten «Naturobjekte» stammen aus naturhistorischen Sammlungen und Museen, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden. Bis heute dienen sie der Forschung und Bildung.

Im Obergeschoss werden auf einer grossen Leinwand verschiedene Videos projiziert: Ein Tierpfleger spricht über seine Pinguine im Zoo, die er alle einzeln genau kennt, eine Forscherin erzählt von einem besonderen Fisch, dessen Verhalten sie studiert. Es ist faszinierend, wie familiär die Fachleute von ihrer Arbeit mit den Tieren berichten.

Filmstill rv

Das Ausstellungskonzept geht von einem kritischen Zustand der Natur aus und fordert dazu auf, das eigene Verhältnis zur Natur zu hinterfragen und mitzureden. Die Spuren, die wir hinterlassen, werden Jahrtausende bleiben. Die Zusammenhänge etwa von den steigenden Temperaturen, den schmelzenden Gletschern oder aussterbenden Arten sind komplex und zeigen, dass Menschen die Erde grundlegend verändern. Dies veranschaulichen neben Grafiken auch Installationen: Ein hoher schmaler Rahmen ist dicht mit Eierschalen gefüllt. Aus diesen Eierschalen sind 2500 Mastküken geschlüpft und alle 16,6 Minuten werden ebenso viele Hühner in der Schweiz geschlachtet.

Im Zentrum der Ausstellung stehen Informationstafeln, Projektionen und Installationen, die über den kritischen Zustand der Erde informieren. Foto: Anita Affentranger

Stell dir vor… du kommunizierst mit Pflanzen. In einem kleinen Raum steht ein Topf mit Basilikum, der verdrahtet ist. Berührt man seine Blätter, ertönen feine Laute. Pflanzen reagieren nicht nur auf Licht und Gravitation, sondern auch auf Berührung. Sie erkennen Gerüche und können über Duftstoffe und Farben mit anderen Organismen kommunizieren. Wie sich Pflanzen selbst auf komplexe Art und Weise mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, wird an der ETH Zürich untersucht.

Pflanzen reagieren auf Berührung, wie hier der Basilikum im Kontakt mit Kindern. Foto: Anita Affentranger

Ein weiterer Raum Stell dir vor…du lernst von Pilzen basiert auf den Untersuchungen von Merlin Sheldrake, der seit fast zehn Jahren Pilz-Netzwerke erforscht. Er hat entdeckt, dass sich bei Pilzen vieles nicht mit der menschlichen Logik erklären lässt und sie unsere Kategorien infrage stellen. Aber er ist überzeugt, dass Pilze die Grundlage allen Lebens sind und die Welt verändern.

Eine virtuelle Gesprächsrunde über unser Verhältnis zur Natur. Foto: Anita Affentranger

Zum Abschluss der Schau gibt es ein virtuelles Podium über unsere Verantwortung gegenüber der Natur. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutieren: der Ganzheitliche, die Unbekümmerte, die Informierte und der Technikfreudige. Zwischendurch wird das Publikum befragt, das mit dem Badge auf eine Ja/Nein-Taste drücken und so sein Votum abgeben kann, was die Diskussion beeinflusst. Es sind spannende Überlegungen und Sichtweisen, die einen mitdenken und mitdiskutieren lassen.

Wolf aus Estland, präpariert 2016 von Jarno Kurz, wissenschaftlicher Präparator am Bündner Naturmuseum.

Die Ausstellung wurde Ende Oktober 2022 eröffnet und in enger Zusammenarbeit mit dem holländischen Szenografiebüro Kossmann.dejong konzipiert und umgesetzt. Sie ist ein grosser Publikumsmagnet. Schon beim Warten an der Kasse fällt das muntere Publikum auf, neben älteren Besuchern auch viele Jugendliche; ein spannender Besuch während der Sportferien. Im Foyer nebenan lässt sich bei Kaffee und Kuchen angeregt diskutieren.

 

Titelbild: Blick in die Ausstellung. Barfuss durch den feinen Sand gehen, ein Erlebnis für Füsse und Geist. Foto: Anita Affentranger
Fotos: Anita Affentranger und rv

Bis 29. Oktober 2023
«Natur. Und wir?» im Stapferhaus, Lenzburg (gleich neben dem Bahnhof Lenzburg)

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