«Seit der russischen Vollinvasion gegen die Ukraine, den Kriegen in Gaza, im Sudan, rund um den Persischen Golf und anderswo, ist die Friedensbewegung mit starken Bestrebungen zur Aufrüstung und Militarisierung konfrontiert.» So lädt Ruedi Epple zu einer Debatte über Gewaltfreiheit ein. Einführende Vorträge halten die feministische Theologin Esther Gisler Fischer, der Journalist Andreas Zumach und ich.
In den internationalen Beziehungen erlangten «Gewalt und die Macht des Stärkeren die Oberhand», im Alltag lebe «militaristische Männlichkeit auf», stellt der Politologe und Soziologe Ruedi Epple fest. In dieser Situation brauche es mehr Konzepte sozialer Verteidigung und Netzwerke, die auf Gewaltfreiheit setzten.
Was eine «Soziale Verteidigung» kennzeichnet, führt Epple in der Friedenszeitung (September 2026) aus. Er knüpft dabei an eine von ihm mitverfasste Publikation an, die der Schweizerische Friedensrat 1976 so betitelte. Mit dem Verständnis: «Gewalt wird abgelehnt, weil sie zerstört, was sie zu verteidigen vorgibt». Und: «Gewaltlosigkeit ist geboten, weil sie weniger Zerstörungen und weniger Kosten verursacht». Beispiele sind die Bürger- und Bürgerinnen-Rechtsbewegung in den USA sowie die Entspannungspolitik, die den Warschauer Pakt und die Sowjetunion aufweichte.
Soziale Verteidigung agiert zivilcouragiert und widerständig mit Protesten und Streiks. Auch diverse empirische Studien weisen laut Epple darauf hin, «dass gewaltlose Kampagnen fast doppelt so erfolgreich sind, wie bewaffnete». Vor allem deshalb, weil sie mehr Menschen mobilisierten und weniger Opfer verursachten.
Der Historiker Jakob Tanner stellt in derselben Friedenszeitung dem Pazifismus eine «Antigewalt» gegenüber. Er will Kriege ebenfalls möglichst friedlich verhindern, den «kopflosen Rüstungswettlauf» eindämmen, Entwicklungsprogramme fördern, demokratische Strukturen stabilisieren und Ungleichheiten verringern, aber völkerrechtswidrige Aggressionen auch militärisch stoppen.
Skeptisch äussert sich Tanner zur sozialen Verteidigung. Eine «digitale Ontologie» ermögliche, «Individuen und Zielgruppen jederzeit zu identifizieren». So behinderten neue Kontexte «jene, die sich, moralisch motiviert, zur Wehr setzen wollen». Antigewalt erlaube indes, «Freiheit auch mit Waffen» zu verteidigen», ohne zu vergessen, «dass Gewalt kein Mittel ist, mit dem sich sinnvolle, demokratisch legitimierte Ziele erreichen lassen».
Soweit Bruchstücke einer wesentlichen und ernsthaft geführten Debatte. Sie regt dazu an, selber zu denken und eingehend miteinander zu debattieren. Im Kontext einer Welt, die Besorgnis erregt.
Ja, die Weltlage ist explosiv, von Kriegen und Umweltzerstörung bedroht. Notwendig sind deshalb demokratische, soziale und friedliche Anstrengungen und Impulse. Im Sinne eines sozialen Ausgleichs und Teilens. Mit einem ethischen Imperativ der Gleichwertigkeit. Niemand soll sich über andere erheben und auf Kosten von andern bereichern.
Gerechte Verhältnisse verlangen indes viel eigenes Bemühen. Nämlich das zu verwirklichen, was wir postulieren. Waffen mögen in Notlagen der Verteidigung dienen und weitere Gewalt vermindern. Aber Frieden schaffen sie meines Erachtens nicht. Sie sind selbst eine grosse Gefahr, verleiten zu Gewalt, verletzen, töten, verlängern Kriege und vernichten potenziell unsere Welt.
Setzen wir also ein Zeichen, so meine Vision. Rüsten wir ab, für eine Schweiz ohne Armee, mit wirksamen Friedensdiensten. Unterstützen wir die UNO, ein soziales Europa, blockfreie Länder und benachteiligte Regionen. Fördern wir einen global gerechten Austausch, der den Hunger weltweit bewältigt. Stärken wir demokratische Prozesse und zivile Courage.
Dabei hilft eine Friedensbewegung, die ihre Kontroversen respektvoll austrägt und auch ernsthaft mit jenen debattiert, die gefährdet sind, sich autoritär und populistisch vereinnahmen zu lassen. Menschen sind hoffentlich lernfähig, Gesellschaften auch. So kommt endlich Frieden auf Erden.
Titelbild@Christian Jaeggi
– Friedenszeitung, September 2026, Seiten 18-22 und 26-29
– Netzwerk für Gewaltfreiheit: Das Vernetzungstreffen findet am Samstag, 14. November 2026 von 9.30 bis 15.30 Uhr in der Helferei an der Kirchgasse in Zürich statt. Die Platzzahl ist limitiert. Anmeldung bis am 9. Nov. 2026 an
info@gewaltlos.org.
