StartseiteMagazinLebensartBenno Tresch und seine Archetypen

Benno Tresch und seine Archetypen

Mit 58 ging Benno Tresch vorzeitig in Pension. Seither hat sich der Kinderpsychologe und Gymnasiallehrer der Kunst verschrieben. In einem umgebauten Lagerschuppen in Burgdorf entstehen eiserne Skulpturen und archaische Bilder. Seniorweb hat den Künstler in seinem Atelier besucht.

An der Sägegasse 25, einer stark befahrenen Durchgangsstrasse in Burgdorf, findet man den Eingang zu Benno Treschs Reich. Rostige Eisenskulpturen, Landwirtschaftsutensilien, ein grosser Spiegel, eine Kochfigur und diverse originelle Schilder lassen vermuten, dass hier ein Künstler wohnt und arbeitet. Der bald 70-Jährige empfängt mich mit einem kräftigen Händedruck.

Modisch gekleidete Animas begrüssen Besuchende.

Auf einem Rundgang durch die Räume bestätigt sich mein Eindruck, dass hier kein 0815-Zeitgenosse lebt. Zuerst fallen mir die vielen bunt bekleideten Schaufensterpuppen auf. Wie die weiblichen Figuren auf den Bildern repräsentieren sie Anima, erklärt mir der Gastgeber. Der männliche Konterpart Animus ist deutlich weniger präsent.

C.G. Jungs Einfluss

Bei den beiden Figuren handelt es sich um Archetypen aus der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs. Sie wurden von Jung als Teile der Seele verstanden und sind im kollektiven Unbewussten verankert. Animus und Anima repräsentieren die innere, unbewusste Persönlichkeit, mit ihren individuellen Erfahrungen sowie Möglichkeiten menschlicher Imagination und Emotionalität. Die beiden Archetypen zeigen sich in menschlichen Stimmungen und Launen, Begeisterung und Verliebtheit, in Träumen und Mythen.

Über Hirschgeweih auf der Galerie: Gemälde von Animas und einem Animus.

Tresch hat sich bereits während des Psychologie-Studiums für C.G. Jungs Lehre interessiert. Nach dem Studium arbeitete der Solothurner ein paar Jahre lang beim kinderpsychiatrischen Dienst in Olten, wurde dann Lehrer der Fachschaft «Psychologie, Pädagogik, Philosophie» am Berner Gymnasium Neufeld. Vor seiner Pensionierung kaufte er den alten Lagerschuppen in Burgdorf.
Zwischen Buddha-Figuren und afrikanischen Skulpturen: «Objets trouvés» soweit das Auge reicht.

Sein ursprünglicher Plan, das heruntergekommene Holzhaus in ein Kulturzentrum mit Bühne zu verwandeln, liess sich nicht realisieren. Die dafür nötigen Finanzen liessen sich nicht auftreiben. Stattdessen baute er das Gebäude mit Unterstützung von Freunden in ein Atelier und Kunstlager um, in dem er heute auch wohnt. Im Keller hängen Dutzende von alten Kristalllampen und Bilder. Vasen stehen zwischen Figuren aus Afrika, Asien und Ägypten.

Im ersten Stock hat Tresch eine originelle Bar aufgebaut und mit Vinylplatten dekoriert. Auf der Terrasse stechen aus Hufeisen geschmiedete Vögel und eine mit einer Lichterkette geschmückte Figur der «Heiligen Maria» ins Auge. Sie soll es Besuchen ermöglichen, mit toten Angehörigen in Verbindung zu treten. «Wenn viele Leute fest daran glauben, dann werden Wunder Wirklichkeit», sagt Tresch.

Die beiden aus Mistgabeln geformten Archetypen gehören zu Treschs Lieblingsfiguren.

Reduktion auf das Wesentliche

Neben den Skulpturen entstehen an der Sägegasse auch Bilder. Motive sind archaische Räume, karge Horizonte, schwere Himmel, erdige Farben. Manchmal wirken die Illustrationen wie Erinnerungen an eine Zeit vor der Geschichte. Oder sie spiegeln menschliche Seelenzustände. Man spürt es: Dem Künstler geht es um Verdichtung, um Reduktion auf das Wesentliche.

Eintauchen in eine andere Welt.

Tresch arbeitet ruhig, weniger mit dem Kopf, mehr aus dem Bauch heraus. Kein Pathos, keine lauten Gesten. Und doch liegt in seinen Arbeiten eine spirituelle Wucht. «Die Kunstwerke sprechen nicht von der Oberfläche des Lebens, sondern von dem, was darunter liegt. Vielleicht ist das der rote Faden seines Wegs: vom Zuhören zum Formen, vom Gespräch zum Objekt, von der Analyse zur Verdichtung.» Treschs Bilder geben Einblicke in eine andere Dimension, die nicht nur mit dem eigenen Ich zu tun haben.

In die Tiefe gehen auch seine Lieblingsautoren. Zu ihnen gehören Martin Suter, Alex Capus, Eckhart Tolle, Antoine de Saint Exupéry. Inspirationen für seine Kunst findet er – ausser bei C.G. Jung – in der Natur mit ihren Urelementen Erde, Wasser, Luft und Feuer, in Ursymbolen, der Fruchtbarkeit, der Weisheit, der Sexualität, der Fruchtbarkeit und in Gottheiten. «Kunst entsteht, wenn der Künstler oder die Künstlerin in die archetypische Welt abtaucht und daraus schöpft,» sagt er.

Zwei aus Hufeisen geschmiedete Vögel.

Besonderes Faible für Peru

In jungen Jahren hat er die Zen-Meditation kennengelernt und ist noch heute begeistert davon. Morgens steigt er, wenn das Wetter es erlaubt, aufs Schloss hinauf, um dort zu atmen. Kraft schöpft er aus der Inspiration und Transformation, aus den Urträumen der Menschheit, aus fremden Mythologien und der afrikanischen und lateinamerikanischen Kultur.

Hoch über seinem «Reich» thront das Schloss Burgdorf.

Treschs Ehefrau ist Peruanerin, eigentlich eine Inka-Prinzessin, wie er betont. Sie teilt seine Träume und unterstützt ihn mit innendekorativem Flair bei der Gestaltung seiner Räume. Während Aufenthalten in ihrem Heimatland lernte er Wissenswertes über Präinkakulturen, die Pyramiden, die Chavin, die Chachapoyas und vor allem über die Moches. Deren Keramik und Textilien schätzt er sehr. Unter den europäischen Kunstschaffenden gehören Irène Henke, Kü, Jean Tinguely, Giger, Dali, Gaudi und Hundertwasser zu seinen Vorbildern.

Sein Lebensmotto umschreibt Benno Tresch so: «Ich bin immer auf der Suche: nach Schönheit, nach Wundern, nach mir, nach Geschenken jeder Art.» Deshalb sammelt er Antiquitäten und «Objets trouvés». An privaten Festen, Feiern und Partys in seinem «Reich» zeigt er den Gästen seine Welt, die archetypischen Figuren und erzählt vom Blick nach innen. «Entdecke das Universum in dir selbst und geniesse das Leben, denn wer nicht geniesst, ist ungeniessbar», rät er zum Abschied. Wer sich auf diese neue Welt einlassen möchte, ist herzlich willkommen und darf an der Sägegasse 25 in Burgdorf anklopfen.

Benno Tresch und seine Bilder im Atelier. Alle Fotos PS

Link zum Artikel über das Kurioseum von Heinz Beier

 

 

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