Es war ein gigantisches Fest. 350’000 wurden erwartet, 500’000 sollen insgesamt gekommen sein: ans eidgenössische Schwing- und Älpler-Fest in Mollis im Kanton Glarus. Selbst jetzt noch ist das Fest nicht aus den Medien verschwunden. Im Gegenteil: Noch gibt es Wunden zu heilen, Enttäuschungen zu verarbeiten. Nicht beim König, sondern bei denen, die benachteiligt wurden.
Am Schweizer Fernsehen verfolgten am letzten Sonntag im August rund 955’000 Zuschauerinnen und Zuschauer den Schlussgang. Eine Zahl, die nicht einmal die Hauptausgabe der Tageschau jeden Tag erreicht. Die Schweiz im Schwingfieber. Zumindest ein Teil davon. Auch ich war ein guter TV-Zuschauer. Nicht immer, aber wenn die Bösen dran waren, war auch ich dabei, sass gespannt, gar angespannt vor dem TV-Apparat. Beeindruckt war ich von der Schwingarena, von den 56’000 Zuschauerinnen und Zuschauern, die schon früh am Morgen, beinahe vollzählig die Ränge füllten. Von der aufgeräumten Stimmung, selbst am Samstagmorgen, als es nicht leise, sondern heftig regnete. Und am Sonntag war es nur eines: einfach wunderschön. Wolkenloser Himmel, die Arena eingebettet in die Glarner Alpen.
Nichts schien die Stimmung zu trüben. Doch bereits im Verlauf des Samstags beschlich mich ein seltsames Gefühl. Immer wieder, wenn es um die Einteilung des nächsten Ganges ging, wurden selbst die Moderatoren und Kommentatoren nervös: Wie würde wohl das hohe Kampfgericht entscheiden, wen wem zuteilen? Willkürlich oder nach klaren Kriterien? Ich kam nicht dahinter. Nicht verwunderlich: Selbst die Kommentatoren werweissten.
Am Sonntag verstärkten sich das Gefühl. Als Joel Wicki im 5. Gang Romain Collaud auf die beiden Schulterblätter kraftvoll hindrückte, verweigerte der Kampfrichter dem amtierenden König den Sieg. Als Fabian Staudenmann im siebten Gang den 150-Kilo-Brocken Domenic Schneider gar platt auf den Rücken warf, erhielt er fälschlicherweise keine Maximalnote, sondern nur eine 9.75. Jener Viertelpunkt fehlte am Ende zur möglichen Schlussgangqualifikation. Wenn sie nicht voreilig gestoppt worden wären, wer weiss…
So blieb vieles im Ungefähren, genauso wie in der Politik. Als ich letzte Woche das erste Mal das Abstimmungsbüchlein in der Hand hielt und den Abstimmungszettel las, wie die Abstimmungsfrage lautet, war ich zuerst völlig irritiert: «Wollen Sie den Bundesbeschluss vom 20. Dezember 2024 über die kantonale Liegenschaftssteuern auf Zweitliegenschaften annehmen?» Ja, natürlich. Halt, Vorsicht. Das ist nur der eine Teil des Bundesbeschlusses. Der andere, die Abschaffung des Eigenmietwertes, ist der andere. Davon geht in der Abstimmungsfrage nichts hervor. Es kommt mir vor wie beim Schwingen. Nur umgekehrt. Wenn eine Schulter im Sägemehl liegt, gilt das auch für die andere. Natürlich wird im Bundesbüchlein der Sachverhalt dargelegt. Oder wie es Gregor Rutz (SVP), Präsident des Schweizerischen Hauseigentümer-Verbandes, sieht: »Das ist gelebte Demokratie, ein Kompromiss, wie er im Buche steht.» Nur er muss offensichtlich sein, vor allem in der Abstimmungsfrage. Sonst kommt es einer Trickserei nahe…wie beim Schwingen.
Kommt hinzu, dass sich nun auch die Banken aus der Deckung wagen, nach dem sie sich bislang still verhielten, obwohl sie im Hypotheken-Geschäft führend sind. Die UBS prophezeit gar, dass das Wohnen noch teurer werde, sollte der Eigenmietwert abgeschafft werden. Der Grund: das Tiefzinsumfeld. Die Finanzierungskosten würden sinken, die Kaufpreise steigen. Gregor Rutz findet das im SonntagsBlick «absurd und realitätsfremd». Wer hat recht? Wer trickst, wer versucht es zumindest? Der Schweizerische Hauseigentümer-Verband gibt für ein Ja 7 Millionen, die Gegner gegen 500’000 Franken für ein Nein zu einer neuen kantonalen Steuer für Zweitwohnungen, wie es irritierend zur Abschaffung des Eigenmietwertes auf dem Stimmzettel steht. Die Mieterinnen und Mieter müssten hellwach werden. Auf jeden Fall: Wir Stimmbürgerinnen und -Bürger sind gefordert.
