Kultur

Wieder salonfähig: Victor Vasarely

Op Art von Vasarely, einst bewundert, dann vergessen, findet den Weg zurück in die Museen

Zwei Jahrzehnte hörte man kaum mehr von ihm, gerieten seine einst so spektakulären Arbeiten – er gilt als Erfinder der Op-Art – in Vergessenheit. Nun interessiert sich die Kunstwelt wieder für Victor Vasarely (1908 bis 1997), den französischen Maler mit ungarischen Wurzeln.

Gerade Flächen mit virtuellen Beulen, irritierend und spannungsvoll. Foto: Stefan Altenburger

Rund 50 Gemälde von 1946 bis 1979 werden im Haus Konstruktiv in Zürich gezeigt, kuratiert von Serge Lemoine, Vasarely-Spezialist und seinerzeit wichtiger Ratgeber bei der Gründung des Museums für konkrete und konstruktive Kunst im EWZ-Unterwerk. Lemoine freut sich über die Ausstellung „in der Heimat der Konkreten“ ebenso wie der Stiftungsrat des Museums, der einen alten Wunsch verwirklicht sieht. Gut auch für alle, denen damals in den 70er und 80er Jahren die Vasarely-Poster in jedem modern-bürgerlichen Wohnzimmer auf die Nerven gingen.

Metagalaxie, 1961. © 2013, Pro Litteris, Zürich

Sie können einen Vasarely jenseits des Kitschs entdecken.  Seine Anfänge in der Abstraktion, nachdem er sich in Paris etabliert hatte, waren dreiteilige Bildflächen mit einem Oben, einer Mitte, einem Unten. Vasarely orientierte sich an der sichtbaren Welt, malte biomorphe Formen, klare Umrisse und brauchte wenige klare Farben. Bis 1956 arbeitete er auch als erfolgreicher und gut verdienender Grafiker in der Werbung, wo er die optischen Effekte wie Zebrastreifen oder Gitter entwickelte. Das Logo von Renault, welches nach wie vor in Gebrauch ist, hat er entworfen.  Die Halle im Erdgeschoss ist grossartig in ihrer Wirkung: zwei skulpturale Werke, eigentlich Bilder im Raum, beide im Besitz des Museums, sind umgeben von Leinwänden in schwarz und weiss. Da zeigen sich die Merkmale des Vasarelyschen Systems: Linie, Quadrat, Kreis und deren Ausschnitte überlagern sich, sodass sich die geometrischen Flächen auch im Ausgesparten, Negativen zeigen. Auf der Suche nach Rhythmen und Strukturen erarbeitete Vasarely optische Effekte, die sich als Vibrationen beim Bildbetrachter manifestieren – eben optische Kunst, Op Art.

Kurator Serge Lemoine vor einer frühen Abstraktion

 Allerdings ging er weniger mathematisch vor als die Schweizer Konkreten, wie jenen war auch ihm die Demokratisierung der Kunst ein Anliegen. Seine Theorie vereint utopische Visionen und physikalische Grundlagen, es ging ihm letztlich um die Darstellung des Universums. „Die Kunst ist künstlich und keineswegs natürlich,“ sagte er, „Schaffen heißt nicht die Natur nachahmen, sondern ihr gleichkommen und sie sogar mittels einer Erfindung, deren unter allem Lebenden nur der Mensch fähig ist, übertreffen.“ Als alter und sehr berühmter Mann entwickelte er regelrechte Allmachtsfantasien und deckte mit Arbeitswut, Gigantismus und Massenproduktion die Welt mit Vasarely-Kunst zu. peer-rouge 1977Mit geometrischen Formen und wenig Farben zum grossen Effekt: Peer-Rouge 1977. Foto: Eva Caflisch Das und die Museen, die er zu Lebzeiten für seine Kunst bekam oder realisierte, darunter die Fondation Vasarely in Aix-en-Provence, sind nicht Thema der Ausstellung, vielmehr zeigt sie, welchen Weg Vasarely in der geometrischen Abstraktion gegangen ist. In den frühen 60er Jahren wandte er sich nach dem Schwarz-Weiss vermehrt der Farbe zu, entwickelte sein plastisches Alphabet und kombinierte das ganze Farbspektrum und die geometrische Formenvielfalt immer wieder neu. Er probierte, Gitterstrukturen, Quadrate, Linien mit Farben so zu kombinieren, dass der Vibrationseffekt entstehen konnte. Wie dreidimensional wölben sich Kugeln und Buckel aus einer Fläche, weil die Geraden und rechten Winkel sich in der Ebene krümmen. Vasarely wurde mehrfach zur Documenta eingeladen, bekam Preise und stellte in der halben Welt aus. Seine Kunst wurde im Alltag omnipräsent: Sein Werk nutzte sich ab, denn nebst seinen offiziellen Prints, Plakaten, Skulpturen und Gemälden mit den zunächst unerhört neuen Formen und Farben wurden seine Ideen von der Werbung, der Mode und dem Design adaptiert, bis die Multiplikation Überdruss hervorrief, der Künstler nach und nach vergessen wurde.

Blick in einen Ausstellungsraum. Foto: Stefan Altenburger

Die früheren, spannenden Phasen sind in der Ausstellung nun zu sehen und zu studieren, wobei Kurator Lemoine die Gemälde „einzig und allein nach ihrer künstlerischen Qualität“ ausgesucht hat. Die Wahrnehmung als Thema, das neue Interesse an der kinetischen Kunst bringt Vasarely heute wieder in Galerien und Museen. Die Ausstellung wurde in Brüssel konzipiert und wird nach Zürich auch in Finnland gezeigt. Und die Fondation Vasarely wurde unlängst kurz vor dem Verfall restauriert und ist für Provence-Besucher regelmässig geöffnet. Zwei jüngere Künstler setzen sich ihrerseits mit der Vasarely-Schau auseinander, einerseits Andreas Fogarasi mit der Installation Vasarely Go Home, welche die ungarische Kulturpolitik um 1970 kritisch untersucht, andererseits Delphine Chappuis-Schmitz mit Statements, die über Nummern auf einem Audioguide abgerufen werden können. Statt Bildbeschreibungen gibt es Sätze von Künstlern, Philosophen, Literaten, deren Lokalisierung neue Denkräume eröffnen.

bis 18. Mai 2014
http://www.hauskonstruktiv.ch
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (56 Franken)