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Aus Mathematik wird Kunst

Der Physiker Jürg Nänni war auch Künstler. Seine Farbkonzepte und Theorien der visuellen Wahrnehmung setzte er in Bildern um. Diese sind an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch in einer Dauerausstellung zu sehen.

Auf der Autobahn Höhe Aarau Ost fällt ein schwarz-weiss gesprenkeltes Gebäude auf. Untypisch in dieser Landschaft. Die Lagerhäuser Aarau AG, ein Familienbetrieb seit 1873, liess die Fassade dieses Baus in Schafisheim vom Physiker und Künstler Jürg Nänni 2012 gestalten. Nännis Bilder sind im Lichthof der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch ausgestellt. Das Gesamtwerk des Künstlers wird durch das kürzlich eröffnete Inventar sowie den Katalog umfassend dokumentiert.

Jürg Nänni, Fassadengestaltung der Lagerhäuser Aarau AG, 2012. Foto: Wikimedia Commons

Jürg Nänni (1942-2019) entstammt einer Musikerfamilie in Herisau im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Als Physiker lehrte er an der ETH Zürich und unterrichtete ab 1979 an der Architekturabteilung der FHNW Brugg-Windisch Bauphysik. Früh interessierte er sich für Mathematik und Kunst. Als technischer Berater von Roman Signer, der als Aktionskünstler unter anderem für seine Sprengungen mit Dynamit bekannt ist, berechnete Nänni die Bewegungsmechanik und plante die Kraft der Explosionen.

Jürg Nänni, «Die scheinbare Krümmung». Foto: rv

Der Künstler war hauptsächlich von Farbkonzepten und deren Wirkung fasziniert. Schon Cézanne experimentierte mit Komplementärfarben, Johannes Itten mit dem Farbkreis, mit Pinsel und Farbe. Nänni nutzte den Computer. Seine Bilder entstanden ab 1980 in den Grundfarben Blau-Gelb-Rot sowie Schwarz und Weiss, nach mathematischen Regeln. Nicht die Mischung von Farben interessierte ihn, sondern die optische Wirkung der reinen Grundfarben in ihrem Zusammenspiel.

1999 gründete er gemeinsam mit jüngeren Kollegen das Labor für Gestaltung zwischen Kunst und Technik blelb. «Der Name blelb», erklärt die Webseite, «meint die schillernde Farbmischung aus Blau und Gelb, die entsteht, wenn man mit einem Auge Blau und mit dem anderen Gelb gleichzeitig betrachtet». 1991 veröffentlichte Nänni zusammen mit seinem Kollegen Hans Knuchel das erste Grundlagenwerk Blau.Gelb.Rot.

Jürg Nänni und Hans Knuchel
, «Schuss und Kette»: (links) Originalprint, (rechts) Metallgitter

Für seine Studien entwickelte Nänni eigene Computerprogramme, mit denen er abstrakte Bilder gestaltete. In den mit einem Zufallsgenerator hergestellten Strukturbildern entdeckte er, dass nebeneinanderliegende Farben sich in der Wahrnehmung verändern und im Hirn Bilder entstehen lassen, die nicht vorhanden sind. So legte er beispielsweise vertikale und horizontale Streifen übereinander und untereinander, so dass sie wie verflochtene Bänder eines Gewebes aussehen. Kette und Schuss nannte er diese Arbeiten, dehnte, streckte und verkleinerte sie, und definierte die den Bildern zugrundeliegende mathematische Regel.

Jürg Nänni und Hans Knuchel, «Pointillismus der Sonderklasse», Ausstellungsansicht im Hallerbau der FHNW. Foto: rv

Eine frühe Bildergruppe (1990-2007), die vor allem auf geometrischen Formen basiert, entstand in Zusammenarbeit mit Hans Knuchel und ist im Hallerbau an der FHNW ausgestellt. Eine bebilderte Reise durch unser Gehirn heisst die Schau. Sinnestäuschungen und Wahrheit faszinierten ihn. Für entsprechende visuelle Experimente arbeitete Nänni auch mit Neurologen zusammen. «Was wir sehen, ist nicht die Abbildung der Wirklichkeit, sondern lediglich eine Interpretation unseres Gehirns», erklärte er.

In seinem 2008 publizierten Buch Visuelle Wahrnehmung untersuchte Jürg Nänni die physiologischen Voraussetzungen, die es für die Erfassung im Auge und für die Bildverarbeitung im Hirn braucht. Entsprechend den wahrgenommenen Phänomenen auf den Bildern betitelte er diese: Kippbilder, Winkeltäuschungen, Scheinkanten, Neon-Effekt, Anagramme oder Pointillismus.

Jürg Nänni und Hans Knuchel, «Neon-Effekt und Scheinkanten»

An der FHNW gibt es eine zweite Ausstellung mit jüngeren Werkgruppen. Viele dieser Bilder wurden erst nach Nännis Tod entdeckt und sind noch nie zuvor öffentlich gezeigt worden. Sie entstanden nach seiner Emeritierung und zeigen Jürg Nänni als freien Gestalter, «der sein mathematisches Werkzeug mit Leichtigkeit bedient», wie Conrad U. Brunner im Ausstellungskatalog schreibt.

Jürg Nänni, «Räumliche Spirale» 

Waren die frühen Werke streng geometrisch, der konkreten Kunst zugeordnet, überraschen die späten Arbeiten mit fliessenden, schwebenden und spiralförmigen Formen, die sich in Dehnungen, Spiegelungen und Transformationen komplex wiederholen. Die Farbgebung geht noch von den drei Grundfarben aus, wirkt aber leicht und duftig. Diese Bilder regen die Sinne an, berühren und lassen die Fantasie tanzen. In derselben Leichtigkeit gestaltete Nänni auch Gebäudehüllen im Rahmen von Kunst am Bau. Neben der oben erwähnten Fassade des Lagerhauses in Schafisheim 2012, jene der Firma Ribag in Safenwil 2009, die Lichtkonzepte anbietet, und bei Dunkelheit in wechselnden Farben leuchtet.

Jürg Nänni, Ohne Titel

Der Nachlass von Jürg Nänni zählt über 1000 Bilder (Originalprints, die Programme wurden vom Künstler zerstört), Studienblätter, Kunst am Bau sowie Publikationen, aufgelistet und abgebildet im Jürg-Nänni-Inventar (JNI). Anlässlich der kürzlich erfolgten Gründungsfeier des Förderverein Jürg Nänni erklärte der Präsident Conrad U. Brunner, der das Werk inventarisiert, dass mit dem Verein Nännis künstlerische Arbeit durch Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen bekannter gemacht und erforscht werden soll. Schön wäre auch, wenn die langjährige Ausstellung an der FHNW in Brugg aufgefrischt würde und die Werke mehr Beachtung finden.

Titelbild: Jürg Nänni, 2010, Physikprofessor und Künstler
Die Bilder sind Teil der Dauerausstellung der FHNW: © Nachlass Jürg Nänni, © Hans Knuchel. Fotos: © Christian Doppler und rv

Dauerausstellung an der FHNW Brugg: im Hallerbau Lichthof im Erdgeschoss sowie im Neubau 5, im 4. Obergeschoss
Ausstellungskatalog:
Jürg Nänni / Hans Knuchel, Hrsg. Förderverein Jürg Nänni, Zürich, 2024
Mehr Informationen auf der Website Jürg Nänni und Förderverein 

 

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