Die Schweizer Fotografin Ester Vonplon stellt ihre Werke im Photomuseum Winterthur aus. Die mehrfach preisgekrönte Künstlerin beschäftigt sich in ihrer künstlerischen Praxis mit ihrer natürlichen Umgebung.
Dabei interessiert sie sich weniger für die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Landschaft, welche immer deutlicher sichtbar werden, als viel mehr für die Orte, die – vermeintlich – noch intakt und unberührt sind. Im Wissen um die Fragilität dieser Ökosysteme hegt sie den Wunsch, die Natur fotografisch festzuhalten, bevor diese aufgrund klimatischer Veränderungen und menschlichen Eingreifens möglicherweise bald verschwindet.

Ester Vonplon vor einem Naturbild
Sie bezeichnet ihre Bilder deshalb als Memento mori, welche die Verletzlichkeit und damit auch die Vergänglichkeit der Natur verdeutlichen. Für ihre aktuellen Serien arbeitet die Künstlerin an unterschiedlichen Orten im Kanton Graubünden; im Uaul Scatlè, einem von steilen Felsbändern umgebenen Fichtenurwald, im Val Curciusa, einem alpinen Hochtal und in der Auenlandschaft Ogna da Pardiala. Vonplon dokumentiert die Landschaften und natürlichen Fundstücke, die sie dort vorfindet, mittels unterschiedlicher Methoden, die sie in den letzten Jahren entwickelt hat.

Der fortlaufende Werkkörper Flügelschlag umfasst Fotogramme von Pflanzen, Tieren, Pilzen und Steinen, für die die Fotografin ein Fotopapier der Marke Cellofix einsetzt, welches Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland produziert und bereits damals für seine Qualität und Langlebigkeit geschätzt wurde. Das Papier, welches Vonplon verwendet, wurde über hundert Jahre lang in lichtdichten Kartonboxen gelagert und vergessen. Nun hinterlässt Vonplons Sammlung unscheinbarer Fundstücke dank langer Belichtungszeit ihre Spuren auf dem lichtempfindlichen Papier.

Die Serie Ognas da Pardiala dokumentiert die gleichnamige, unter Schutz stehende Auenlandschaft in der Surselva. Die Künstlerin nutzt dafür eine analoge Grossformatkamera. Mit dieser ist sie alleine in unwegsamem Gelände unterwegs – ein herausforderndes Unterfangen aufgrund der anspruchsvollen Handhabung der Kamera. Im Fokus des Bildentstehungsprozesses der Serie stehen die sorgfältige Beobachtung und die achtsame Dokumentation dessen, was Vonplon vorfindet.

Einerseits lädt die Arbeit Vonplons die Betrachter ein, über die Beziehung von Mensch und Umwelt sowie die Konsequenzen menschlichen Handelns für die Natur nachzudenken. Die Langzeitbeobachtungen der Fotografin zeigen jedoch auch auf, dass die Natur den Menschen und ihrer Existenz gegenüber mitteilungslos und indifferent erscheint.

Wie die Botanikerinnen des 19. Jahrhunderts sammelte Vonplon Abdrücke der Fundstücke ihrer Ausflüge in eine rätselhafte Natur. Im Gegensatz zu systematischen, wissenschaftlichen Dokumentationen lassen ihre Werke bewusst Interpretationsspielraum: Sind wir die staunenden Betrachter einer vielfältigen und flüchtigen Natur, die sich nicht um unsere Anwesenheit schert oder zerstören wir durch unsere Präsenz deren Fortbestand?

Ein stillgelegter Tunnel im Bündner Safiental diente Ester Vonplon als Dunkelkammer. Der Ursprung der Verschiebung ihres Arbeitsortes in diesen abgelegenen Tunnel inmitten eines Naturreservoirs ist der Coronapandemie zuzuschreiben, die neue Arbeitsweisen erforderte. Während Tagen, Wochen oder sogar Monaten legte sie grossformatiges Fotopapier auf dem Boden aus und überliess es der Chemie, dem spärlichen Licht und den klimatischen Bedingungen. Elemente des Zufalls und des Kontrollverlusts über den fotografischen Prozess spielen in der daraus entstandenen Werkgruppe ebenso eine Rolle wie in ihren anderen Arbeiten.

Ester Vonplon (*1980, Schlieren) lebt und arbeitet in Castrisch, Graubünden. Sie studierte an der Fotoschule am Schiffbauerdamm, heute Neue Schule für Fotografie Berlin, und schloss 2013 ihr Masterstudium in Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Sie präsentiert ihre Arbeiten im In- und Ausland und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2017 mit dem Manor Kunstpreis Graubünden und dem SAC-Kunstpreis. Ihre künstlerischen Projekte entstehen in der Surselva und sind oftmals von deren Landschaft und Natur inspiriert.
Die Ausstellung dauert bis 14. Juni 2026
Fotos: Josef Ritler
