Seien wir ehrlich: Wer bekommt nicht gerne ein Kompliment, ein anerkennendes Wort oder ein Lob? Sei es für ein Talent, eine ausserordentliche Tätigkeit, ein schönes Outfit, hervorragende Kochkünste… Die Liste könnte beliebig lange weitergeführt werden. Dabei erfreuen sich die Angesprochenen in aller Regel sehr und man könnte fast sagen, der ganze Tag verändert sich für sie. Ein Kompliment hat bekanntlich auch sehr viel mit Wertschätzung zu tun, was leider viel zu oft vergessen geht. Und dies nicht nur im beruflichen Alltag, wo Komplimente sowieso absolute Mangelware sind.
Kürzlich war ich in einem Geschäft und sah mich bei den uns Frauen (vermeintlich) verschönernden Kosmetikprodukten um. Ich hatte keine klare Vorstellung oder Absicht und liess mich einfach durch das Sortiment treiben. Ein Stück weit neben mir stand eine ältere Dame und sah sich ebenfalls die Angebote an. Ihr Äusseres hatte eine derart positive und leuchtende Wirkung, dass ich sie ansprechen musste. Ich machte ihr ein Kompliment für ihre modisch sehr gut ausgesuchte Erscheinung, die durch ein oranges Foulard und den dazu passenden Lippenstift grossartig, positiv und äusserst ansprechend wirkte. Nur so, weil es mich drängte, ihr das zu sagen. Die Dame stutzte, drehte sich um und sagte mit einem strahlenden Lächeln: «Wirklich? Gefällt es Ihnen? Das freut mich jetzt aber sehr. Danke, Sie haben soeben meinen Tag enorm verschönert.»
Ich weiss, wir Schweizer sind in aller Regel nicht so «Direkt-Komplimente-Schenker». Das habe ich bislang eher im Ausland erfahren, wo in vielen Ländern jede sofort mit jedem unkompliziert kommuniziert. Sei es in einem Laden, auf der Strasse, an der Tankstelle oder beim Händewaschen nach dem Toilettengang. Bei solchen Gelegenheiten habe ich schon die verrücktesten Geschichten erlebt. Wie zum Beispiel jene, als ich mich nach dem Schwatzen beim Händewaschen und einer spontanen Hilfeleistung beim Reissverschlussproblem eines Kleides plötzlich mitten in einer Hochzeit befand, weil mich die Gesprächspartnerin aufgrund meiner italienischen Sprachkenntnisse unbedingt der Braut vorstellen wollte. Klar, es muss nicht immer so exklusiv und aussergewöhnlich sein. Offen dafür bleibe ich aber weiterhin gerne.
Vor einiger Zeit war ich einkaufen mit meinem Mann, als uns eine deutlich jüngere Frau ansprach und meinte: «Sie fallen hier positiv auf durch Ihren Umgang miteinander.» Ja, unverhofft, aber nicht minder aufstellend. Mein letztes Kompliment habe ich von meinem Sohn bekommen. Weil ich seit einigen Monaten zwei Mal pro Woche ins Fitness-Studio gehe, um mich einerseits kraftmässig zu stärken und andererseits gesundheitlich etwas für mein Wohlbefinden zu tun, schrieb er mir, er finde es beeindruckend, dass ich das so durchziehe und sei sehr stolz auf mich. Allein dies hat mich gleich weiter motiviert und mich in meinem (sportlichen) Tun bestätigt. Denn ich gebe zu, nicht immer starte ich mit der gleichen Motivation ins Training. Jetzt grad reicht jedoch der Gedanke an dieses Kompliment, damit ich wieder und wieder meine Einheiten durchziehe. Immer im Wissen, dass da jemand ist, der mein Tun positiv unterstützt.
Und jetzt frage ich mich manchmal, weshalb man nicht ganz einfach mal etwas Nettes zu jemandem sagen kann. Ohne Hintergedanken, ohne Absicht. Nur, um sie oder ihn zu loben, im Tun bestärken. Es ist so einfach und hat so eine grosse Wirkung – wenn es denn von Herzen kommt.
