StartseiteMagazinGesellschaftWas läuft falsch in der Klimadebatte?

Was läuft falsch in der Klimadebatte?

Fünf Philosophinnen und Philosophen untersuchen in ihrem Buch «Besser um die Zukunft streiten» zwanzig Standpunkte zur Klimadebatte und weisen deren Stärken und Schwächen argumentativ nach.

Was sind denn oft gehörte Gemeinplätze in Klimadiskussionen? Zwanzig Stück davon werden im Inhaltsverzeichnis des Buches erwähnt und werden hier aufgeführt, damit die Lesenden ihre spontanen Sympathien/Antipathien zu diesen Standpunkten (oder Phrasen?) schon mal erfühlen können.

Im Kapitel zur Rolle von Wissenschaft und Philosophie werden drei Behauptungen argumentativ bearbeitet: 1. «Hört einfach auf die Wissenschaft.» 2. «Das ist doch alles subjektiv.». 3. «Der Diskurs über den Klimawandel ist unerträglich moralistisch.»

Zur Frage «Wie gross ist das Problem überhaupt?» werden folgenden Standpunkte bearbeitet: 4. «Wir leben doch in der besten aller Zeiten.» 5.  «Aber das mit dem Klimawandel ist ja alles unsicher.» 6. «Die Katastrophe lässt sich ohnehin nicht mehr aufhalten.»7. «Aus kosmischer Sicht gibt es keine Klimakrise.»

In der Frage «Wer ist wofür verantwortlich?» werden vier Aussagen genauer unter die Lupe genommen:  8. «Im Alleingang kann ich ohnehin nichts bewirken.» 9. «Solange Staaten wie die USA oder China so weitermachen, müssen wir hier gar nichts tun.» 10. «’System Change, not Climate Change’: Der Kapitalismus ist das Problem.» 11. «Man wird sich wohl noch was gönnen dürfen».

Die «Lösungen» im nächsten Kapitel werden als vermeintliche Lösungen demaskiert: 12. «Wir müssen beim Bevölkerungswachstum ansetzen.» 13. «Der Markt wird das schon regeln.» 14. «Wir sollten auf die menschliche Innovationskraft vertrauen.». 15. «Wir können Emissionen ja kompensieren.»

Im letzten Kapitel «Klimaschutz und Politik» werden die vier letzten der zwanzig Standpunkte durchleuchtet: 16. «Klimaschutz ja, aber bitte nicht auf Kosten der Freiheit.» 17. «Effektiver Klimaschutz, das wäre totalitär.» 18: «Klimaschutz geht auf Kosten der Ärmeren.» 19. «Was wir tun, hat Züge von Klima-Kolonialismus.» 20: «Klimakleber brechen das Gesetz. Das ist undemokratisch und gehört bestraft.»

Barbara Bleisch: Philosophin, Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich. Moderatorin der «Sternstunde Philosophie» beim SRF. (Foto © Mirjam Kluka)

Wir alle haben in den letzten Jahren in Klimadiskussionen all diese Standpunkte (Phrasen, Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen) schon gehört, vertreten, mit ihnen sympathisiert oder sie mehr oder weniger vehement zurückgewiesen oder verächtlich belächelt. Vielleicht gehören wir auch zu denen, welche die «ewigen» Klimadiskussionen satt haben und lieber die nächste Flugreise planen.

Schön am Buch ist, dass die zwei Philosophinnen, Barbara Bleisch und Kirsten Meyer, und die drei Philosophen Stefan Riedener, Dominic Roser und Christian Seidel sich gemeinsam daran machen, diese Überzeugungen zu hinterfragen und sie argumentativ zu bearbeiten. Dieses Buch zeige, «dass man auch besonnen, vernünftig und lustvoll über die Zukunft dieses Planeten nachdenken kann und ein konstruktives Gespräch über Klimapolitik möglich ist.»

Stefan Riedener: Professor für Philosophie, Universität Bergen. Schwerpunkte: Gutes Leben, Werte, unsere Beziehung zur Natur (Foto © privat)

Das Buch zeigt meines Erachtens tatsächlich, wie wertvoll es ist, starre Standpunkte argumentativ zu bearbeiten. Die fünf PhilosophInnen machen das gut und für  Lesende kann der Text als kleine Schule des Argumentierens dienen. Beim argumentativen Durchleuchten der zwanzig Standpunkte kann einiges gelernt und eigene Überzeugungen können erkenntnisfördernd hinterfragt werden.

Nach 135 Seiten sind die zwanzig Standpunkte mit Pro- und Kontra-Argumenten von den fünf Philosophierenden elegant diskutiert und es ist für Lesende erhellend, dass sie bei diesen angeregten, klugen, teilweise sogar heiteren Diskussionen dabei  sein und mitdenken können. Aber die Autorschaft ringt m.E. zu wenig darum, welche Argumente denn wirklich schlagend sind und inwiefern der «zwanglose Zwang des besseren Arguments» (Habermas, Diskurstheorie) zu zukunftsweisenden, vernünftigen Entscheidungen und zum konsensuellen Handeln führt.

Kirsten Meyer: Professorin für Philosophie, Humbolt Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte: Ethik, politische Philosophie (Foto © Kirsten Meyer)

Das Treiben der Debatte bis zum «zwanglosen Zwang des besseren Arguments» ist bei diesem Thema zugegebenermassen schwierig und kann misslingen. Aber diese Anstrengung ist trotzdem unausweichlich angesichts der momentanen weltpolitischen Lage, wo der Kampf um die immer geringer werdenden natürlichen Ressourcen von den mächtigsten Staaten mit Waffengewalt oder der Androhung von Waffengewalt geführt wird. Mittlere Mächte und Kleinstaaten wie die Schweiz meinen bei diesem erneuten Wettrüsten mitmachen zu müssen. Da bleibt wenig Geld für planetaren Klimaschutz und globale Armutsbekämpfung. Die Klimakrise zu leugnen oder zu verniedlichen gehört wieder zur sogenannten «Realpolitik». Statt die gemeinsame politischen Sorge um globale Gerechtigkeit und um Weltfrieden voranzutreiben, wird die Menschenwürde geopfert und um Wahlen zu gewinnen, werden Kriegs-, Armuts- oder Klimaflüchtlinge an der «Grenze» zurückgewiesen.

Dominic Roser, promovierter Philosoph und Ökonom. Seit 2016 Lehr- und Forschungsrat an der Universität Fribourg. Schwerpunkt: Klimagerechtigkeit (Foto © D. Roser)

Die Philosophie hat seit der Antike Texte und Ideen zur universellen Menschenwürde, zur Völkerverständigung und zum Weltfrieden (vgl. Kant: Zum ewigen Frieden) geliefert. Auch heute darf die Philosophie sich nicht bloss auf das philosophische Argumentieren zurückziehen und die Realpolitik Populisten  überlassen, deren Hauptanliegen es ist, wieder gewählt zu werden oder durch Ausschaltung demokratischer Regeln Machtpolitik im egomanen oder nationalistischen Eigeninteresse zu betreiben. Eine philosophische Debatte wie wir sie im Buch «Besser um die Zukunft streiten» vorgeführt bekommen, sollte sich intensiver bemühen herauszufinden, welche Argumente die besten und deswegen handlungsleitend sind.  Sonst setzt sie sich dem Vorwurf der Sophisterei aus.

Christian Seidel, Professor für Philosophie am Karlsruher Institut für Philosophie (KIT). Schwerpunkte: Moralphilosophie, Klima-, Zukunftsethik (Foto © Ch. Seidel)

Es ist zu hoffen, dass in der Zweitauflage des Buches wertvolle philosophische Texte zur universellen Menschenwürde, zu globaler Gerechtigkeit, zum Weltfrieden, zur Eigentumsfrage und zum Umgang mit der nichtmenschlichen Natur kurz vorgestellt werden. Ein guter Anfang ist gemacht, da solche Texte in den Anmerkungen gelegentlich schon auftauchen. Zum Beispiel wird in der Anmerkung 20 «Das Prinzip Verantwortung» von Hans Jonas zitiert, der in Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ den ökologischen Imperativ so formuliert hat: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf der Erde“.

Eine Weltpolitik, in der Einzelstaaten oder «Verbündete» bloss ihre Eigeninteressen verfolgen und waffenstarrend versuchen, einander in Schranken zu halten, ist zum Scheitern verurteilt, wenn es darum geht, ein gutes und schönes Leben für alle und für zukünftige Generationen auf diesem wunderbaren Planeten zu ermöglichen.

Titelbild: Konzept-Kollage des Klimawandels aus freepik.

Buch: Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser, Christian Seidel: Besser um die Zukunft streiten. München 2026. ISBN: 978-3-446-28563-7

 

 

 

 

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