StartseiteMagazinKultur„Hänsel und Gretel“ neu gedacht

„Hänsel und Gretel“ neu gedacht

Ein Häuschen aus Lebkuchen, da ist Weihnachten nicht mehr weit. Im Märchen «Hänsel und Gretel» der Gebrüder Grimm wohnt aber eine böse Hexe drin, die die Kinder fängt und zu Lebkuchen backen will. Am Opernhaus Zürich wird die auf dem beliebten Kindermärchen basierende spätromantische Märchenoper von  Engelbert Humperdinck mit abstraktem Bühnenbild und raffiniertem Schattenspiel gezeigt.

Alle Kinder kennen das Märchen. Hänsel und Gretel sind die Kinder eines armen Besenbinders. Sie sind fröhlich und albern lieber herum, als im Haushalt zu helfen. Und dabei zerbrechen sie sogar den Krug mit der Milch. Die Mutter ist böse und schickt sie in den Wald, um Beeren zu pflücken. Doch Hänsel und Gretel verirren sich, finden den Weg nach Hause nicht mehr und schlafen im Wald.

Hänsel und Gretel schlafen im Zauberwald.

Am nächsten Morgen sehen sie das Lebkuchenhaus und möchten davon naschen. Es taucht die böse Hexe auf und lockt sie mit Süssigkeiten in ihr Knusperhäuschen. Doch in Wahrheit will sie die Kinder mästen und sie dann im Ofen zu Lebkuchen backen. Hänsel und Gretel können die Hexe aber überlisten und schubsen schlussendlich sie in den Ofen. Der Spuk ist vorbei.

Gewohntes neu entdecken

Für die Zürcher Neuinszenierung von Humperdincks Märchenoper wurde Thom Luz engagiert. Er ist bekannt für seine atmosphärischen Bilder, die zur Neuentdeckung vermeintlich bekannter Geschichten einladen. Luz stammt aus Zürich, war von 2015 bis 2020 Hausregisseur am Theater Basel und ist seit 2019/20 Hausregisseur am Münchener Residenztheater.

Luz lässt das Märchen im Heute spielen. Die Bühne ist kahl, man sieht die reale Theaterwelt. Darin werden von den Bühnentechnikern mehrere Leinwände von Hand hochgezogen, man sieht ihnen dabei zu. Auf diese Stoffe werden die Bühnenbilder projiziert, auf ihnen bewegen sich auch die Schattenfiguren.

Schulkinder auf und über der Bühne.

Während der Ouvertüre besuchen Schulkinder (der Kinderchor) die Bühne. Sie staunen über die Bühnenwelt: sie sehen, wie Eisnebel produziert wird. Und einige werden zum Spass an Seilen hochgezogen, bis sie – oh weh! – ganz nach oben verschwinden. Und zwei der Kinder werden spontan ausgesucht, sie sollen Hänsel und Gretel mimen.

Das Haus des Besenbinders wird mit kahlen Wänden angedeutet. In dieser Inszenierung tritt aber kein Besenbinder auf, sondern ein Maler. Die Kinder spielen im Haus und finden einige Farb-Kessel. Sie tunken ihre Hände in die Farbe und schmieren beschmieren begeistert die Wände. Hänsel und Gretel mimen das alles nur, ihre Partien werden von den Sängerinnen Svetlina Stoyanova (Hänsel) und Christina Gansch (Gretel) mit spielerischer Freude gesungen.

Die Kinder spielen, die Erwachsenen singen

Die Sängerinnen treten in einfachen schwarzen Overalls auf und sind nicht als Märchenfiguren verkleidet, sie sind einfach sich selbst. Jede der Sängerinnen führt „ihr“ Kind, mit dem sie ihre Kinder-Rollen gemeinsam gestalten. Was in dieser abstrakten Inszenierung anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftig ist, entwickelt sich im Lauf des Abends zu einer in sich stimmigen Brechung der Illusion durch die reale Theaterwelt.

Spielfreude bei den erwachsenen Sängerinnen ud Sänger und bei den Kindern.

Die Musik Humperdincks wechselt zwischen volksliedhafter Schlichtheit und üppigem Orchesterklang. Der Dirigentin Giedre Slekyté gelang an der Premiere eine spannende Dramaturgie. Sie liess dem Poetischen viel Raum und entfaltete die Klangpracht des Orchesters mit inniger Hingabe. Sehr gelungen war das Spiel auf dem Lichtklavier. Anna Hauner liess so in den musikalischen Fluss hinein kleine Lichter aufscheinen – die Musik wurde sichtbar.

Charakterstarke Stimmen

Eindrücklich war auch die Besetzung mit charakterstarken Stimmen. Jochen Schmeckenbrecher gab dem hungrigen, aber dennoch heiteren Vater seine warme, eindrücklich agile Stimme. Die schimpfende Mutter Gertrud wurde von Rosie Aldridge temperamentvoll gegeben. Sie sang später auch die Knusperhexe, deren Bösartigkeit Aldridge mit markanter Bühnenpräsenz und divenhafter Ironie gestaltete.

Der zauberhafte Zauberwald. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/Herwig Prammer)

Das Spiel mit Licht und Schatten entfaltet eine magische Welt. Die flexiblen Bühnenbilder von Michael Köpke und die Lichtgestaltung von Tina Bleuler greifen wundersam ineinander. Dazu passen auch die Videos von Tieni Burkhalter. Das Helle wie das Dunkle dieses Märchens kommen so subtil zum Tragen.

Eine Szene bleibt besonders haften: als die Kinder sich im dunklen Wald verirren und dort einschlafen. Die hellen Birken werden abstrakt mit weissen Farbrollen auf schmalen Streifen hochgezogen. Schattenfiguren tragen Laubäste hin und her, und von oben greifen zwei dunkle krallende Hände nach den Kindern – das war echt unheimlich! So leichtfüssig und fantasievoll kann das Abstrakte sein.

Weitere Aufführungen: 20 / 23 / 28 / 30. Nov. 04 / 11 / 21 Dez 2025. 02 / 24 / 25 / 31 Jan 2026
www.opernhaus.ch

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