Die interdisziplinäre Wanderausstellung ICH TIER WIR zur Beziehung von Mensch und Tier ist im open art museum St. Gallen angekommen. Wer die Ausstellung besucht, erhält die Gelegenheit, das Verhältnis von Mensch und Umwelt multiperspektivisch zu betrachten.
An der von Isabelle Zürcher und Monika Jagfeld kuratierten Ausstellung sind 103 Objekte von 46 Kunstschaffenden ausgestellt. Parallel dazu gibt es eine Einzelausstellung von bisher ungezeigten Werken von Jeannette Vogel aus der Sammlung des open art museum. Monika Jagfeld wies in ihrer Eröffnungsansprache auf die vielfältigen Mensch-Tierbezüge hin: Versucht der Mensch als Naturwesen Tiere zu beherrschen, sie auszubeuten oder als Haustiere für sie zu sorgen, mit ihnen rumzualbern oder zu kuscheln. Tiere werden auch als Begleiter von Menschen therapeutisch eingesetzt. In der Tierphilosophie und der Tierethik werden Unterschiede von Mensch und Tier diskutiert, Tierrechte gefordert und Formen des Tier- und Naturschutzes reflektiert.
Im anschliessenden Talk mit den Kunstschaffenden Marianne Engel, Vera Marke, Marlis Spielmann und Stefan Rohner gelang es der Moderatorin Isabelle Zürcher, vielfältige Weisen des Tierbezugs durch scheinbar einfache Fragen ans Licht zu bringen: Mit welchem Tier fühlen Sie sich am meisten verbunden? Welche persönlichen Beziehungen pflegen Sie in Ihrem Alltag mit Tieren? Ist der Mensch ein vernunftbegabtes Tier (Aristoteles) oder das noch nicht festgestellte Tier, dessen Unbestimmtheit zu einer bedrohlichen Orientierungslosigkeit führen kann (Nietzsche)? Wie beschäftigen Sie sich mit Tieren in Ihrer Kunst? Mit diesen Anregungen und Irritationen konnten die vielen Besucher der Vernissage die Ausstellung auf sich wirken lassen. Hier ein Blick zu einigen Werken:
Performance des Künstlers Stefan Rohner im Stadtpark St. Gallen 2018 (Foto von Mirjam Kradolfer, Fotoausschnitt bs)
Der Engländer Paul Barton lebt mit der 80-jährigen, blinden Elefantendame Ampan in Thailand und spielt ihr regelmässig Musik vor. In diesem Fall «Claire de Lune» von Claude Debussy. ©Paul Barton (Fotostill aus Video von bs)
Ausschnitt (Foto bs) aus einem Scherenschnitt von Marlis Spielmann
Josef Oertle (1915–2004), «Viehschau», 1992, open art museum, Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut, St. Gallen, Sammlung Mina und Josef John
Julius Spengler (*1993), Beyond the Meal , 2023, Fotografie © Julius Spengler
Marianne Engel, Glühbahn 9, 2006. Von Glühwürmchen direkt auf den Film belichtet. Foto © Marianne Engel
Die Ausstellung ist aktuell, denn angesichts der Klimakrise und der Ausbeutung des Planeten in wenigen Jahrhunderten mit irreversiblen Schäden für Mensch, Tier und Natur werden wir aufgefordert, neben gewissen Geschäftspraktiken im Umgang mit der Natur beispielsweise auch folgenden Spruch aus dem biblischen Schöpfungsmythos zu hinterfragen: «Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen» (Genesis 1, 28). Stattdessen merken wir, dass wir als Teil der Natur nicht mehr unter Missachtung von natürlichen Prozessen handeln können, sondern eine ökologische Denk- und Handlungsweise unabdingbar ist.
Titelbild: Vera Marke: Öl auf Leinwand, 49 x 58 cm, 2004. © Vera Marke. Auf der gelben Ohrmarke ist der Besitzer der Kuh vermerkt.
Flyer zur Ausstellung mit Hinweisen auf kommende Veranstaltungen
