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Zu Besuch bei Heinz Beier

Die einen belächeln ihn als farbigen Querkopf, die andern bewundern seine künstlerische Kreativität: Heinz Beier ist als «Tinguely von Cordast» bekannt. Seniorweb hat den 75-Jährigen in seinem «Kurioseum» besucht.

«Kreative Menschen haben keine Unordnung. Sie haben nur überall Ideen rumliegen», steht auf einem Schild neben dem Eingang des alten Bauernhauses im freiburgischen Bauerndorf geschrieben. Auf den ersten Blick glaubt man, einen «Messie» zu besuchen. Menschen, deren Leben durch das übermässige Anhäufen von Dingen um und in ihren Wohnräumen mitbestimmt wird, werden als «Messies» bezeichnet.

Doch beim näheren Hinsehen stellen wir fest, dass bei Heinz Beier alles seine Ordnung hat: Die Plakate, Waagen, Radiotürme, Verkehrsschilder, Spritzkannen, Parabolspiegel stehen oder hängen in Gruppen und wohlgeordnet vor oder neben dem Gebäude. «Werkstatt für sinnvollen Unsinn», heisst es auf einem zweiten Schild.

In grau-brauner Arbeitskleidung begrüsst uns der Künstler. Als er meine Kamera sieht, entschuldigt er sich und verschwindet im Haus. Er müsse sich für den Fotografen umziehen, ruft der Bartträger uns zu und erscheint ein paar Minuten später in blauen Jeans, einem orangen Pulli und einem schwarzen Béret. Darüber trägt der «bunte Vogel» eine violette Sweatshirt-Jacke.

Heinz Beier vor seinem «Kurioseum».

Nicht nur die Kleidung ist bei Heinz farbig, sein ganzes Leben wirkt wie ein Malkasten: Seit 22 Jahren wohnt er in Cordast. Vor zehn Jahren gründete er das «Kurioseum». Eintritt bezahlt man hier nicht. Besuchende dürfen einen möglichst originellen Gegenstand mitbringen und dafür einen aus der «Sammlung» mit nach Hause nehmen. Bei einigen «Bijous», die ihm ans Herz gewachsen sind, legt der Hausherr allerdings sein Veto ein. «Alle wollen nur mein Bestes. Aber das behalte ich selber!»

Tinguely, Niki de Saint-Phalle und Hundertwasser bezeichnet er als «Seelenverwandte». Künstler seien überqualifiziert um aufzuräumen, meint er lakonisch. Im Chaos liege die Motivation zur Kreativität: «Ein klein wenig zu spinnen ist normal. Ganz normal zu sein, ist total gespunnen.»

Jede Woche besucht der Sammler Deponien, Entsorgungsstellen und Abfallplätze in der Region. Und wird regelmässig fündig. Man kennt ihn unterdessen überall und hat Verständnis für seine Tätigkeit. Die Objekte nicht flicken, sondern falsch zusammensetzen, sei seine Spezialität, betont der Allrounder und wiederholt, dass er nicht am Sinn, sondern am Unsinn eines Objekts interessiert sei.

Der HiFi-Turm erinnert an die Zeiten bei «Schweizer Radio International» (SRI).

Wie wird man zu einem Kuriositätensammler? Vor vielen Jahren hat Heinz als Pädagoge im Schloss / Seminarzentrum Glarisegg bei Steckborn (TG) gearbeitet. Als Vertreter der Rudolf-Steiner-Schule war er in der Behindertenarbeit tätig und hielt Vorträge. Heute sieht er die Antroposophie weniger dogmatisch, hat sie einfach in sein Leben eingebaut. Beier restaurierte zwanzig Jahre lang Oldtimer und sorgte als Techniker beim Kurzwellensender «Schweizer Radio International» (SRI, heute Swissinfo.ch) dafür, dass die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer mit der Heimat in Verbindung blieben.

Auf dem Gartenrundgang stellen wir – wenig überrascht – fest, dass Heinz ein Umweltpionier ist. Wärme liefert eine Erdsonde. Regenwasser vom Dach wird in Tonnen gespeichert, Windräder drehen im Wind, in einem biotop-artigen Teich tummeln sich schlüpfrige Lebewesen. Geplant ist eine Vergrösserung der Photovoltaik-Anlage. Und ein «umweltgerechtes CO2-neutrales Antifeinstaub-Spezialheizsystem» schwebt dem Künstler auch noch vor. Natur und Umwelt waren ihm immer wichtig: Vor vielen Jahren interessierte sich Heinz Beier für die Megalith-Kultur auf Korsika. Viele Wochen verbrachte er auf der Insel und studierte die Kunst der Urbevölkerung.

Aufregungen versucht der 75-Jährige heute zu vermeiden. «Freude und Lachen sind meine Produkte», erzählt er und meint damit, dass Humor die beste Medizin sei. Dann lenkt der Künstler die Aufmerksamkeit auf einen Haufen alter Fahrradrahmen. Ursprünglich wollte er damit einen Gartenzaun gestalten. Doch dann baute er daraus «seinen Eiffelturm». Wo ist da ein Eiffelturm? Beim näheren Hinsehen erkennen wir auf der Spitze des Veloturms einen kleinen Eiffelturm aus Bronze.

Bemalte Satellitenschüsseln – ein Gemeinschaftswerk.

Türme sowie Bäume stehen im Zentrum seines Schaffens: Erfunden hat er einen Birnenbaum (mit Glühbirnen statt mit Obst), einen Spritzkannenbaum, einen Vogelkrächzenbaum, einen Flaschenbaum, einen Bücherturm, einen Salatsiebbaum, einen Radioturm und eine Wand mit bemalten Satellitenschüsseln: «Das ist ein Gemeinschaftsprojekt mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern. Hier hängen auch von Freunden gestaltete Schüsseln.»

Heinz Beier liebt Wortspiele: «Bei mir ist alles grossgartig», verkündet eine Inschrift, und auf einem Schild an einem Osterbaum steht: «Bitte erst an Öffnachten weinen.» «Heinzigartig» nennt er seine Kunst. Neue Ideen, seine queren Phantasien plagen ihn nicht mehr. Viel lieber folge er dem Motto: «Wer gegen die Strömung schwimmt, kommt irgendwann an die Quelle».

Der Spritzkannenbaum.

Der Gartenrundgang bringt uns zur Frage, ob in seinen Kunstwerken eine politische Botschaft versteckt ist. Die Natur und seine Skulpturen gehörten zusammen, würden im «Kurioseum» eins, erklärt er, wird aber sofort präziser: «Wenn man die Wirtschaft gescheiter gestalten würde, dann wäre sie wirklich nachhaltig. Das heutige Wachstum ist der Tod der Wirtschaft.» So gesehen ist die Sammlung ein Protest gegen unsere Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Auf einem Schild steht: «Bitte keine Spenden, sonst zerstört ihr mein Ökosystem.» Pessimistischer klingt der Spruch: «Gestern standen wir vor dem Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter».

Heinz Beier im «Audioseum».

Vor der Verabschiedung besuchen wir noch das «Kreatorium Experimentalis» im ehemaligen Stall des Bauernhauses. Hier betreibt Heinz Audiogeräte, vom alten Plattenspieler, über das Revox-Gerät bis zum modernen CD-Player. Das «Audioseum» ist verkabelt und funktionstüchtig, die Musik ertönt vom «Radiohimmel». An Tablaren angenagelte Stöckelschuhe, Köpfe mit Perücken, Bilder, alte Instrumente, diverseste Lampen und Schmuck sind Zeugnisse aus der Phantasiewelt, in der Heinz lebt und arbeitet.

Hier produziert er das, was ihm am meisten Freude bereitet: kuriosen Unsinn. Entsprechend rätselhaft klingt auch der Abschiedsgruss: «Ich bin da. Falls ich zurückkomme, bevor ich weggegangen bin, bin ich mich suchen gegangen. Wenn ich mich gefunden habe, sage ich mir, ich sollte auf mich warten.»

Zum Abschied gibts ein Geschenk: Einen alten Oelkanister.

Unsere Antwort: «Heinz, wir werden wieder kommen, denn Dein «Kurioseum» ist ein ebenso erholsamer wie inspirierender Farbtupfer in unserer doch so berechnenden, kalten und immer gewalttätigeren Welt.»

Titelfoto: Im farbenfrohen «Columifanteum» fühlt sich Heinz am glücklichsten. Alle Fotos PS.

Adresse:

Heinz Beier, Werkstatt für sinnvollen Unsinn, Am Rotsch 18, 1792 Cordast (Besuche nur gegen telefonische Voranmeldung).

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