Unter dem Titel «East meets West» lud die Paulus Akademie Zürich letzte Woche zur Frage ein, ob die Menschenrechte Ausdruck hegemonialer Ansprüche des «Westens» seien oder die Idee der Menschenrechte auch in der chinesischen Tradition aufscheine. Licht in diese Frage brachte der deutsche Philosoph Gerhold K. Becker.
Becker lehrte nahezu 20 Jahre Religionsphilosophie und Ethik an der Hong Kong Baptist University und brachte dabei chinesische und westliche Ethik- und Religionsvorstellungen miteinander ins Gespräch. 1991 gründete er in Hong Kong das erste Zentrum für angewandte Ethik in Südostasien, das er anschließend zehn Jahre leitete.
Gerhold K. Becker (Foto bs)
Hier einige Zitate mit Bezug auf die Menschenwürde aus dem reichen Fundus der chinesischen Philosophie, welche Becker präsentierte:
- Konfuzius (vermutlich 551 -479 v. Chr.): «Zi-gong fragte: Gibt es eine Maxime, nach welcher sich ein Leben lang handeln lässt? – Der Meister antwortete. Das ist gegenseitige Rücksichtnahme (shu). Was man selbst nicht wünscht, das tue man anderen nicht an.»
- Mo Di (490 – 381) zum Prinzip allumfassender gegenseitiger Liebe (jian ai): «Wenn man alle Menschen in der Welt dazu bringen könnte, sich in allumfassender Liebe zusammenzutun und andere ebenso zu lieben wie sich selbst, würden sie dann noch eine pietätlose Einstellung zeigen?…Wenn man seinen Sohn, seinen jüngeren Bruder oder seine Untertanen wie sich selbst betrachtete, würde man dann noch unfreundlich gegen sie sein?»
- Nach Menzius hat der Mensch von Natur aus ein mitfühlendes Herz, das sich auszeichnet durch Mitmenschlichkeit (ren), durch Angemessenheit (yi) oder Scham und Pflichtbewusstsein, durch ritualgenormte Umgangsformen (li), in denen andere Menschen und die soziale Ordnung geachtet werden und durch Einsicht in das rechte Tun (zhi) oder Weisheit, welche ermöglicht, Wahrheit und Lüge sowie Gut und Böse zu unterscheiden.
- Aus der Gegenwart wurde Zhang Qianfan (geb. 1964 in Nanjing), chinesischer Jurist und Professor für Verfassungsrecht zitiert: «Wir brauchen eine Verfassung, die die Macht des Staates und sozialer Organisationen begrenzen kann mit Grundrechten für jeden als Schutz vor staatlichen Übergriffen.»
- In der chinesischen Verfassung von 2004 steht in Artikel 33/3: «Der Staat respektiert und gewährleistet die Menschenrechte.» Gerhold Becker gab zu bedenken, ob damit die Übernahme westlicher Menschenrechtsstandards gemeint sei, oder ob es eine formalistische, politisch unsensible Formulierung sei und inwieweit der Verfassungstext mit der politischen Praxis übereinstimme.
Der Schweizer Jurist und Sinologe Harro von Senger war zu einem Kommentar zu den Ausführungen von Gerhold Becker und zur Frage der menschenrechtlichen Beziehungen zwischen China und dem Westen eingeladen worden.
Harro von Senger (Foto bs)
Von Senger hob drei «Begegnungen» des Westens mit China hervor:
- Versuch der vor allem von Jesuiten betriebenen Christianisierung Chinas im 16. und 17. Jahrhundert, die aber misslang. Aber das Interesse an chinesischer Kultur blieb bei den Jesuiten wach.
- Das 19. Jahrhundert war für China eine Zeit der Demütigungen durch den westlichen Imperialismus. Die Etablierung einer liberalen bürgerlichen Gesellschaft in China gelang nicht.
- Als Folge des 1. Weltkriegs wurde in China 1921 die kommunistische Partei Chinas gegründet. Damit wurde der Marxismus-Leninismus zur Richtschnur des Handelns. Nach Mao soll ein ernsthafter Klassenkampf geführt werden. Die Menschenrechte wurden in dieser Zeit (1949-1976) negiert. Sie seien eine Intrige der Bourgeoisie. Diese behaupte, es gebe eine allen Menschen gemeinsame menschliche Natur. Dadurch werde der revolutionäre Kampfgeist des Proletariats zum Verschwinden gebracht. Denn wenn die Mitglieder des Proletariats und der Bourgeoise alle eine gemeinsame menschliche Natur hätten, dann verschwinde der Hass des Proletariats auf die Bourgeoisie, und der Klassenkampf werde nicht weiter geführt.
Im wikipedia- Beitrag zu Harro von Senger sind einige seiner Veröffentlichungen zur Menschenrechtssituation in China als pdf-Dateien für Interessierte zugänglich, etwa «Die UNO-Konzeption der Menschenrechte und die offizielle Menschenrechts-Position der Volksrepublik China» (1998), «Der Menschenrechtsgedanke im Lichte chinesischer Werte» (1998), «Die VR China und die Menschenrechte» (2006).
Nach einer kurzen Fragerunde entliessen der Moderator Stephan Rothlin, SJ, Programm-Direktor Angewandte Ethik & KI am Weltethos Institut der Peking Universität, und die Moderatorin Dana Sindermann, Leiterin des Fachbereichs Wirtschafts- und Sozialethik der Paulus Akademie das Publikum in den Apéro riche, wo die Diskussion mit hoher Intensität weitergeführt wurde.
An meinem Tisch herrschten Bedenken und Empörung angesichts der geopolitischen Lage vor, wo zurzeit in Ost und West die Menschenrechte und das Völkerrecht gravierend missachtet und verletzt werden. In diesem Zusammenhang trat das im Referat von Gerold Becker erwähnte Tianxia-Konzept in den Vordergrund, das im Buch «Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung» des bedeutenden chinesischen Philosophen Zhao Tingyang erläutert wird. Im deutschsprachigen Raum wird das Buch seit 2020 diskutiert und vor allem heftig kritisiert. Vgl. dazu eine m.E. polemisch abwertende Kritik von Tobias Wenzel im Deutschlandfunk kurz nach Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe des Buches.
«Die imperialistische Weltanschauung betrachtet die Welt als Objekt der Unterwerfung, Beherrschung und Ausbeutung», so Zhao. Das Prinzip des Tianxia umfasse hingegen alles «unter einem Himmel» und kenne kein Aussen, keinen aussenstehenden Fremden oder Feind. «Keine Person kann als untolerierbarer Aussenstehender, kein Staat, keine Nationalität und keine Kultur als antagonistischer Feind angesehen werden.» Das 3000 Jahre alte Tianxia-System der Zhou-Dynastie könne als Praxismodell wirken, um Äusseres in Inneres zu verwandeln.
Der Tianxia-Denkansatz in einer Welt der Priorisierung nationalstaatlicher Interessen und einer horrenden globalen militärischen Aufrüstung, um Feinde abzuwehren, tut gut. Gleichzeitig muss nicht das Phantom eines diktatorischen Weltstaates heraufbeschworen werden. Stattdessen könnten in gut schweizerischer Manier die politischen Probleme föderalistisch auf der tiefstmöglichen Ebene gelöst werden. Lösungsansätze für globale Probleme wie Klimakrise, Welthunger, kriegerische geopolitische Feindseligkeiten müssen global diskutiert werden, damit regional und lokal nachhaltige Handlungsweisen in globaler Perspektive koordiniert werden können. Eine friedliche Koexistenz aller Staaten untereinander würden militärische Konflikte gegen «Feinde» obsolet machen, d.h. alle Armeen könnten abgeschafft werden. Auf globaler Ebenen könnte man sich mit dem gesparten Geld der Umsetzung der von allen UNO-Mitgliedstaaten im Jahre 2015 verabschiedeten UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung widmen.
Titelbild: Die Friedenstaube schwebt über den Flaggen der Nationalstaaten (Foto © Gerd Altmann auf pixabay)
Vorlesung von Gerhold K. Becker zu «East Meets West. Anmerkungen zum chinesischen Diskurs um Menschenwürde und Menschenrechte»


So eine Tagung und Diskussion über Menschenwürde in Ost und West wünsche ich mir an einer UNO Vollversammlung. Was mir bei der Besprechung bzw. der Tagung fehlte, war der Einfluss der Religionen auf die Interpretation der Menschenwürde. Wenn das Wort «global» fällt, dann ist die arabische und afrikanische Weltordnung miteinzubeziehen.
Ein hoch interessanter Beitrag von Beat Steiger, vielen Dank. Ich finde es sehr interessant zu lesen, dass grundlegende ethische Prinzipien in der chinesischen Philosophie seit Jahrtausenden gelten ganz ähnlich wie sie zum Beispiel auch Immanuel Kant in Deutschland formuliert hat. Dass die jeweiligen Herrschaftssysteme das nicht berücksichtigen, ist ein anderes Thema. Aber ich finde es super, dass es grundlegende ethische Prinzipien gibt in der ganzen Welt, jedenfalls in der asiatischen und in der europäischen Philosophie, die universelle humane Prinzipien sind. Das „Schweizer Manifest Rechte fragiler alter Menschen“ ist eine Anwendung dieser Prinzipien.