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Drei Leben verflechten sich

Olga führt ein streng geregeltes Leben ohne Freundschaften und wohnt in einem Wohnblock. Als sie in finanzieller Notlage ein Zimmer untervermieten muss, zieht ein Mann ein, der auch seinen Sohn in die Wohnung schmuggelt. Unerwartet baut sich zwischen der älteren Frau und dem Jungen eine Beziehung auf, und ihre sorgfältig kontrollierte Welt verwandelt sich. Die drei Leben beginnen sich zu verflechten. Fernando Eimbcke hat mit «Moscas» darüber einen berührenden, stillen Film gedreht.

Wie oft schon haben uns Fliegen genervt, die wir nicht aus der Wohnung verscheuchen konnten. Wer der älteren Witwe, die sich mit ihrer Einsamkeit abgefunden hat, in den ersten Minuten des Films zusieht, mag sich da oder dort vielleicht wiedererkennen. Hier ist Olga (Teresita Sánchez), die gestört wird und sich ärgert. Der mexikanische Regisseur Fernando Eimbcke begleitet sie, sorgfältig wie in einem Kammerspiel, in ihrem ruhigen, etwas langweiligen Alltagsleben. Im Lauf der Jahre ist sie die geworden, die sie heute ist und ihre Wohnung in Ordnung hält, von wo sie sich nur zum Essen aufmacht, sonst die Zeit mit Fernsehen und Sudoku an einem alten Computer vertreibt. Dass diesen Alltag einmal etwas stören wird, ist vorhersehbar… 

Weil sie für eine kleine Operation Geld braucht und die Haushaltskasse leer ist, beschliesst sie, ihr freistehendes Zimmer zu vermieten. Denn ihre Wohnung liegt direkt neben einer Klinik, wo Angehörige der Patienten in der Nähe ihrer Liebsten Unterkünfte suchen. Also vermietet sie, doch mit klaren Regeln: Aufenthalt nur im Zimmer, kein Zutritt zur Küche, Mitbenutzung des Badezimmers, nur so lange wie nötig. 

Der zukünftige Untermieter Tulio (Hugo Ramírez) akzeptiert den Preis und zahlt, verschweigt aber, dass er seinen neunjährigen Sohn Christian (Bastián Escobar) bei sich hat. Am ersten Tag gelingt das, dann muss er ausziehen Die Mutter des Jungen liegt zur Krebstherapie im nahen Spital. Weil dem Vater das Geld für alle vorgeschriebenen Medikamente fehlt, beschliesst er, einen Job anzunehmen und den Sohn tagsüber in der Wohnung zu lassen. 

Olga bei Cristian 

Neorealismus auf Mexikanisch 

Die Handlung von «Moscas» ist minimalistisch und erahnbar, man vermutet, dass Chris sich wohl nicht an die Abmachung hält und alles versuchen wird, zu seiner Mutter ins Spital zu kommen. Das alles erzählt der Regisseur liebenswürdig mit feinen Details und Humor. Der in Schwarz-Weiss gedreht Film passt genau zum grauen Alltag und den seltenen Kontrasten, in denen nicht das eine gut und das andere bös ist, dievon gewöhnlichen, echten Menschen handeln, die zufällig aufeinandergetroffen sind. Er lässt uns eine reiche, erfüllte Zeit erleben. An der Pressekonferenz in Berlin machte der Regisseur dazu einen Hinweis auf den italienischen Neorealismus und «Ladri di biciclette».

Erbaulich und berührend die Beobachtung der zwei Figuren und deren unterschiedliche Lebensweise. Man begleitet auf der einen Seite die schon lange allein lebende Olga, die ihre Einsamkeit gelegentlich mit Routine kaschiert. Auf der andern Seite entdeckt Christian bei ihr eine völlig neue Welt, in die er unbefangen eintritt. Aus diesem Spannungsverhältnis entsteht Wärme und Zärtlichkeit, die uns zum Verweilen einladen und eine liebevolle Bindung zwischen den beiden Figuren erleben lassen, die unweigerlich miteinander in Beziehung treten müssen, auch wenn sie das erst zu vermeiden suchen… 

Anmerkung von Fernando Eimbcke 

Als Vanesa Garnica und ich gemeinsam das Drehbuch schrieben, war es uns wichtig, zunächst eine poetische Sprache für das Kind in unserer Geschichte zu entwickeln und genau festzulegen, welche Worte es verwenden würde, um sich auszudrücken. Schon nach dem ersten Drehtag wurde uns klar, dass wir einen Grossteil der Arbeit streichen mussten, nicht weil er die Texte nicht hätte lernen können, sondern weil sie ihm schlicht gleichgültig waren. Am Set, wie auch im Leben, verlangt ein Kind nach dem eigentlichen Wesen des Kinos einfache, klare Handlungen, je kleiner, desto besser. Kinder sind instinktive Filmschaffende. 

In «Moscas» verändert der Neunjährige das Universum von Olga, einer Frau, die aus Angst vor Nähe und Bindung wie gelähmt ist. Am Set veränderte er die ganze Crew und erinnerte uns daran, dass Filmemachen ein Spiel sein sollte – und für ein Kind ist Spielen eine zutiefst ernste Angelegenheit. Kinder brauchen weder poetische Dialoge noch poetische Bilder; sie sind allein durch ihre Existenz poetisch. 

Der Regisseur 

Fernando Eimbcke studierte Theater und Filmwissenschaften an der Universidad Nacional Autónoma de México. Bereits während des Studiums drehte er Kurzfilme und setzte dies auch nach dem Abschluss der Ausbildung fort. Zahlreiche Kurzfilme und Musik-Videos machten ihn bekannt und ermöglichten sein 2004 entstandenes Spielfilmdebüt « Mexican Kids – Temporada de patos». Der Schwarz-Weiss-Film handelt vom Gespräch und Beisammensein von vier Menschen und war international erfolgreich. Mit dem Film «Lake Tahoe» nahm er am Wettbewerb der Berlinale 2008 teil, wo er den Alfred-Bauer-Preis und den FIPRESCI-Preis gewann. «Moscas» wurde in Berlin und San Sebastian ausgezeichnet. Heute lebt er in Mexiko-Stadt und Berlin.

 Olga und Cristian 

Nach dem Game Over mit Cosmic Defender Pro 

Die Kamera von María Secco nimmt in «Moscas» konsequent die kindliche Perspektive ein. Nostalgie wecken die altmodischen Computerspiele, die der Film in Schwarz-weissen zelebriert. Dank dem authentischen und berührenden Spiel des Jungen kommt der Film auf ein besonderes Niveau, entsteht eine gradlinige Geschichte über Elternliebe, Trauerarbeit und dem Spass am Spielen. ‒ Was ist eigentlich der Sinn des Spiels? Nach KI liegt er darin, Freude zu bereiten, Fähigkeiten zu entwickeln und Erfahrungen zu verarbeiten. Spielen ist keine Zeitverschwendung, sondern ein tief verankertes Bedürfnis bei Mensch und Tier. 

Damit bündeln sich wohl auch die im Lauf des Films gemachten Entdeckungen und Einsichten, von denen viele wohl noch lange nachwirken. Es tut gut, einen Film wie «Moscas» zu erleben: diese stille und bescheidene Geschichte, diese zärtlichen Momente, unerwarteten Augenblicke, scheinbar unbedeutenden Nebensächlichkeiten. Hier wird etwas Kostbares, Wertvolles in die Mitte der Handlung gestellt: die erfüllte Zeit, das Leben und die Liebe zum Leben! «Der Film verhandelt grosse Themen des Lebens und handelt von Zuversicht und Zusammenhalt, die Kraft geben auch in schwierigen Zeiten», so in der Begründung der Jury zum Goldenen Bären als Bester Film in Berlin.

Titelbild: Tulio mit Cristian 

Regie: Fernando Eimbcke; Produktion: 2026, Länge: 99 min, Xenix Film

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