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Wandern – das Schicksal der Menschheit

Die aktuelle Ringvorlesung des Collegium Generale der Universität Bern bietet im Herbst 2026 unter dem Titel «Der menschliche Körper: Vorstellungen und Grenzen» eine Reihe Vorträge aus unterschiedlichen Fachgebieten an, zuletzt «Die genetische Geschichte der Menschheit: von der Steinzeit bis ins Mittelalter».

Der Vortrag hatte zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer angezogen, der Referent nämlich, Johannes Krause, ist ein herausragender Genforscher, Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, einem der weltweit führenden Forschungszentren für Genetik und Evolutionsbiologie. Die Forschung auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelt hat, punktuell konnten wir es in den Medien verfolgen.

Dass der «Neandertaler» als frühester Mensch in Europa lebte, hatten wir in der Schule gelernt. Dass der homo sapiens, von dem wir alle abstammen, aus Afrika stammt, hatten wir – eventuell staunend – vor einigen Jahrzehnten erfahren. Zusammen mit seiner Forschergruppe fand Johannes Krause durch Genanalysen heraus, dass wir in Europa noch 2% «Neandertaler»-Gene in uns tragen. Damit klärte er die Frage, ob der homo sapiens den «Neandertaler» verdrängt oder gar ausgerottet habe. – Die beiden Menschengruppen haben sich vermischt.

Johannes Krause  © Foto: Thomas Victor

«Der Mensch ist und bleibt ein ungewöhnliches Lebewesen, sesshaft in allen Teilen der Erde», sagte Johannes Krause zu Beginn seines Vortrags, denn ausser dem Menschen gibt es keine höher entwickelten Lebewesen, die in allen Teilen der Erde beheimatet sind.

Technik ermöglicht neue Erkenntnisse in der Menschheitsgeschichte

Die Fortschritte in digitaler Elektronik haben die Genanalyse einschneidend verändert und ermöglichen nun, dass – 36 Jahre nach dem Beginn des Projekts zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms – Gensequenzen schneller und also auch in viel grösserer Anzahl analysiert werden können. Heute können pro Tag Zehntausende von Sequenzen entschlüsselt werden.

Das genetische Material für die Forschungen stammt aus Knochen. DNA-Sequenzierung bedeutet, dass die Abfolge der Nukleotide in einem DNA-Molekül bestimmt wird. Das geschieht in modernsten Geräten, die in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt und optimiert wurden. Das älteste Genom, das erforscht wurde, stammt vom Mammut und ist 1,6 Millionen Jahre alt; das älteste menschliche Genom eine halbe Million Jahre. Johannes Krause hat über 30’000 Skelette untersucht, hauptsächlich aus Europa, aber auch von überallher auf der Welt.

Für Millionen Jahre war die Erde von vergleichsweise wenigen Menschen bevölkert.

Zu seinem Fachgebiet, der Archäogenetik, zählt Krause die Geschichte der Menschheit, wo und wann Menschen eine Gegend besiedelt haben; die Migration von Menschengruppen; wer sich durchsetzte, und wie sich die Menschen adaptierten. Er untersucht auch, wie sich bestimmte Krankheiten verbreiteten. Zum Beispiel stellte er fest, dass eines der Neandertaler-Gene, von denen alle modernen Menschen etwa 2% besitzen, das Risiko erhöht, an einer schweren Form von Covid-19 zu erkranken.

Gene, die für Krankheiten anfällig machen

Wie erst vor kurzer Zeit bekannt wurde, gibt es im Genom des modernen Menschen noch eine dritte Komponente: das Genom der Denisovaner, eine bis dahin unbekannte Menschengruppe, deren Überreste in einer Höhle in Südrussland nahe der Ukraine gefunden wurde.

Es war Johannes Krause, der an einem kleinen Fingerknochen das Genom bestimmte. Damit ist er der Forscher, der die Herkunft des modernen Menschen endgültig definierte. – Er erwähnte das wie nebenbei, obwohl es ein einzigartiger Schritt zum Verständnis zur Geschichte der Menschheit ist.

Ein weiteres, besonderes Merkmal des Denisovaner-Genoms erwähnte Krause:  Tibeter können in grossen Höhen von 4’000 und mehr Metern Höhe leben, sie verdanken es einem Gen der Denisovaner.

Gene, die Menschengruppen voneinander unterscheiden

Bekanntlich wanderten die Menschen nach und nach in alle Kontinente. Die Menschen auf dem malaiischen Archipel besitzen 5% Denisovaner-Gene neben den üblichen 2% Neandertaler-Genen. Es gab in Asien Menschengruppen, die im Laufe der Geschichte ausgestorben sind, zum Beispiel der 2003 entdeckte homo Floresiensis, «Hobbit» genannt, ein kleiner Mensch mit übergrossen Füssen. In Afrika sind bei weitem nicht alle Völker mit den ostafrikanischen Homo-Sapiens-Vorfahren verwandt, und selbstverständlich findet man in afrikanischen Genomen weder Neandertaler- noch Denisovaner-Gene.

Ausbruch eines Riesenvulkans zerstört alles Leben

Umwelteinflüsse, Eiszeiten, Klimakatastrophen beeinträchtigten das Leben der frühen Menschen auch in Europa. Wahrscheinlich nach dem Ausbruch eines Riesenvulkans südlich von Neapel, wo heute die ebenfalls unberechenbaren Phlegräischen Felder sind, starben einige Menschengruppen aus, ebenso wie die Mammuts oder die Dinosaurier. Nur in kleinen Teilen Nordwestspaniens überlebten kleine Gruppen. Krause erinnert daran: Die ersten Europäer waren vielleicht nur 300 Individuen.

Anschliessend wanderten neue Gruppen mit dunklen Augen vom Balkan aus nach Italien, aus Osteuropa wanderten Gruppen mit dunkler Haut, aber hellen Augen ein. – Im Holozän, dem Neolithikum, vollzog sich ein grundlegender Wandel: Aus Wanderern, Jägern und Sammlern, wurden Ackerbauern und die waren aus Anatolien eingewandert.

«Ötzi» war ein anderer!

Im Ötzi-Genom finden sich von Neuem Gen-Anteile von Jägern und Sammlern, während die früheren europäischen Jäger und Sammler wohl nach der Katastrophe ausgestorben waren. Zur Gletschermumie, die bei ihrer Entdeckung grosses Aufsehen erregte, bemerkt Krause für uns Laien Erstaunliches:

Nachbildung des Mannes vom Tissenjoch («Ötzi») im Bozener Museum (Foto mp)

Die Darstellung im Südtiroler Archäologiemuseum, das Ruth Vuilleumier und ich vor ein paar Jahren besuchten, entspricht nicht dem Befund der genetischen Untersuchung: «Ötzi» hatte dunkle Haut und eine Halbglatze. Seine Schädelform entspricht dem seiner Mumie und nicht dem eher breiten Schädel des Museums-Ötzis. Die dunkle Haut ist an der Mumie noch erkennbar – Haare hatte man gar keine gefunden.

Vor ca. 4’000 Jahren kommt ein Schub Einwanderer aus Osteuropa bzw. Mittelasien, dem Land der weiten Steppen. Individuen mit drei unterschiedlichen Genomen vermischen sich. Sie bringen «Steppengene» mit. Diese sind in Grossbritannien später als auf dem Kontinent nachweisbar, erst vor 3’500 Jahren.

Wandernde Gruppen bringen «Steppengene» nach Europa

Wenn eine Häufigkeit gewisser Gene festgestellt wird, nennt man das eine genetische Signatur, sie begründet eine gemeinsame Kultur. Gruppen von Menschen mit gleichen Gensignaturen sprechen die gleiche Sprache. Daraus ergeben sich ebenfalls Verwandtschaftsverhältnisse im weitesten Sinne. «Steppensignaturen» findet man nicht bei den Etruskern, den Minoern auf Kreta oder den Basken.

Immer wieder finden sich erstaunliche Besonderheiten: In Spreitenbach AG wurden aus einer Zeit vor über 1’200 Jahren Frauenskelette ohne Steppengenen gefunden. Man stellte zudem fest, dass die Frauen sich durch Heirat von ihrem Geburtsort entfernten, während die Männer am gleichen Ort blieben.

Frauen beweglicher als Männer

Ähnliches fanden die Forschenden auch in Pannonien (dem heutigen Ungarn) während der Zeit der Völkerwanderung: Das Volk der Awaren, ein Reitervolk, stammte aus der Mongolei und war in ca. vierzig Jahren von dort bis nach Ungarn gezogen. In den Gräberfeldern zeigte sich: Wenn eine Frau Kinder mit mehreren Männern hatte, sind es Väter und Söhne oder Brüder. Inzucht wurde offenbar vermieden. Und die Menschen blieben unter sich, wie sich an zwei Dörfern in Südösterreich zeigte: Sie pflegten ihre Nachbarschaft nicht, obwohl ihre Grabbeigaben sich nicht unterschieden, hatten nur Kontakte zu entfernteren Dörfern, wo Menschen mit ähnlichen Genomen lebten.

Konventionelle Darstellung der Entwicklung des Homo Sapiens

Als Johannes Krause seiner Mutter erklärte, dass die Wanderungen der Steppenvölker aus Asien in den Jahrhunderten nach Chr. neue Gene nach Europa brachten, schmunzelte sie nur und sagte: «Das von den Völkerwanderungen, das wussten wir doch schon lange.»

Für den Wissenschaftler bedeutet diese Erkenntnis mehr: Was bisher ein Konzept von Schlussfolgerungen und unterschiedlichen Annahmen war, ist durch die Genetik zu einer gesicherten Tatsache geworden. – Innovationen und kultureller Wandel sind stets eine Folge von Migration. Viele Forschungen aus vorhistorischer Zeit, d.h. ohne schriftliche oder andere kulturelle Zeugnisse, sind erst mit der Genentschlüsselung relevant geworden.

Johannes Krause: Sieben zentrale Erkenntnisse aus der Archäogenetik Europas:

  1. Moderne Menschen ausserhalb Afrikas divergierten vor weniger als 50’000 Jahren.
  2. Die ersten modernen Menschen in Europa verschwanden zusammen mit den Neandertalern.
  3. Kulturelle Innovationen (z.B. im Neolithikum) gingen oft mit Migration einher.
  4. Zwei grosse Migrationsereignisse prägen das Europa des Holozäns.
  5. Indoeuropäische Sprachen wurden vermutlich aus der Steppe nach Europa verbreitet.
  6. In der Völkerwanderungszeit gab es viele mobile Gruppen.
  7. Migration und Mobilität sind die Regel und nicht die Ausnahme in der Menschheitsgeschichte!

Prof. Dr. Johannes Krause, Archäogenetik, MPI für evolutionäre Anthropologie, Leipzig: Die genetische Geschichte der Menschheit: von der Steinzeit bis ins Mittelalter
Der gesamte Vortrag innerhalb der aktuellen Ringvorlesung des Collegium Generale der Uni Bern ist als Podcast nachzuhören – sehr zu empfehlen!

Im Buchhandel erhältlich;
Johannes Krause und Thomas Trappe: Die Reise unserer Gene. 2019 Propyläen-Verlag. 288 Seiten. ISBN 9783549100028.
Johannes Krause und Thomas Trappe: Hybris – Die Reise der Menschheit. 2021 Ullstein Verlag. 352 Seiten.  ISBN 9783548067070.
Beide Bücher sind inzwischen internationale Bestseller.

Bilder: pixabay.com (falls nicht anders erwähnt)

 

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