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Platz für den Spatz: Tschilp!

Der Sperling ist nahezu weltweit verbreitet. Als Kulturnachfolger ist die Nähe zum Menschen auch sein Problem: In den letzten Jahrzehnten nimmt die Anzahl Spatzen dramatisch ab. Die Schweizer Vogelwarte gibt Hinweise zum Schutz des kleinen Vogels.

Wegen Sanierungen von Dächern und Neubauten, was energetisch gewiss Sinn macht, fallen immer mehr Nistmöglichkeiten des Höhlenbrüters unter Dachziegeln oder in alten Mauern weg. Der Lärm in Agglomerationen erschwert dem Spatz das Leben oder eher die Fortpflanzung, denn sein Balzgesang geht unter.

Feldsperling. Foto: © Marcel Burkhardt

Vor rund 10 000 Jahren begann der Mensch mit dem Ackerbau, und zu dieser Zeit zog es einen kleinen, braunen Vogel in seine Nähe, den Haussperling. Seither gestaltet sich die Beziehung holprig: Der gefiederte Nachbar galt in Europa als Bettler oder Teufel, gegen den man regelrecht Kriege führte. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei, doch wenn er in Storenkästen brütet, geht er manchen auch heute noch auf die Nerven.

Utagawa Hiroshige: Grossblütiger Flachschnabel und Sperling, ca. 1833, Japan

Andererseits wird er gefüttert und steht Pate für Kita-Namen. Sein Verwandter, der Feldsperling, ist in Asien ein geschätztes Motiv für die Kunst. Kaum eine Vogelgruppe ist so eng mit uns Menschen verbunden wie die Sperlinge. Haus- und Feldsperling sind wahrscheinlich die bekanntesten, aber bei weitem nicht die einzigen Vertreter dieser grossen Familie. In den Alpen treffen wir auf den Schneesperling, der es schafft, Schnee und Eis zu trotzen. Und das Tessin hat mit dem Italiensperling seine eigene Sperlingsart.

Schneesperlinge wurden öfters als Schneefinken bezeichnet. Foto: © Marcel Burkhardt

In der Landwirtschaft wurde der Feldsperling noch bis vor kurzem auch hierzulande als Schädling verfolgt, so wurde er vom allgegenwärtigen zum seltenen Vogel. Das Fangen und Töten von Spatzen ist seit 2012 illegal. Die Streichung der Sperlinge aus der Liste der Tiere, gegen welche Selbsthilfemassnahmen ergriffen werden dürfen, wurde in Deutschland damit begründet, dass Sperlinge ihre Bedeutung als Schädlinge verloren haben und von einem teilweise markanten regionalen Rückgang betroffen sind. Möglich ist eine Spatzeninvasion in einem Kornfeld jedoch immer noch.

Hausspatzen sind auf allen fünf Kontinenten verbreitet. Im eurasischen Stammgebiet (dunkelgrün) und später als Kulturfolger auch in Amerika, Afrika und Australien (hellgrün). wikicommons

Friedrich der Grosse von Preussen oder auch Kaiserin Maria Theresia setzten ein Kopfgeld auf die kleinen Vögel aus, um die Saat zu schützen, aber mit der nachfolgenden Insektenplage wurde der Spatzenkrieg wieder eingestellt. Noch im 20. Jahrhundert gab Mao Tsedong den Befehl, die Spatzen auszurotten. Zwei Milliarden habe es getroffen, aber andere Schädlinge nahmen überhand und die Folge war eine Hungersnot; China musste Sperlinge importieren, um das ökologische Gleichgewicht wieder herzustellen.

Plakat aus China zur Ausrottung der vier Plagen von 1958 bis 1961: Neben Stechmücken, Fliegen und Ratten ging es auch den Spatzen an den Kragen.

In der Schweiz geht es den Sperlingen so weit gut. In anderen europäischen Regionen nehmen sie aber dramatisch ab. In Paris waren im Jahr 2017 noch elf Prozent der Haussperlinge von 2003 vorhanden, und in England beträgt die Zahl der Feldsperlinge nur noch zwei Prozent des Bestands von 1965. Die Liste liesse sich fortsetzen, schreibt die Vogelwarte Sempach und legt den Garteneignern ans Herz, sich auch um häufigere Vogelarten wie Haus- und Feldsperlinge zu kümmern.

Zum Beispiel, indem wir in unseren Gärten einheimische Sträucher oder Wildstauden pflanzen, und Pestizide meiden. Sperlinge fühlen sich dort wohl, wo der Natur Raum gegeben wird, wo es wilde Ecken und Unordnung statt sterile Rasenflächen und exotische Bäume gibt. Spatzen sind Körner- und Samenfresser, aber für die Aufzucht der Jungen brauchen sie Insekten und Larven. Einheimische Pflanzen und Blumenwiesen liefern die nötige Vielfalt für den Spatzen-Speisezettel.

Hausspatzen sind gesellig und monogam Foto: © Marcel Burkhardt

Jährlich beobachten wir Spatzenpärchen, die im Lauf des Sommerhalbjahrs in einer bald hundertjährigen Buchsbaumhecke nach Zünsler-Raupen Ausschau halten, denn der Neophyt aus China frisst exklusiv Buchs. Aber bislang konnten wir nie ein Spatzennest beobachten. Erst in diesem Frühjahr haben die kleinen Vögel eine passende Bruthöhle gefunden. Allerdings eine nicht ungefährliche, denn dieser Ort unter dem Firstziegel des Nachbarhauses wird seit Jahrzehnten von Mauerseglern bezogen.

Die Hoffnung bleibt, dass die kleinen Spatzen flügge sind, bevor die Segler ankommen und die kleinen Gäste womöglich unsanft entfernen, oder ebenso schlimm, die alte Nistgelegenheit für immer verlassen. Also höchste Zeit, den Spatzen so bald als möglich ein eigenes Wohnhaus anzubieten, und weil Spatzen gesellig sind, ein Nistkasten mit mehreren Nesthöhlen, eine Art Reihenhaus für Spatzen.

Spatzenkolonie in einer Winterhecke. Foto © Elke Brüser

Sperlinge werden in Agglomerationen überwiegend positiv wahrgenommen, weil sie Ungeziefer und Unkrautsamen vertilgen oder weil sie einen an einem eher naturfeindlichen Ort in einer akkurat geschnittenen Ligusterhecke fast undurchdringlichen Hecke mit Tschilpen und Herumhüpfen erfreuen. Das lebhafte Gezwitscher der Vögel hat zur Redewendung: „Die Spatzen pfeifen es von den Dächern“ geführt. Und Spatzen inspirierten auch Dichter, beispielsweise Christian Morgenstern:

Titelbild: Der Spatzenmann der Art Italiensperling steht vor seiner Behausung – vielleicht. © Marcel Burckhardt

Vogelwarte Sempach

 

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2 Kommentare

  1. Wie schön, dass hier auch das Gedicht «Die drei Spatzen» von Christian Morgenstern zu Wort und Bild kommt. Noch dazu als Zitat einer Schule in Bremen, wo ich als Berlinerin doch in Bremrhaven – und also dem Land Bremen – meine Heimat verorte. Die Hecke übrigens, in und auf der über Jahrzehnte die Spatzen sich tummelten, wurde bodennah abgeschnitten. Und die Spatzen sind seither nicht mehr da!
    Danke Eva, dass du das Thema aufgegriffen und das Foto verwendet hast, es illustriert so schön, wie wichtig Hecken sind.

  2. Ich liebe die kleine Gruppe von Spatzen, die jedes Jahr vor unserem MfH in einem grossen Busch, ihren sehr lauten, alltäglichen Austausch zelebrieren. Sie gehören genau so dazu wie der 60jährige Rosenstrauch, der jedes Jahr unglaubliche drei Meter hoch, bis zu meinem Fenster wächst und uns mit seinen Blüten den Alltag verzaubert. Auch ist wieder die Amsel da, die morgens und abends ihre unterschiedlichen Melodien erschallen lässt, fast wie ein Gebet oder zumindest eine Zwiesprache mit ihrer Umwelt. Ein Gedicht:

    Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)
    SIEHE, AUCH ICH – LEBE
    Also ihr lebt noch, alle, alle, ihr,
    am Bach ihr Weiden und am Hang ihr Birken,
    und fangt von neuem an, euch auszuwirken,
    und wart so lang nur Schlummernde, gleich – mir.

    Siehe, du Blume hier, du Vogel dort,
    sieh, wie auch ich von neuem mich erhebe…
    Voll innern Jubels treib ich Wort auf Wort…
    Siehe, auch ich, ich schien nur tot. Ich lebe!

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