StartseiteMagazinKolumnenExistenzbedrohende Vereinsmüdigkeit

Existenzbedrohende Vereinsmüdigkeit

Ich war etliche Jahre im Vorstand eines Vereins. Einerseits wurde ich dafür angefragt, weil eine Aktuarin fehlte und ich das aufgrund meines Berufes als Journalistin vermutlich anständig genug ausführen konnte. Andererseits war ich in meiner Wohngegend nicht unbekannt durch meine seit Jugendjahren immer aktiven Mitgliedschaften in Vereinen, häufig auch als «Medienstelle».

In besagtem Verein gab es bald etliche Probleme zu lösen, das grösste davon war ein zu beobachtender Mitglieder- und Einsatzschwund. Eine Tatsache, mit der viele Vereine zu kämpfen haben. Dieser führte schliesslich dazu, dass zwei regelmässige, sehr gut besuchte Grossanlässe aus dem Programm geworfen wurden. Nicht zuletzt aus Kostengründen musste dieser Entscheid getätigt werden. Ausserdem wurden die Auflagen und Sicherheitsdispositive, die von Gemeinde und Kanton auferlegt wurden, zu einer riesigen Belastung – und waren natürlich ebenfalls mit grossen Kosten verbunden. Helfer für die Anlässe liessen sich übrigens auch immer weniger finden. Mitglied sein wollte man vielleicht schon noch, aber helfen dann doch lieber nicht.

Der Vorstand beschäftigte sich daraufhin gut zwei Jahre mit den Gründen für den Mitgliederschwund und die sich häufende Unlust. Boten wir zu wenig Attraktivität, waren wir nicht genügend intensiv mit der Jugendarbeit beschäftigt, müssten wir die Mitgliederbeiträge (sprich Erhöhung) überdenken? Es wurden zahlreiche Sitzungsabende mit enormer Denk- und Ausführungsarbeit durchgeführt, spezielle Interessengruppen gebildet, diskutiert und umorganisiert… Was soll ich Ihnen sagen? Zwei Jahre später standen wir kurz vor der Auflösung des Vereins (den es immerhin schon seit 50 Jahren gibt). Denn: alle Änderungen und Vorschläge fruchteten schlussendlich nichts. Die Situation blieb beim Alten.

Etliche Mitglieder waren zu diesem Zeitpunkt bereits über 75 Jahre alt, hatten selbst schon zahlreiche Anlässe durchgeführt, waren als Vorstandsmitglieder jahrelang aktiv und wollten sich – verständlicherweise – davon zurückziehen. Die jüngeren Mitglieder aber zeigten nicht wirklich Interesse, ein Amt oder einen Helfereinsatz zu übernehmen. Das Ganze lief darauf hinaus, dass bereits einige Zeit vor der jährlichen Generalversammlung fünf von sieben Vorstandsmitgliedern ihren Rücktritt erklärten (deshalb die Befürchtung der Auflösung). Schliesslich fand sich noch während der Generalversammlung spontan ein neuer Vorstand und der Verein konnte somit (mindestens sicher für ein bis zwei Jahre) unter neuer Leitung weiter bestehen.

Die NZZ schrieb am 19. Juli: «Genau dort, wo aus Spass Verpflichtung wird, kollabiert das System: Für rund 40 Prozent der Schweizer Sportvereine ist der Mangel an ehrenamtlichen Führungskräften mittlerweile existenzbedrohend. Es fehlt nicht an Mitgliedern, sondern am Kassier, an Turnier-Chauffeuren, an der Vereinspräsidentin oder dem Aktuar. Das Vereinsleben wird geschätzt, solange es bloss konsumiert werden kann.»

Und damit sind wir bei den vermutlich häufigsten Gründen für die vielerorts grassierende Vereins-Misere, der ich als Journalistin in verschiedenen Gemeinden immer wieder begegnete: Man wird bequem; Angebote, aus denen man wählen kann, gibt es zuhauf, Verpflichtungen mag man schon keine mehr eingehen. Und wenn, dann nur spontan, wenn dann nichts Besseres als Möglichkeit offensteht und in der Agenda noch ein Loch zu finden ist.

Ich erachte dies als sehr, sehr schade. Denn meine Erfahrung ist eine andere: Die Mitwirkung in zahlreichen Vereinen hat nicht nur meine Jugend geprägt, sondern mir auch vieles mitgegeben in Sachen Gemeinschaftssinn, Rücksicht und Nachsicht, Planung, Organisation. Und nicht zuletzt sind daraus viele Freundschaften entstanden, die bis heute halten.

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2 Kommentare

  1. Wohlstandsverwahrlosung = Die Folge der fetten Jahre. Sehr Vieles ist selbstverständlich, Mensch bedient sich, hat verlernt zu warten oder sogar zu verzichten. Unabhängigkeit und Individualität wurde immer wichtiger anstelle von Gemeinschaft, Hilfsbereitschaft, Verbindlichkeit und Respekt. Diese Werte wurden allmählich als “spiessig” gewertet.
    Die nächste Krise ist im Anmarsch. Zusammenstehen bekommt vielleicht plötzlich eine neue Bedeutung. Dann wird das Relikt “Verein” eine Belebung erfahren oder neu erfunden, wer weiss.
    Aktuell scheint sich das Vereinssterben weiter zu verbreiten. Die virtuelle Welt und die Möglichkeit sich schnell zu informieren und auszutauschen mischt mit.
    Vielleicht braucht es doch eine Elternschule um zu lernen, wie die eigene Fantasie und die Lernlust von Kindern und Jugendliche ausserhalb der Schule gefördert werden kann – dass ein Leben auch ohne Technik spannend und abenteuerlich ist.

  2. Alles ändert sich, schon immer, das ist das Leben. Früher konnten wir Menschen und die Natur mit den Veränderungen einigermassen adäquat umgehen. In diesem Jahrhundert jedoch kommen die Veränderungen besonders schnell und drastisch daher. Das ist Fakt.
    Ich denke, wir erleben nun zunehmend die Folgen unseres Denken und Handelns in der Vergangenheit. Jedem muss bewusst weden, dass die Ausbeutung von Mensch und Natur nicht ewig weitergehen kann, ohne Folgen für unser Leben heute und in der Zukunft und ohne, dass wir etwas zurückgeben.

    Genauso verhält es sich mit unseren liebgewonnenen Ritualen und Gewohnheiten. Vereine aber auch andere Gemeinschaften, waren lange Zeit fast die einzige Möglichkeit, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Heute sind die meisten übers Internet vernetzt und es bieten sich viele Möglichkeiten, sich mit anderen zu verbinden. Das ist oft ernüchternd und deshalb sind Angebote von Vereinen u.a. immer noch wichtig. Unsere Zukunft wird für uns alle vielfältiger, lebendiger aber auch herausfordernder sein, als wir es bisher kannten. Die Evolution zeigt uns den Weg: Überleben wird, wer sich mutig und kreativ den notwendigen Veränderungen im Sinne einer friedlichen Gesellschaft anpasst.

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