Mit «Grease», einem der erfolgreichsten Musical aller Zeiten, knüpfen die Thunerseespiele an frühere Erfolge an: Erneut geniesst man auf der Seebühne spektakuläre Tanzeinlagen, bekannte Ohrwürmer, ein stimmiges Bühnenbild… Und doch gibt es Unterschiede zu früheren Produktionen.
Als 1971 das Musical «Grease» am Broadway Premiere feierte und als sieben Jahre später der gleichnamige Kultfilm mit John Travolta und Olivia Newton-John die Kinosäle füllte, war die Welt eine andere: Voller Bewunderung blickte Europa nach Hollywood und New York, sog die gelieferten Stereotypen von Freiheit, Lebenslust sowie Unbeschwertheit auf und übernahm einige davon in die eigene Wertewelt. Die amerikanische Lebenskultur war für viele ein schöner Traum.
Auch wir lebten in unserer Jugend (Matura-Jahrgang 1975) den Traum von grossen Ami-Schlitten, süsser Romantik und steilen Karrieren. Auch bei uns waren starke Jungs mit schwarzen Lederjacken sowie Elvis-Locken, verzuckerte Mädchen in Petticoats und mit blonden Locken Ideale. Wir tranken zum ersten Mal Alkohol, rauchten die erste Zigarette, lasen Liebesromane, genossen ein romantisches Burger-Dinner und liebten uns auf dem Rücksitz des väterlichen Familienautos.
Danny und Sandy, frisch verliebt.
Das alles und noch viel mehr haben der ausführende Produzent Denis Jenni sowie der Regisseur und Choreograf Christopher Tölle in die neuste Sommerproduktion auf der Thuner Seebühne verpackt: Starke Typen der Rydell High School mit Grease (Pomade) im Haar rivalisieren mit Mitgliedern der Mädchen-Gang «Pink Ladys», spannen sich gegenseitig die Girls aus und übertreffen sich in ihrer Coolness, unter Gruppenzwang auf der Identitätssuche in ihrem Macho-Gehabe.
Die «Pink Ladies» schmieden Pläne.
Danny, der Anführer der «Burger Palace Boys» (Matt Posada), verliebt sich in den Ferien in die schüchterne Sandy (Jeannine Michele Wacker), trifft sie in der Klasse wieder und lässt seine Freundin – ausgespottet von seiner Gang – kurze Zeit später wieder fallen. Herzschmerz trifft auf Rock’n’Roll.
Den Tanzwettbewerb an der High School gewinnt er mit einem anderen Mädchen. Im Wettstreit um Anerkennung und Popularität daten die Schülerinnen und Schüler am laufenden Band. Vergeblich versucht die schrille Englisch-Lehrerin Miss Lynch (Patricia Hodell) für Zucht und Ordnung zu sorgen. Für Heiterkeit sorgt der quirlige Radiomoderator und Conferencier Vince Fontaine (Philipp Hägeli).
Als Cheer-Leaderinnen begleiten sie Sportanlässe der High School.
Dass am Schluss der simplen Geschichte alle ihren Platz finden und das Liebespaar Danny sowie Sandy wieder zusammenfindet, war schon im legendären Film sowie im Originalmusical der Fall. Dennoch wurde die Thuner Inszenierung weiterentwickelt: Erstmals wird das Musical auf der Seebühne als Open-Air-Produktion gezeigt. Verglichen mit früheren Aufführungen in Thun wurde das Ensemble deutlich verkleinert und umfasst nur noch 24 Darstellerinnen und Darsteller. Ein Chor fehlt. Auf 2900 Plätze aufgestockt wurde dagegen die imposante Zuschauertribüne.
Schlichter konzipiert ist auch das Bühnenbild: Andrew D. Edwards hat die Wand eines High School Gebäudes, ein Autokino und einen amerikanischen Dinner in den Pastelltönen Rosa und Hellblau auf den See gezaubert. Eine Tanksäule deutet die Route 66 an, aus der Garage wird ein baufälliger Ami-Schlitten gezogen.
Die Englischlehrererin, Mrs. Lynch (in grün), hat auch menschliche Seiten.
Die Bühne wird in der sich verändernden Abendstimmung in fantastisches Licht gehüllt. Über 200 Kostüme, unter Leitung von Kostümbildnerin Heike Seidler im Thuner Atelier produziert, setzen der Produktion die optische Krone auf. Hier erinnert die Liebe zum Detail an einen Film: Der «Klassen-Clown» Eugene trägt Hochwasserhosen, die Einzelgängerin liest in einem Buch und das Publikum mampft Popcorn.
Danny und Sandy finden sich wieder.
Musikalisch liefern die legendären Songs «Greased Lightnin’» «Summer Nights», «Hopelessly Devoted to You» und «You’re the One That I Want» ein Feuerwerk aus Nostalgie, Witz und Lebensfreude. Gesungen wird in Englisch, die Dialoge zwischen den Songs werden auf Deutsch gesprochen. Das Tempo ist hoch, die Pointen und stillen Momente welchseln Schlag auf Schlag. Besonders eindrücklich kommen die drei Duette von Danny und Sandy rüber.
Am Schluss der Premiere erhebt sich das Publikum und spendet dem Ensemble sowie dem achtköpfigen Orchester (Dirigent Kai Tietje) stehenden Applaus. Unter den Premiere-Gästen: Bundesrat Albert Rösti mit Frau, alt Bundesrat Dölf Ogi mit Frau, der Schweizer Kabarettist Emil Steinberger mit Frau sowie viel, viel Prominenz aus Kultur, Sport und Politik. Geplant sind 28 Vorstellungen sowie eine Matinee am 1. August, alle mit Ausweichdaten im Fall von Regentagen.
Beim grossen Finale finden alle Pärchen ihren Platz.
Auf der Rückfahrt nach Bern ertönen aus dem Autoradio die Spätnachrichten. Vorbei ist die Wohlfühl-Stimmung: US-Präsident Trump hat dem Iran erneut den Krieg erklärt. Die ersten Raketen fliegen, während die Ukraine und der Gaza-Streifen in Schutt und Asche liegen. Amerika ist zu einem Albtraum geworden.
Für einen kurzen Moment sehne ich mich zurück in die Entstehungszeit von «Grease», als die Welt und Vereinigten Staaten – allen Klischees zum Trotz – aus heutiger Sicht noch in Ordnung waren.
Titelbild: Die Tribüne vor der Thuner Seebühne fasst in diesem Jahr 2900 Plätze. Alle Fotos: © Thunerseespiele
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