FrontAllgemeinDie Leidenschaft des Handwebens

Die Leidenschaft des Handwebens

Als Broterwerb wird Weben heute in der Schweiz nicht mehr ausgeübt, aber als Hobby findet es wieder mehr Verbreitung. Seniorweb hat in das Atelier einer Handweberin geschaut.

An raffinierten Gardinen, selbstgeschneiderten Kleidern aus feinen Stoffen, an aparten Stoffmustern erkennt man die Handweberin. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, je müde zu werden, sich an den Webstuhl zu setzen, antwortet Ruth Ritter: «Ich kenne eine 93-jährige Frau, die vor kurzem aus der Selbständigkeit ins Altersheim wechseln musste. Sie hat sich einen kleinen Webstuhl besorgt, mit dem sie auch in ihrem Zimmer täglich noch ein Stündchen weben kann.» – Wen das Webfieber einmal gepackt hat, den lässt es offenbar nicht mehr los.

Seit Kindheit hat Ruth Ritter die Herstellung von Stoff und damit auch das Weben fasziniert. «Die Bäuerinnen im Baselbiet, die mit ihren harte Arbeit gewohnten Händen zarte Seidenbänder gewoben haben, sind mir immer noch in Erinnerung. Die feinen Muster habe ich sehr bewundert.»

Viel später, als sie Familie hatte, entdeckte Ruth Ritter an ihrem Wohnort eine Webstube und besuchte dort einige Kurse, bis sie schliesslich selbst einen Webstuhl erwarb. Am Anfang lernte sie, einfache Tücher zu weben. Mit der Zeit trieb sie ihre Experimentierlust voran, vor allem ihre Neugier, Neues, Raffinierteres auszuprobieren, noch heute geht sie zu Weiterbildungskursen und trifft sich regelmässig in einem Kreis von Handweberinnen.

Handweben im Aufschwung

Weben ist eine der ältesten Handwerkskünste, entwickelt schon bald nach der Bearbeitung von Holz und Stein zu Werkzeugen. Bis ins 18./19. Jahrhundert war das Weben eine wichtige Erwerbsquelle oder ein notwendiger Nebenerwerb. Auch in der Schweiz standen in vielen Bauernhäusern Webstühle. Im Zuge der Industrialisierung wurden die Webstühle mechanisiert und aus dem Handwerk wurde eine Industrie, nicht ohne heftige Proteste der betroffenen Weber, die damit ihr Einkommen verloren. Der Aufstand der schlesischen Weber 1844 und seine blutige Niederschlagung blieb lange ein Beispiel der brutalen Kehrseite des technischen Fortschritts, nicht zuletzt wegen des Theaterstücks von Gerhart Hauptmann «Die Weber» (1892 entstanden).

Im Bernbiet war Handweben nie ganz ausgestorben, hat sich aber in den letzten Jahrzehnten wieder deutlich vermehrt. In Müstair GR kann man seit kurzem wieder Handweberei lernen. 2014 findet dort der erste Lehrabschluss statt.

Weberinnen leben verstreut in allen Gegenden der Schweiz. In der Romandie, besonders im Wallis ist die Kunst des Webens sehr verbreitet. Die Interessengemeinschaft Weben (IGW) Schweiz bietet monatlichen Austausch an, es werden Themen gestellt, zu denen die Weberinnen ihre eigenen Entwürfe herstellen. Einmal im Jahr trifft man sich zum Schweizerischen Weberinnentag. In früheren Jahren blieben die gelernten Weberinnen unter sich, jetzt sind auch sie in der IGW vertreten. Vom Weben kann man nicht leben. In Behinderteneinrichtungen oder Reha-Strukturen jedoch werden Webstunden und –kurse angeboten.

Kreativität, Tüftelei und handwerkliches Geschick

Ihrem Naturell entsprechend sagt Ruth Ritter: «Meine Webarbeiten müssen nicht nur schön sein, sondern auch nützlich. Ich muss sie für irgendetwas brauchen können.» Deshalb ist sie vom Weben bald aufs Nähen gekommen. Seit vielen Jahren näht sie sich ihre Kleider selbst aus ihren eigenen Stoffen. Sie verbringt jeden freien Nachmittag in ihrem Atelier.

Weben sieht sie als die kreativere Tätigkeit an: eine reizvolle Idee finden und ein Muster entwerfen, dann das passende Material (Garn) suchen – oder selbst herstellen. Das Nähen, die Verarbeitung des neuen Gewebes, ist der Abschluss des ganzen Vorgangs. So wie sich die eigene Verarbeitung des Stoffes von selbst anbietet, so lockt es sie, auch das Garn selbst herzustellen, das Material dafür auszusuchen, was sie besonders fasziniert. Sie hat beispielsweise einen Knäuel Opossum-Wolle liegen, aus der sie ein ganz feines Garn spinnen wird. Es ist ein altes Vorurteil, dass Handweberinnen nur dicke, relativ grobe Stoffe herstellen können. Im Gegenteil! Ruth Ritter zeigt mir zarte Seidenstoffe, feines Leinen- oder Baumwollgewebe.

Von der Textilfaser zum fertigen Stoff

Für die Vorbereitung des Webvorgangs muss zuerst das Garn vorhanden sein. Dann wird die Kette vorbereitet und auf den Webstuhl aufgezogen und schliesslich jeder einzelne Kettfaden auf die Litze gezogen – eine langwierige Arbeit, die Geduld und genaues Arbeiten erfordert. Dabei muss das Muster berücksichtigt werden. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Muster einzuweben. Das gilt auch für einen schönen Rand, der viel Aufmerksamkeit verlangt. An beidem tüftelt Ruth Ritter immer wieder. Nachdem je zwei Fäden einzeln durch ein Riet des Webkammes gezogen sind, muss auch die Aufhängung richtig vorbereitet werden – und dann geht’s los: treten, schiessen, anschlagen. So entsteht ein neues Stück Stoff.

Auch dieser gepolsterte Stoff (Foto links) besteht aus einem Stück – zweilagig gewebt, nicht genäht. Die während dem Weben entstehenden Taschen werden gefüllt, bevor die beiden Stoffschichten wieder zusammengefügt werden.

Alle Fotos (mp) stammen aus dem Atelier von Ruth Ritter. Die Stoffmuster wurden teilweise vergrössert, um die Struktur sichtbar zu machen.

 

 Interessengemeinschaft Weben (Schweiz)

Zur Textilindustrie in der Schweiz

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