StartseiteMagazinKolumnenNach dem Nein zur Neutralitäts-Initiative: Ja zur Europa-Vereinbarung

Nach dem Nein zur Neutralitäts-Initiative: Ja zur Europa-Vereinbarung

So einen unaufgeregten Abstimmungssonntag habe ich in meinem langen Journalistenleben noch nie erlebt. Um 12.30 war alles klar. Und es fühlt sich an wie eine Zäsur: Christoph Blochers (86) Nimbus beginnt zu verblassen. Am Sonntag hat er erneut eine politische Niederlage erlitten: Rund 70 Prozent der Stimmberechtigten lehnten seine Neutralitäts-Initiative ab. Zuvor war bereits die SVP-Initiative für eine 10-Millionen-Schweiz beim Stimmvolk mit 55% Nein gescheitert. Seinen grössten politischen Erfolg errang Blocher vor 34 Jahren: Am 6. Dezember 1992, als die Schweiz den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) mit 50,3 Prozent Nein-Stimmen ablehnte. Es war ein Pyrrhussieg, der das Verhältnis der Schweiz zur EU bis heute belastet. Norwegen, Liechtenstein und Island regelten ihre Beziehungen zur EU über den EWR; sie sind die mühsamen Diskussionen um die EU los und florieren. Die Schweiz dagegen ringt weiterhin um eine tragfähige Lösung. Jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später steht der nächste Versuch, dieses Verhältnis vertraglich zu ordnen, erneut vor einer Bewährungsprobe. Wieder bekämpft Blochers Partei, die SVP, das vorliegende Vertragswerk vehement und brandmarkt es als «Unterwerfungsvertrag». Blocher bleibt damit, was er seit Jahrzehnten ist: der prägendste Verhinderer einer stabilen europapolitischen Lösung.

Diese Woche beugt sich der Ständerat über das vorliegende Vertragswerk. Nicht der Inhalt wird im Zentrum des Interesses stehen, als vielmehr die Frage, unterstellt die kleine Kammer den Vertrag dem doppelten Mehr und nimmt damit in Kauf, dass der Vertrag in der Volksabstimmung weit geringere Chancen haben wird als bei einer Abstimmung, bei der nur das Volksmehr zählt? Die kleinen Kantone mit ihrer weit höheren Stimmkraft beim Ständemehr werden entscheidend sein. Die Milliardäre um Alfred Gantner (58) und mit ihnen Milliardär Christoph Blocher werden dann mit Millionen in den Abstimmungskampf eingreifen, insbesondere in den kleinen und mittelgrossen Kantonen massiv für ein Nein werben. Und so besteht die Gefahr, dass weitere Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, unser Verhältnis zur EU letztlich ungeregelt bleibt, über die Bilateralen II hinaus nicht weiter entwickelt werden kann.

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Blochers jüngste Initiative sollte die immerwährende bewaffnete Neutralität in der Verfassung verankern, den aussenpolitischen Spielraum des Bundesrats beschneiden und die Zusammenarbeit mit Militär- oder Verteidigungsbündnissen stark begrenzen. Doch eine solche Neutralität wäre teuer geworden. Wer auf Kooperation, wie Blocher, verzichtet, muss die Verteidigung weitgehend aus eigener Kraft gewährleisten: mit einer vollständig ausgerüsteten Armee von 250’000 Angehörigen, vernetzten Waffensystemen, flächendeckender Luftabwehr, mindestens 55 F-35A-Kampfjets und einer Bevölkerung mit ausgeprägtem Wehrwillen.

Kooperation ist daher keine Frage der Bequemlichkeit, sondern der sicherheitspolitischen Vernunft. Selbst mit wesentlich höheren Ausgaben könnte sich die Schweiz nicht im Alleingang gegen sämtliche moderne Bedrohungen verteidigen. Neutralität darf nicht zum Mythos werden, der den Blick auf die Realität verstellt. Glaubwürdig bleibt sie nur als Teil einer klaren Sicherheitsstrategie – mit definierten Zielen, tragfähigen Prioritäten, ausreichenden Mitteln, verlässlichen Partnern und der persönlichen Bereitschaft, Verantwortung für die Verteidigung des Landes zu übernehmen.

Die deutliche Niederlage sagt mehr aus als nur etwas über den schwindenden Einfluss eines einzelnen Politikers. Sie markiert einen Richtungsentscheid: Die Schweiz will ihre Neutralität nicht gegen sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit ausspielen.

Blocher, von den Medien wiederholt als einer der einflussreichsten Politiker der Schweiz bezeichnet, musste erkennen, dass weder seine politische Reputation noch sein Vermögen genügten, um den Ausgang dieser Abstimmung entscheidend zu prägen. Er investierte 3,8 Millionen Franken in den Abstimmungskampf. Unterstützung erhielt er ausgerechnet aus Moskau: Auch von dort wurde versucht, die Abstimmung in seinem Sinne zu beeinflussen.

Eine vorläufige Bilanz seines Wirkens muss Blocher Erfolge in der Migrationspolitik zugestehen. Er führte die SVP zur stärksten Partei der Schweiz und setzte damit auch die bürgerlichen Parteien bis hin zu den Grünliberalen unter Druck, seinen migrationspolitischen Kurs zu übernehmen. Der jüngste Abstimmungssonntag zeigte jedoch unmissverständlich: Blochers Politik des Rückzugs hat ihre Überzeugungskraft verloren. Nötig sind nun verlässliche Beziehungen zur EU und ein sicherheitspolitisches Konzept, das Neutralität und Kooperation zusammendenkt. Das vorliegende Vertragswerk EU-Schweiz bietet dafür eine Chance und ist vor dem Zugriff der Milliardäre dannzumal in der Abstimmung mit einem klaren Ja gut zu schützen.

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9 Kommentare

  1. Widerrede drängt sich auf! Wo auf der Welt unterstellt sich ein freies Land ohne Zwang fremden institutionellen Regeln und fremder Rechtsprechung? 1815 gewährte der Wiener Kongress der Schweiz mit der bewaffneten Neutralität eine einmalige Stellung in Europa. Unsere Unabhängigkeit und volksnahe direkte Demokratie wird weltweit bewundert und respektiert. Das durch den Volkswillen entstandene politische Modell unseres Landes verdient Vorrang vor kurzfristigen wirtschaftlichen Überlegungen. Denn das bewährte Alleinstellungsmerkmal «Schweiz» steht der beträchtlichen Ungewissheit gegenüber, die eine fremdbestimmte dynamische Rechtsübernahme in sich birgt.

    • Du triffst den Punkt genau, danke Roman!
      Susanna Baltensperger
      Auf YouTube ein klärender Beitrag von Pascal Lottaz, unbedingt lesen!!!

  2. Vermutlich haben viele Stimmbürger die Neutralitätsinitiative abgelehnt, weil sie – wie Sie auch darlegen – ein zu starres Korsett verschrieb, das dem Bundesrat weniger Spielraum gegeben hätte.
    Mit dem EU Vertragswerk wird nicht nur unser Wirken stark von der nicht gerade gut dastehenden EU beeinflusst, sondern bei Streitfällen entscheiden sogar die Richter der Gegenpartei, der EU!
    Ein Vertrag, bei dem die Gegenpartei auch gleich Richter in Streitfällen ist, mag wohl zu aufgezwungener stabiler Beziehung führen, aber so einen Vertrag schliesst kein vernünftiger Geschäftsmann ab.

  3. Wie gut, dass es für Sie, Herr Schaller, die «schlechte» SVP gibt und die «guten» Linken.
    Gäbe es das teilweise «andere» Gedankengut, als das Ihrige (wie es u.a. die SVP vetritt), hätten Sie ja gar nichts mehr, immer wieder derart negativ zu berichten.
    Aus meiner Sicht haben derart einseitige und undifferenzierte politischen Statements oder Kolumnen (wie ich Ihnen schon mal mitteilte) nichts auf einer solchen ansonsten so guten und ansprechenden Plattform verloren.
    Nun, vielleicht berichten sehen und berichten Sie ja dann auch mal über den Antisemitismus, der heutzutage mehr von links als von rechts kommt…vielleicht auch mit einem Blick über die Grenze nach Berlin…

    • Wer nicht mit seinem ganzen Namen hinter seiner Meinung steht, ist unglaubwürdig. Meine Meinung.
      Apropos einseitiges «Gedankengut»: Anton Schaller ist als Mitbegründer von seniorweb.ch und profunder Kenner der Schweizerischen Politik, vorallem Journalist und akribischer Berichterstatter. Er war und ist nie für oder gegen, er ist schon gar nicht ein Linker. Herr Schaller ist mit seinem grossen Geschichts- und beruflichen Erfahrungswissen einzig der authentischen Information für politisch/geschichtlich Interessierte verpflichtet. Für was gibt es das Internet, machen Sie sich doch mal schlau.

  4. Die Schweiz ist mit der Neutralität in jeder Hinsicht gut gefahren. Leider hat die Z-Generation weder ein Geschichtsbewustsein noch ein klares moralisches Bewusstsein.Sie begreifen nicht das Mitgegangen gleich Mitgefangen bedeutet. Der Bundesrat hat die Schweiz Russland gegenüber als Kriegspartei offenbart. Prompt hat Russland reagiert. Wir werden also wegen diesem Vorgehen in den nächsten Krieg miteinbezogen werden. Glaubt jemand ernsthaft dass die EU, die sich selbst die grösste Mühe hat sich selbst zu verteidigen, uns beschützt …

  5. Die rechten Kreise wollen uns weismachen, als seien die Bilateralen III ein völlig neues Vertragswerk. Dabei geht es nur darum, das Vertragsverhältnis zwischen der Schweiz und der EU zu aktualisieren und zu modernisieren. Seit 1992 vermiest die SVP unsere direkten Nachbarn. Aber macht mit ihnen Geschäfte und ermöglichte Milliardenvermögen. Die stimmbürgerInnen werden in ca. 2 Jahren aus pragmatischen, ökonomischen und Existenzgründen den Bilateralen zustimmen. Trotz den Mllionen an Werbegeldern der Gegner. Denn wir sind nicht käuflich.

  6. Blocher geht von falschen Voraussetzungen aus. Er spricht von immerwährender bewaffneter Neutralität und ergänzt in TeleBlocher; dass unsere Armee den Eintrittspreis in die Schweiz so hoch halten werde, dass sich ein Angriff auf unser Land nicht lohne. Dabei übersieht er, dass die Armee dermasssen zutode gespart wurde, dass sie einen Feind bloss ein paar Tage aufhalten könnte.

    Die EU-Turbos ihrerseits übersehen, dass die Bilateralen 2 ein Wirtschaftsabkommen sind und in keiner Weise dazu führen würden, von der EU militärische Hilfe zu erhalen.

    Wir und niemand anderes müssen unsere Armee wieder verteidigungstauglich machen. Nachdem mit der «Friedensdividende» der Armee in den letzten 40 Jahren gesamthaft rund 200 Mrd Franken entzogen worden sind, sollten wir jetzt möglich schnell wieder aufrüsten, um von der Welt wieder ernst genommen zu werden. Vor diesem Hintgergrund ist das Gerangel um die Finanzierung der einstelligen Milliardenbeträge, die zur Zeit zur Diskussion stehen nicht nur bemühend, sondern existenzbedrohend.

    Nur wenn wir selbst etwas zu bieten haben, könen wir im Ernstfall mit unsern Nachbarn zusmmenarbeiten und von einem potentiellen Agressor ernst genommen werden.

    Es muss jetzt dringend gehandelt werden, weiteres Palaver über PUK-Berichte und Friedenspolitik können wir uns nicht mehr leisten!

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