StartseiteMagazinLebensartWie wir aus der Nacht in den Tag kommen

Wie wir aus der Nacht in den Tag kommen

Es gibt Menschen, die morgens hellwach aufstehen und ihren Tag frisch und aktiv beginnen. Andere mögen es lieber gemächlich. Christoph Ribbat spricht in seinem Buch «In den Tag. Eine kurze Geschichte des Aufwachens» die Nachteulen und die Lerchen gleichermassen an.

Schon den ersten Moment des Aufwachens erleben wir jeden Morgen neu. Vielleicht ist er vorgeplant: Der Wecker klingelt. Vielleicht weckt uns das Licht der Morgensonne – es gibt unzählige «Vielleichts». Christoph Ribbat beschreibt einige von ihnen, beginnt mit einer Episode, die sich wohl auch nicht so oft wiederholt hat: Wir lesen, wie Paul McCartney eines Morgens aufwacht mit der Melodie eines Songs im Kopf, aus dem Bett springt, sich ans Klavier setzt und einen Song komponiert, der ein Welthit der Beatles werden sollte: Aber nicht unter dem satirischen Titel Scrambled Eggs, einem Frühstückssong, wie wir im Buch lesen, sondern als Yesterday.

Eigentlich geht es dem Autor gar nicht darum, die Momente des Aufwachens an Berühmtheiten darzustellen. – Wer sagt denn, dass Paul McCartney eine «Lerche» ist. Er tritt vorwiegend abends und nachts auf, das widerspricht der «Konstitution» des gewohnheitsmässigen Frühaufstehers. Eher ist er ein Beispiel, dass die Kategorien «Lerche» und «Nachteule» nicht immer und nicht für alle Menschen ein Leben lang gelten.

Christoph Ribbat. Foto: © Anna Weise

Der Autor, Professor am Institut für Anglistik/Amerikanistik der Universität Paderborn, erklärt im Nachwort, dass er sich keine erschöpfende Abhandlung über die grosse Diversität des Aufwachens vorgenommen hatte. Er erwähnt die Aspekte, die (wissenschaftlich) untersucht und dargestellt werden müssten, wollte ein ausgewiesener Schlaf-/Wachexperte diese heiklen Momente des Übergangs in den Wachzustand erörtern. In seinem essayistisch geprägten Werk bezieht sich der Autor auf eine Aussage von Sigmund Freud, dass «jedes Erwachen am Morgen so wie eine neue Geburt sei».

Ribbat präsentiert sein Thema lebendig und abwechslungsreich. Stets findet er konkrete Szenen, um einzelne Aspekt zu beleuchten, so dass die Lektüre nicht nur unseren Horizont erweitert, sondern kurzweilig und vergnüglich ist. «Ein Netz von Geschichten» sei durch seine Recherchen entstanden, schreibt der Autor, und diese «heterogene Landschaft von Stimmen und Mentalitäten» wolle er vor seinen Leserinnen und Lesern ausbreiten.

Wer weckt die Schlafenden?

Das zweite Kapitel erörtert den für viele schmerzhaften Moment des Aufwachen-Müssens: «Hahn und Wecker». Den Hahn deklariert der Autor als ältesten «Wecker» der Menschheit, denn Hühner wurden schon in der Bronzezeit domestiziert, zuerst in Indien, später in Mesopotamien. Vom Philosophen Platon erzählt Ribbat, dass dieser seine Schüler zu Disziplin habe erziehen wollen: Er regte den Bau einer riesigen Wasseruhr an, an deren Ende eine Pfeife sass.

Während die einfachen Menschen zumeist gemeinschaftlich schliefen, hatte jeder Mönch, jede Nonne im Kloster eine eigene Zelle, mindestens aber ein einzelnes Bett. Gerade im Kloster war es jedoch wichtig, für die gemeinsamen Gebete aufzustehen, auch um 3 Uhr nachts. Lesen Sie selbst, was für Horrorvisionen aus dem natürlichen Schlafbedürfnis entstehen können. Mit viel Erfindergeist entwickeln die Mönche einen Wecker, der eine Glocke anstösst. «Diese Neuerung wird das Schlafen und Aufwachen radikal verändern, weil bald nicht mehr Tageslicht und Jahreszeiten den Lebensrhythmus bestimmen, sondern Uhrzeiten.»

Viele Anekdoten, die neue Aspekte des Aufwachens aufzeigen, erzählt uns der Autor, von Albrecht Dürer und von Elisabeth I., von Ludwig XIV. oder Benjamin Franklin, auch von den in die Privatsphären reichenden Träumen, die einer Person beim Wachwerden noch ganz präsent sind, und schliesslich von den Schlaflosen.

Der Schlaf und der Traum

Allein mit der Geschichte des Weckers hätte Ribbat ein ganzes Buch füllen können. Er widmet sich im nächsten Kapitel einem mit noch grösseren Schmerzen belasteten Thema: Dem schreckerfüllten plötzlichen Aufwachen irgendwann in der Nacht. Es wurde zuerst bei jungen Männern beobachtet, die aus dem Ersten Weltkrieg zurückkamen. «Zum ersten Mal wird Medizinern klar, dass Krieg an sich psychisch krank machen kann», stellt Ribbat fest. «Die Geschichte der Posttraumatischen Belastungsstörung beginnt mit diesen Untersuchungen.» Bei Marcel Proust findet Ribbat interessante Formen des «Nicht-Schlafen-Könnens», Träume von in der Nazizeit verfolgten Menschen und von frühen Experimenten mit Elektroden am Kopf.

Der nächste Schritt nach dem Aufwachen

Mit der Gliederung seines Buches folgt Christoph Ribbat dem häufigsten Schritt nach dem Aufwachen: «Ins Bad». Und wieder weiss er viele Anekdoten, die zeigen, wie unterschiedlich Badezimmer sind und was für Gewohnheiten sich dort entwickelt haben – ein leichteres Kapitel, in dem es – wie an vielen Stellen des Buches – viel zu schmunzeln gibt.

Nachdem die Damen und Herren gewaschen und angekleidet sind, setzen sie sich an den Frühstückstisch, die letzte Routine vor dem Beginn des Arbeitstages oder den sonstigen Verpflichtungen und Freuden des Tages. – Auch darüber könnte Ribbat ein ganzes Buch schreiben. Über die Gewohnheiten und Rituale beim Essen hat er allerdings schon ein Buch geschrieben: Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne. Es stand 2016 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse und wurde in vierzehn Sprachen übersetzt.

Nebst dem Blick auf historische Anekdoten führt uns der Autor mit aktuellen Beispielen zurück in die schwierige Gegenwart von 2026.

Das ambivalente Bild, das Ribbat aus dem Netz von Geschichten zeichnet, umfasst die Zwänge und Machtstrukturen, die soziale Ungleichheit, den Druck und die Disziplinforderungen, denen wir alle ausgeliefert sind – jedoch auch, wie der Autor im Nachwort erklärt, Möglichkeiten für Kreativität und freies Denken. Ein reichhaltiges Buch, spannend zu lesen und voller Anregungen, sich weiter damit zu beschäftigen.

Christoph Ribbat: In den Tag. Eine kurze Geschichte des Aufwachens. Insel Verlag; 166 Seiten, ISBN 978-3-458-64584-9

Titelbild: Morgenstimmung / pixabay.org

 

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