Der Nidwaldner Schriftsteller Tony Ettlin hat ein faszinierendes Buch über den Nidwaldner Staatsmann Franz Alois Wyrsch sowie dessen Sohn, Louis Felix Wyrsch, geschrieben. In fiktiven Zwiegesprächen mit den beiden Persönlichkeiten und deren familiärem Umfeld lässt Ettlin Mitglieder der einflussreichen Wyrsch-Familie zu Wort kommen und gibt ihnen ein Gesicht.
Bis vor dreissig Jahren war die Geschichte des Söldners in holländischen Diensten, Franz Alois Wyrsch (Borneo-Louis genannt), und seines auf Borneo geborenen Sohnes Louis Felix nur wenigen bekannt. 1996 lieferten eine Studie über «Nidwaldens Rolle im Sonderbund» und im Jahr 2020 ein Artikel in der Online-Zeitung «Republik» Informationen über die aussergewöhnlich spannende Familiengeschichte. In der Folge interessierten sich weitere Historiker sowie Kulturschaffende für die im Nidwaldner Staatsarchiv lagernden Dokumente, darunter die Tagebücher von Borneo-Louis.
Im Vorwort zu Ettlins Werk erzählt der Berner Geschichtsprofessor André Holenstein, wie er und seine Frau, die in direkter Linie von Franz Alois Wyrsch abstammt, in den frühen 1980er-Jahren Borneo-Louis entdeckten. Die Forschung und die journalistischen Recherchen vermochten, so Holenstein, Leerstellen in der Familiengeschichte füllen. Angesichts von geschwärzten oder eliminierten Passagen im Tagebuch des Söldners und späteren Regierungsrats blieben aber viele Fragen zur Person offen. Ettlin kommt nun das Verdienst zu, Wyrschs Gesamtwerk gesichtet, analysiert und literarisch in einen Zusammenhang gestellt zu haben.

Ein Gemälde von Borneo-Louis, das sich im Nidwaldner Museum befindet.
Wie gelangte der Vertreter einer vornehmen Nidwaldner Familie in holländische Kriegsdienste? Wie ging der freie Geist mit den kirchlich-konservativen Strömungen seiner Heimat um? Weshalb liess er Ibu Silla, die Mutter seiner drei Kinder, auf Borneo zurück? Plagten ihn Gewissensbisse, als er nach seiner Rückkehr in Nidwalden zum zweiten Mal heiratete und erneut dreifacher Vater wurde? Wer war Borneo-Louis wirklich?
«Wie es hätte sein können…..»
Mit Archivrecherchen und schriftstellerischen Mitteln hat Tony Ettlin einen neuen Versuch unternommen, die offenen Fragen zu beantworten: In fiktiven Gesprächen mit Borneo-Louis, dessen Mutter, der zweiten Ehefrau, dem berühmten Sohn Louis Felix, einem Kaplan und Sprachgenie sowie in Briefen mit Kampfgenossen beschreibt der Nidwaldner Schriftsteller, «wie es hätte sein können». «So das Veto-Recht der Quellen dem akademischen Historiker höchstens Mutmassen und Hypothesen gestattet, öffnet sich der Kunst das weite Feld der künstlerischen und literarischen Imagination. Dieses Feld nutzt Tony Ettlin in seiner historischen Collage», würdigt Geschichtsprofessor Holenstein das ebenso ungewöhnliche wie spannende Buch.
Fakten zur Person des Protagonisten
Louis Wyrsch wurde 1793 in Bellinzona geboren und starb 1858 in Ennetbürgen. Er entstammte der Nidwaldner Familie Wyrsch und machte zunächst eine militärische Karriere als Söldner: 1814 trat er in niederländische Dienste ein, kämpfte 1815 bei Waterloo gegen die Franzosen und verstärkte 1816, im «Jahr ohne Sommer», die holländischen Kolonialtruppen auf Java. In Indonesien machte er militärische Karriere und wurde 1825 von Batavia (Jakarta) nach Banjarmarsin (Borneo) versetzt.
Auf Borneo wurde Wyrsch Militär- und Zivilkommandant an der Süd- und Ostküste. Wegen dieser Tätigkeit erhielt er in der Heimat den Spitznamen „Borneo-Louis“, der sich bis heute gehalten hat. Fernab Nidwaldens verliebte er sich – wie viele holländischen Offiziere – in die Haushälterin, die zu seiner Geliebten wurde, und heiratete die Frau in einer lokalen Zeremonie. Ibu Silla gebar ihm mehrere Kinder, von denen drei überlebten.

Von Ibu Silla existieren keine Bilder. Diese Darstellung wurde mit Hilfe von KI erzeugt. – So könnte Borneo-Louis‘ Partnerin ausgesehen haben.
Rolle in Nidwalden und der Schweiz
1832 kehrte Borneo-Louis mit zwei der drei Kinder, mit Sohn Louis Felix und Tochter Constantia, nach Nidwalden zurück. Dort wurde er zuerst Obervogt, dann Landmajor, dann Landammann von Nidwalden und befehligte im Sonderbundskrieg 1847 ein Bataillon. Gleichzeitig wirkte Wyrsch im kantonalen Verfassungsrat und war bis zu seinem Tod Gemeindepräsident von Ennetbürgen.
Als Abgesandter des Kantons Nidwalden in der eidgenössichen Verfassungskommission, die 1848 die neue Bundesverfassung schrieb, hatte Louis Wyrsch einen wesentlichen Einfluss auf die Schaffung des Zweikammersystems und somit auch des Ständemehrs, das heute wieder aktuell wird.

Das holländische Fort Tabanio bei Banjarmarsin. W.A. Rees.
Sein Sohn, Alois Louis Felix Wyrsch (1825–1888), war am 15. Juni 1825 auf Borneo im damaligen Niederländisch-Indien geboren worden. Der Knabe wuchs in Nidwalden (Buochs/Stans) auf, wo die Familie sesshaft wurde. Bei einem Kaplan lernte der Bub Hochdeutsch und Mundart. Nach der obligatorischen Schulpflicht erlernte Wyrsch Junior den Müllerberuf und führte Mühlen in Ennetbürgen (NW) und später in Alpnach (OW). 1865 gab er das Mühlengeschäft auf und arbeitete fortan als Rechtsanwalt in Buochs.
Politische Karriere
Dunkle Haut und hohe Backenknochen: Sohn Louis Felix Wyrsch, der spätere Nationalrat. Orell Füssli. Staatsarchiv Nidwalden.
1856 wurde er Bataillonskommandant, 1858 Mitglied der Kantonsregierung (Regierungsrat) und bekleidete mehrfach das Amt des Landammanns. Von 1860 bis 1872 vertrat er als gemässigt liberaler Politiker den Kanton Nidwalden im Nationalrat und war damit der erste Abgeordnete «of color» im schweizerischen Parlament.
Historisch bedeutsam ist Louis Felix Wyrsch vor allem als Beispiel dafür, wie koloniale Verflechtungen – über den Dienst seines Vaters in Südostasien – direkt in die politische Elite eines Innerschweizer Kantons und ins eidgenössische Parlament hineinwirkten. In der neueren Forschung und öffentlichen Geschichte wird er als frühe nicht-weisse Figur der Schweizer Politik und als Schlüsselperson für eine postkoloniale Perspektive auf die Schweizer Geschichte rezipiert.
Fiktive Gespräche liefern Soft-Faktoren

Borneo-Louis‘ Tochter Constantia. Staatsarchiv Nidwalden.
In fiktiven Gesprächen mit Vater und Sohn Wyrsch, mit Grossmutter Konstantia und mit dem priesterlichen Sprachlehrer beschreibt Ettlin romanhaft die Rahmenbedingungen, Gefühle, Bewunderung, Ablehnung und das Interesse, das den Zuwanderern im konservativen Kanton entgegenschlug. Borneo-Louis gesteht das schlechte Gewissen, seine Erstfrau Ibu Silla mit dem jüngsten Sohn zurückgelassen zu haben. Louis Felix bestätigt, dass er aufgrund seiner dunklen Hautfarbe von Lehrern diskriminiert und von Mitschülern ausgelacht wurde. Ettlin lässt die Gewehrkugel sprechen, die bei Kämpfen Borneo-Louis Gaumen durchschlagen hatte. Und Magma erzählt vom Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora, der 1816 rund um den Globus für eine klimatische Abkühlung mit Ernteausfällen gesorgt hatte.
Gewissensbisse des Kolonialisten
Vater und Sohn Wyrsch. Daguerreotypie. Nidwaldner Museum Stans.
Spannend sind die kolonialistischen Aspekte in Ettlins Werk. Nach Angaben von Historikern dienten im 19. Jahrhundert über 5000 Schweizer Soldaten in niederländischen Diensten. Das diesbezüglich ungute Gefühl legt der Schriftsteller Borneo-Louis in den Mund, der sagt: «Meine Rolle im Kolonialdienst der Holländer hat mir oft schlaflose Nächte beschert. Ich musste die Aufständischen bekämpfen, die sich gegen die Herrschaft der Holländer wehrten, und dabei war es doch ihr Land.»
Die von Ettlin erfundenen Dialoge mit Vater und Sohn Wyrsch beschreiben die damalige Geschichte aus heutiger Sicht. Mag sein, dass die Haltung der damaligen Protagonisten eine andere war. Interessant sind die fiktiven Thesen trotzdem. In seiner letzten Begegnung mit dem heute lebenden Schriftsteller bringt Borneo-Louis den Sinn des Zusammentreffens auf folgenden Punkt: «Ich habe Dir erzählt, was ich dir erzählen wollte. Du hast es aufgeschrieben und ich hoffe, viele werden es lesen. Wenn sie dadurch etwas lernen über die Zeit, in der ich lebte und sich dabei Gedanken über die Gegenwart machen, bin ich zufrieden. Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber es ergeben sich immer wieder ähnliche Konstellationen, die uns irgendwie bekannt vorkommen, wenn wir uns mit früheren Zeiten beschäftigen.»
Titelbild: Borneo-Louis (kleines Bild in Offiziersuniform) verbrachte insgesamt neun Jahre als Zivil- und Militärkommandant in Banjarmarsin. Alle Fotos aus dem Buch.
Bibliografische Angaben:
Borneo-Louis. Ein Nidwaldner prägt die Geschichte der Schweiz, Tony Ettlin, Th. Gut Verlag, 2025, ISBN 978-3-85717-312-7
In einem Anhang verweist der Autor auf wissenschaftliche Quellen und neuere journalistische Artikel über die Nidwaldner Familie Wyrsch.
Von Tony Ettlin früher erschienen und von Seniorweb besprochen:

