Die Geschichte der Schweizer Firma Bally erscheint erstmals als gewichtiges Buch mit zahlreichen Abbildungen. Die Autoren, der Jurist Philipp Abegg und der Historiker Martin Matter stammen beide aus Familien, die mit der Firma eng verbunden waren. Sie erzählen vom Aufstieg und Niedergang dieses Familienunternehmens.
Noch heute gehört Bally weltweit zu den prägenden Marken der Schweizer Industrie, auch wenn die Firma seit 1999 nicht mehr in Familienbesitz ist. Im reich illustrierten Band Bally – Geschichte eines Schweizer Unternehmens führen die Autoren Philipp Abegg und Martin
Matter durch über 200 Jahre Schuhgeschichte der Schweiz. Dank eigener familiärer Beziehung berichten sie engagiert von den wechselvollen Zeiten des Unternehmens. Dabei schöpfen sie kompetent aus dem reichhaltigen Firmenarchiv, das heute von der Stiftung Ballyana betreut wird.
Der Ursprung von Bally geht ins 18. Jahrhundert zurück, als Franz Ulrich Bally (1748-1810) aus dem Vorarlberg 1778 als Maurer in der Schweiz Arbeit suchte. Der Aarauer Bandfabrikant Rudolf Meyer engagierte ihn als Wanderhändler und Bally zog fortan mit einem Holzkasten auf dem Rücken, gefüllt mit Seidenbändern und Merceriewaren, von Dorf zu Dorf, besuchte Messen und Jahrmärkte. Im solothurnischen Schönenwerd liess er sich nieder und heiratete Magdalena Kuhn. Sein Bandhandel war so erfolgreich, dass er sich 1790 das «Haus im Holz» bauen konnte, wo elf Kinder aufwuchsen, drei weitere starben als Kleinkinder.
Der Bandhändler Franz Ulrich Bally baute 1790 in Schönenwerd das «Haus im Holz». Seit 1787 war er Bürger von Rohr, wo die Einkaufssumme günstiger war als an seinem Wohnort. Fotografie des Urenkels Arthur Ballly, 1889
1804 trat der älteste Sohn Peter Bally (1783-1849) in die väterliche Handlung ein und übernahm später Meyers Geschäft. In den 1840er Jahren beschäftige er etwa 450 Heimarbeitende in der Band- und Hosenträgerfabrikation. Früh zeigte sich die Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit der Bally-Söhne. Töchter waren im Geschäft nie vorgesehen. Nach Peters Tod übernahm Carl Franz (1821-1899) die Elastikweberei und wurde 1851 zum Begründer der Schuhfabrik. Wie er zum Schuhfabrikanten wurde in einer Zeit, als einfache Bottinen, Stiefeletten, stets vom Schuhmacher einzeln angefertigt wurden, geben die Autoren in einer hübschen Erzählung wieder.
Im Vordergrund links die 1868 erbaute Elastikweberei, dahinter die Shedhallen der mechanischen Schusterei der Bally Schuhfabrik von 1871. Im Zentrum oben die Fabrikantenvilla, das Haus Felsgarten mit Gartenpavillon, das «Schlössli» im Stil englischer Gotik, rechts die «Obere Fabrik» mit rauchendem Kamin. Stahlstich um 1872
Ballys Schuhfabrikation beginnt mit einer Geschichte
Auf einer Geschäftsreise nach Paris kam Carl Franz Bally erstmals mit der industriellen Fertigung von Schuhen in Berührung. In seinen Memoiren schreibt er, wie er seiner Frau Bottinen mitbringen wollte, aber ihre Masse vergessen hatte. Er liess sich ins Magazin einer Schuhfabrik führen und sah erstmals «Tausende von Paaren aller Art Schuhwaren aufgespeichert», die hauptsächlich nach Übersee verkauft wurden, wie man ihm sagte. Er kaufte gleich ein Dutzend Paar der gleichen Chausson Bottine in verschiedenen Grössen. Und er fragte sich, ob sich nicht in Schönenwerd Schuhe fabrizieren liessen, zumal hier Hunderte von Näherinnen beschäftig waren und sich Arbeiter zum Besohlen heranbilden liessen.
1851 gründete Carl Franz Bally seine Schuhfabrik in Schönenwerd, die in wenigen Jahrzehnten zum Grossbetrieb wurde. Er bezog seine Söhne Eduard (1847-1926) und Arthur (1849-1912) frühzeitig mit ein und die Firma Bally wurde zum grössten Unternehmen der Schuhbranche in Europa. Neue grosse Fabrikgebäude auch in umliegenden Gemeinden wurden erstellt, die Mechanisierung vorangetrieben, neuartige Maschinen aus Amerika eingeführt, die Arbeitsprozesse strukturiert, neue Märkte erschlossen. Unter der Führung von Eduard, und ab 1900 der nachfolgenden fünften Generation mit Iwan, Ernst und Max, das «Vettern-Konsortium», stieg die Tagesproduktion zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg von 700 auf 14’000 Paar Schuhe, der Bestand an Mitarbeitenden von 700 auf rund 7000. 1907 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, 1921 in eine Holding.
Blick in die mechanische Schusterei der Bally Schuhfabrik im 19. Jahrhundert.
Die Patrons waren sich ihrer sozialen Verantwortung durchaus bewusste. Sie organisierten für die Arbeiter eine innerbetriebliche Sozialfürsorge, bauten Kosthäuser und unterstützten Schulen und betriebliche Ausbildung, bekämpften aber vehement die Bildung von Gewerkschaften. Nach einem heftigen Streik 1907 bemühten sie sich, «die Balance zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern im Gleichgewicht zu halten und der Belegschaft alle möglichen Vorteile zu bieten», schreiben die Autoren. Wohlfahrtseinrichtungen wurden ausgebaut, auch die Schaffung einer «Alters- und Hinterbliebenen-Fürsorge».
Werbeplakat für Bally Sportschuhe, 1928
Anfänglich wurden die Schuhe hauptsächlich über Grossisten im Ausland abgesetzt. Dies erforderte Anpassung an Eigenheiten und Modetrends des jeweiligen Landes. Eigene Bally-Läden gab es noch nicht. In den 1880er Jahren wurden elegante Schuhe nach England geliefert. 1892 gründete Bally in London eine eigene Firma und eröffnete Ladengeschäfte im Luxussegment an bester Adresse: die Firma London Shoe Co. Sie wurde zum Prototyp und Vorbild für den Detailvertrieb in weiteren Ländern. In der Schweiz erfolgte der Aufbau des eigenen Detailhandels erst nach 1910. Mit dem direkten Kontakt zur Kundschaft musste auch das Marketing verfeinert und modernisiert werden. Läden, Schaufenster und Fassaden wurden als Blickfang gestaltet, Inserate und Plakate entwickelt, dabei entpuppte sich die Schuhschachtel als ein dauerhafter Träger des Markennamens.
Während des Ersten Weltkriegs lief das Schuhgeschäft gut, zumal die ausländische Konkurrenz ausblieb. Doch in den frühen 1920er Jahren erfolgte ein Konjunktureinbruch. Bally schrieb erstmals Verluste. Der Betrieb musste verkleinert, Arbeitende entlassen werden. Aber das «Vettern-Konsortium» Iwan, Ernst und vor allem Max Bally (1880-1976), war ein gut eingespieltes Team und führte die Geschäfte erfolgreich weiter, auch über den Zweiten Weltkrieg hinaus. 1951 feierte man das 100-Jahr-Jubiläum in Schönenwerd. Mitte der 1960er Jahre beschäftigte der Konzern über 16’000 Mitarbeitende, davon 7400 im Inland und 8700 im Ausland. 1966 wurden über sieben Millionen Paar Schuhe hergestellt. Das «Schuhimperium» zeigte seine grösste Ausdehnung.
Bottine Herrenschuh mit Knöpfverschluss. Bis gegen 1920 war die Bottine, das Grundmodell mit halbhohem den Knöchel deckenden Schaft, der Standard im Bereich Herrenschuh.
Ende der 60er Jahre zeichneten sich erste Risse ab. Die patriarchale Leitung hatte stets auf männliche Nachfolge gesetzt. Doch bei den Ballys kamen nur noch Mädchen zur Welt. So zog man für die Geschäftsleitung die Schwiegersöhne heran. Doch ihnen fehlte der Stallgeruch. Sie wuchsen nicht zu einem festen Team zusammen und die «Ära der Schwiegersöhne» wurde angreifbar. Nachdem das Schuhimperium Bally bis 1976 als Familienunternehmen geführt wurde, erlebte es 1977 eine unfreundliche Übernahme durch Werner K. Rey, einen Schweizer Finanzspekulanten und Urkundenfälscher. Bally kam in fremde Hände. 1999 erwarb eine amerikanische Investmentgesellschaft die Schuhfabrik Bally, schloss den Betrieb in Schönenwerd und verlegte Firmensitz und Produktion ins Ausland.
Bally-Park, Schönenwerd, 2023. Die Pfahlbauten legte Carl Franz Bally 1890 an.
Auch wenn heute in Schönenwerd keine Schuhe mehr produziert werden, so gibt es hier doch das Museum Ballyana – Sammlung Industriekultur, das mit Ausstellungen an den Glanz der einstigen Firma erinnert. Dank der Sammelleidenschaft der Familie ist hier auch das reiche Firmenarchiv mit historischen Dokumenten, Objekten, auch Maschinen untergebracht. An der Aare lädt der weitläufige Bally-Park zur Erholung ein. Bereits 1868 begann der Firmengründer Carl Franz Bally die Sumpflandschaft zu meliorieren. Um 1890 liess er die Pfahlbauersiedlung anlegen, die neben Pagode und Grotte noch heute überrascht. Seit jeher war der englische Landschaftsgarten für die Arbeiterschaft und die Bevölkerung frei zugänglich.
Titelbild: Ausstellungsansicht, Museum Ballyana
Fotos: Wikimedia Commons und rv
Philipp Abegg, Martin Matter, Bally – Geschichte eines Schweizer Unternehmens. Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2025. ISBN 978-3-03919-649-4
Das «Museum Ballyana – Sammlung Industriekultur» in Schönenwerd ist jeweils am 1. und 3. Sonntag im Monat von 14.00 bis 17.00 geöffnet. Weitere Informationen auch zum Bally-Park finden Sie hier

… ein sehr sehenswertes Museum mit einem wunderbaren Park – und nicht zu vergessen das Paul-Gugelmann-Museum mit den fantastischen Skulpturen des Bally-Schuhdesigners Paul Gugelmann.