Für Heinrich Stebler aus Sissach stand es lange fest, dass er als Büchelspieler am Eidg. Jodelfest in Basel mitmachen muss. Seniorweb hat ihn begleitet und stand dabei gleichzeitig als Helfer im Einsatz.
Uiuiui! Angesagt sind Temperaturen bis 38 Grad Celsius. Und ich sollte als Freiwilliger in Basel ans Jodelfest zum Primarschulhaus St. Johann, wo sich die Alphornergemeinde zum Vortrag trifft. Selbstverständlich wird erwartet, dass man als Helferin oder Helfer in Tracht erscheint. Dass ich die schwere Blaue Burgunderbluse in einem Sack mitnehme und auch das weisse Hemd nicht in die Hose stecke, geschieht wohl aus einer Mischung aus Vernunft und Restrenitenz.
Kaum auf dem Bahnhof, dröhnen mir vertraute Büchelklänge entgegen. Heini «vo Sissech» Stebler flutet die morgendliche Unterführung mit seinen Naturtönen. Wie für ihn typisch hat er gleich mehrere Büchel umgehängt – aber nicht nur: An seinem Rücken hängt ein Schild mit der Aufschrift «Vorsicht Dachlawine». Er liebe halt solche Gags, sagt er. So werde er auch auftreten bei seinen beiden Vorträgen heute Freitag.

«Heini vo Sissech» auf der Basler Passarelle
Im Zug nach Basel staunen Touristen aus Asien über Heini vo Sissech und dessen unbekannten Instrumente. Geduldig erklärt er, worum es sich da handelt und dass in Basel derzeit gerade das Eidgenössische Jodelfest stattfinde. Angekommen in Basel platziert er sich zunächst mitten auf der Passarelle, dann unter den riesigen Anzeigetafeln beim Ein-/Ausgang. Die kleinen Ständeli mit Büchel, Stockbüchel und Mini-Büchel werden von den Passanten entweder kopfschüttelnd oder anerkennend zur Kenntnis genommen. Er wird fotografiert und erntet Applaus.
Augenschein im Jodlerdorf
Draussen macht sich Heini Stebler auf in die Stadt. Er wolle als erstes das Vortragsgelände beim Primarschulhaus St. Johann begutachten. Mich selber treibt es zunächst auf den Petersplatz bei der Universität, wo sich das Jodlerdorf befindet. Wären da nicht schon viele Menschen in Tracht und mit Strohhüten (gesponsert von der lokalen Bank) unterwegs, könnte man glatt meinen, man sei mitten in die Basler Herbstmesse geraten. Während noch Stände in Schuss gebracht werden, verpflegen sich bereits vereinzelte Jodler und Alphorner (und -innen).
Das «Potz!musig»-Chalet wird eingerichtet und verkabelt, und die Telebasel-Teams wuseln auf dem Petersplatz umher. Und schon sind vereinzelt Sanitätstrupps, bewaffnet mit Notfallmaterial und Defibrillator, unterwegs. Es ist unschwer erkennbar, dass hier mitten auf dem «Jodlerberg», um 14 Uhr die Eröffnungsfeier stattfinden soll. Nach einem eisgekühlten Kaffee (für 5 Franken plus 2 Franken Depot für den Mehrwegbecher) und einem Flammenspiess (18 Franken) streife ich nochmals auf dem Petersplatz umher und beobachte die Jodelgemeinde.
Noch nicht im Einsatz, wäre ich bereits reif für eine kühle Dusche. Doch leider kann ich es nicht wie jene jungen Leute machen, die sich im Brunnen abkühlen. Die eher gelangweilt dastehenden Soldaten in ihren Uniformen dürfen es ja schliesslich auch nicht…

Die Einsamkeit des Büchelspielers vor der gestrengen Jury
Einspielen mit Tenueerleichterung
So laufe ich hinunter zur Tramstation Universitätsspital, wo das 11er Tram Richtung Westen fährt. Kaum an der Station St.Johanns-Tor angelangt, vernehme ich Alphornklänge. Im Kleinen Pärkli vis-à-vis der Tramstation sind zwei Alphorner aus Sursee sich am Einspielen. Ihr weisses Hemd ist offen; die Tracht liegt nebenan auf einem Bänkli. Nur einen Steinwurf entfernt machen sich drei Mitglieder «meiner» Alphorngruppe bereit zum Einspielen: Charlotte Husner, Peter Friedli und Urs Manser. Auch sie entledigen sich allem, was bis zum Vortrag unnötig ist. Nun kommt noch ein Alphorner vorbei, der gebrochen Deutsch spricht und gemäss eigenen Angaben aus San Francisco kommt. Jonathon Stillman berichtet, dass er als Gründer der in der US-Alphornszene bekannten Alphornformation «Alphorns SF» extra nach Basel gereist sei, um hier am Jodelfest teilzunehmen.
Angekommen auf dem Vortragsplatz, ist gerade ein Freiwilliger dabei, den roten Kunstbelag mit dem Schlauch abzuspritzen. Auf den Betonstufen haben es sich Neugierige eingerichtet, die meisten mit ihren Petflaschen und oft ausgerüstet mit kleinen batteriegetriebenen Ventilatoren. Bereits als dritte absolvieren meine Alphorn-Gschpöönli als «Trio Halmet» ihren Auftritt und zeigen, wie schön das Stück «Viu Glück», geschrieben von Robert Oesch ist.
«Büchler sterben aus!»
Von nun an erfolgen die Auftritte alle paar Minuten. Neben mir lacht jemand beim Anblick des Schilds «Achtung Dachlawine», andere murmeln verlegen. Heini Stebler tritt mit seinem Stockbüchel vor die gestrenge Jury. Er gibt «Rocky Mountain Echo» zum Besten.
Zurück auf der Tribüne bei mir, wirft er einen Blick auf seinen mitgebrachten Thermometer: 40 Grad Celsius. Stunden später wird der Radiosprecher bestätigen, dass man in Basel den rekordverdächtigen Wert von 38,8 Grad gemessen hat. Über seinen Auftritt ist Stebler happy, dennoch nervt er sich über den Umstand, dass die Büchler weder auf den Plakaten abgebildet sind, noch in den Vortragslisten als solche vermerkt sind. «Mir stärben us!», sagt er und hält sich seinen Wasserverdunster vors Gesicht.
Es ist heiss und drückend, die Sonne sengt gnadenlos. Damit wir zwei nicht verdursten, organisieren wir Wassernachschub. Schliesslich rät auch das OK des Jodlerfests, viel zu trinken – notabene Wasser. Nach 14 Vorträgen – 5 Einzelvorträge, drei Duo, vier Trios und zwei grössere Formationen – ist Büchler Heini wieder an der Reihe. Mit seinem Instrument tritt er vor die gestrenge sechsköpfige Jury und trägt eine Muotatalermelodie vor. Angesagt wird er vom Buusner alt Regierungsrat Thomas Weber, der seit seinem politischen Ruhestand ebenfalls Alphorn spielt. «Eine 2 wird es wohl werden» kommentiert Heini bei seiner Rückkehr auf die Tribüne seine Darbietung; es habe leider ein paar «Streifer» gegeben…
Fritz Weidmann aus Kanada
Für mich wird es nun Zeit, mich für meine beiden Schichten bereit zu machen. Zunächst lasse ich einen Crashkurs für meinen Helfer-Job bei der Anmeldung über mich ergehen. Immer, wenn jemand kommt um sich für seinen Vortrag anzumelden, müsse ich die Gegenkontrolle mit der Auftrittsliste machen und gegebenenfalls die gewählten Bewertungsstücke im System zu ergänzen oder neu eingeben. Allfällige Änderungen müsse ich ausdrucken und weitergeben an die Ansage. Alles klar.
Einer der ersten, der vor mir steht, ist Fritz Weidmann aus dem kanadischen Calgary. Er wird «Im Stachel» von Hermann Koller zum Besten geben. Während auf dem Vortragsplatz die Vorträge gehalten und jeweils mit Applaus bedacht werden, habe ich es manchmal locker, manchmal stehen die Anmeldewilligen Schlange. Heiss ist es noch immer, aber zuweilen weht ein homöopathisches, wohltuendes Lüftchen.
Je länger ich hier vor dem Bildschirm sitze und den Vorträgen lausche, realisiere ich viererlei:
> Ja, viele der Alphornstücke klingen irgendwie ähnlich, vielleicht auch, weil sie von Komponisten stammen, die in der Szene sehr bekannt und beliebt sind (Hans-Jürg Sommer oder Robert Oesch). Handkehrum existieren Titel, geschrieben von anderen Komponisten, die wohltuend aus der Masse herausragen (Gilbert Kolly oder Robert Scotton).
> Willkommene Abwechslung bieten die eher seltenen Büchelvorträge.
> Und immer spannend wird es, wenn Stücke zur Aufführung gelangen, die teilweise extra für das Eidg. Jodelfest in Basel geschrieben wurden. Zum Beispiel «Basler Läckerli», «Z Basel mit em Üristiär» oder «Z Basel ufem Gmiesmärt».
> Und, dass soll auch erwähnt sein: die Alphorn-Szene ist eine sehr friedliche und gmögige. Man duzt sich, man schätzt sich. Wunderbar!
Alphornduo Frauenversteher
Das Telefon klingelt. Die drei Frauen vom Trio «Echo vo de Langenegg» rufen aus dem Zug an, der mit grosser Verzögerung in Basel ankommen wird. Sie könnten unmöglich auf die Zeit auf dem Platz sein. In Absprache mit dem Platzchef setzen wir das Trio ganz an den Schluss – auf ungefähr 21:30 Uhr.
Ich staune, dass die allermeisten Gruppen und Einzelhorner es schaffen, sich zeitig anzumelden. Doch wo bleibt denn das «Alphornduo Frauenversteher»? Da kommen zwei fesche Urner Burschen mit ihren Hörnern daher und für mich ist sofort klar: das müssen sie sein. Auf die Frage, wie sie denn auf diesen Namen gekommen sind, räumen sie augenzwinkernd ein: «Ach, da war wohl etwas Alkohol im Spiel…».
Nachdem die drei Bläserinnen aus der Zentralschweiz endlich eingetroffen sind und sich auch die Letzten noch angemeldet haben, neigt sich mein Helfertag um halb zehn Uhr dem Ende zu. Und ich kann dem wunderbaren Schluss-Stück «Arosa», geschrieben von Robert Oesch und wunderbar interpretiert vom Damentrio «Echo vo de Langenegg» lauschen. Tag Eins des Jodelfestes ist passé – wenigstens für mich.
Mehr noch als auf ein kühles Bier freue ich mich nun auf eine Dusche.
Alleine im Umzug des EJF 2026: Heini, der Büchelspieler
Hoffen auf die Note 1
rob. Rund 85 Vorträge hat die sechsköpfige Jury an diesem Freitag bewerten müssen. Bewertet werden die Tonkultur, die Blastechnik (u.a. Treffsicherheit und Intonation), die Interpretation I (Dynamik, Phrasierung und Artikulation), die Interpretation II (Rhythmik, Tempo und Zusammenspiel) sowie der musikalische Ausdruck. Erst die Summe der Punkte ergibt dann letztlich das zählbare Resultat. Speziell: Anders als beispielsweise beim Schwingen liegen jene Bläserinnen und Bläser vorne, die am wenigsten Punkte auf dem Notenblatt haben.



Fotos: Robert Bösiger
