Ich schliesse mich einer Antwort* an, die eine prominente Frau auf die Frage: «Wer oder was geht Ihnen derzeit auf die Nerven?» gegeben hat. Ihre Antwort lautete: «Dass ringsum so viele Menschen in ihr Handy starren. Kein Blick wird erwidert. Mehr als nervig ist das. Traurig.» Dies habe ich selber schon oft gedacht. Mir scheint, dass manche Jugendliche einen Gruss sogar lästig finden. Sie murmeln eine Antwort, wenn sie gerade nicht anders können. Manchmal erhascht mich ein flüchtiger Blick: «Aha, ein alter Mann. Ein Grufti.» Gottlob ist das abschätzige Wort wieder etwas aus der Mode gekommen.
Das Handy markiert die zunehmende Abwesenheit der Menschen im Bus, in der Bahn, in Lokalen. Es handelt sich um eine Art Selbstabsonderung. Gleichzeitig nehmen Klagen zu, dass sich immer mehr Menschen einsam fühlen. Vielleicht sind sie auch selber schuld, denn sie flüchten in die Isolation vorbeieilender Bilder. Wenn mein Blick zufällig auf ein Handy fällt, handelt es sich um Selfies oder Bildgeschichten. Sie dienen der virtuellen Unterhaltung. «Was tue ich nur ohne mein Handy?»
Glücklicherweise erlebe ich manchmal auch Jugendliche, die recht heiter gestimmt mit mir plaudern, wenn ich sie anspreche. Ich spüre, dass sie gerne Auskunft geben über ihren Beruf, ihre Tätigkeiten, ihre Pläne. Das Handy liefert keine reale Antwort, ohne es flattere eine SMS herein.
Nun kommt noch die KI hinzu und man könnte sich von ihr die Frage beantworten lassen: «Wer bin ich»? KI gibt schnell eine Antwort und sie ist differenziert zur eigenen Meinung. So könnte man mit KI in eine kommunikative Situation treten und sich mit der Fremdmeinung auseinandersetzen. Als heiteres Spiel entstände vielleicht eine Diskussion. Freilich wäre es nicht der Kontakt mit einem Wesen aus Fleisch und Blut. Es wäre kaum ein lebendiger Austausch.
Der Mensch wird nur durch Menschen ein Mensch. Das Ich bildet sich am Du. Der Philosoph und mystische Denker Martin Buber schreibt: «… das Ich des Grundworts Ich-Du ist ein anderes als das Grundwort Ich-Es.» Sowohl das Handy wie die KI sind Es-Sachen ohne eigenes Leben. Von einem Hilfsgerät kann man wie von einem Lexikon etwas lernen oder Wissen abfordern. Zwischen ihnen gibt es einen Unterschied. Im Lexikon sucht man lange, im Gerät ist man schnell informiert. Was schnell kommt, geht oft schnell wieder weg. Es verschwindet in der Sachenwelt.
Wo aber ist der Mensch, der das Du und seine Seele anspricht? Das gelingt in einer Beziehung oder in einem Gespräch. Eine Sache bedeutet für den Menschen oft sehr viel, aber ohne lebendige Beziehung, ohne Kontakt und Anerkennung, verliert sie selbst an Bedeutung. Verschliessen sich die Menschen, dann kann es tatsächlich sehr traurig werden.
Immer mehr wird geklagt, dass Jugendliche, aber auch Erwachsene psychologische oder psychotherapeutische Betreuung in Anspruch nehmen müssen. In der modernen Abwesenheit von einem Du nimmt die Verletzlichkeit zu. Sie ist ein Grundphänomen des menschlichen Daseins. Wer einen Menschen verliert, spürt, wie verletzlich er ist. Er kann sich vielleicht heilen, wenn er Kraft findet, auf ein verlässliches reales Du zuzugehen. Manchmal rettet ein Lächeln, ein freundliches Wort einen trüb scheinenden Tag. Warum sollte man sich nicht bemühen, um beides erleben zu können?
*Magazin: NZZ am Sonntag. 12. O4. 2026
