Kultur

Die Schwägerin von Vincent van Gogh

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Nicht immer ist es die Ehefrau, es kann auch mal die Schwägerin sein. Wie im Fall von Vincent van Gogh.

Johanna van Gogh-Bonger ist mit Theo, dem jüngeren Bruder von Vincent van Gogh verheiratet. Vincent kann sich nur seiner Kunst widmen, weil er von seinem Bruder unterstützt wird. Als der Maler sich das Leben nimmt, versinkt sein Bruder in abgrundtiefer Trauer und stirbt wenig später ebenfalls.

Man schreibt das Jahr 1890 in Paris, die junge Johanna steht nun allein da mit der Hinterlassenschaft der Brüder. Das heisst, hunderte von Bildern, Briefe und Tagebücher. Johanna stellt ihre Frau: Sie organisiert die ersten Ausstellungen, wird Kunsthändlerin und Herausgeberin.

Kein Heimchen am Herd

Johanna war nie ein Heimchen am Herd. Sie liest Percy Shelley, sie war längere Zeit in London, sie dichtet, übersetzt und schreibt intensiv Tagebuch. Sie liest Zeitung und interessiert sich für Politik. In ihrem Tagebuch notiert sie, die Nationalversammlung habe einen Kredit von 58 Millionen Francs bewilligt. „Aber nicht für Schulen oder Krankenhäuser, nein, für den Bau von Kriegsschiffen. Was für ein Wahnsinn!“

Als sich Vincent van Gogh im August 1890 erschiesst, ist Johanna gerade mal 28 Jahre alt. Theo van Gogh arbeitet in einer Kunsthandlung. Nach dem Tod des Malers vernachlässigt er alle und alles. Er geht nicht mehr zur Arbeit, will aber in Windeseile eine grosse Werkschau für seinen Bruder veranstalten. „Man muss das Ganze langsam auf kleiner Flamme köcheln lassen, bis irgendwann das Eigentliche zum Vorschein kommt“, schreibt hingegen Johanna, weit vorausschauend.

Als Theo immer hinfälliger wird, ja deutliche Anzeichen von Wahnsinn zeigt, nimmt Johanna die Zügel selber in die Hand. Sie packt zwei Koffer und kehrt mit Mann und Kind zunächst nach Utrecht zurück. Nur ein halbes Jahr nach dem Tod seines Bruders Vincent, stirbt auch er.

Netzwerken am Ende des 19. Jahrhunderts

Nun steht Johanna da, als allein erziehende Mutter, mit wenigen Ersparnissen, ohne Arbeit – aber gesegnet mit viel Elan. Johanna will keineswegs von ihren Eltern abhängig werden, sondern auf eigenen Füssen stehen. Zunächst erhebt sie Anspruch auf das Erbe der Brüder van Gogh – und setzt sich durch. Zwei Monate nach dem Tod ihres Mannes kauft sie in Bussum, in der Nähe von Amsterdam die Villa Helma, lässt sie renovieren und richtet eine Pension ein.

Johanna schmückt das Haus mit Bildern van Goghs. Und damit beginnt sie recht eigentlich zu netzwerken, wie man das heute nennen würde. Sie nimmt Kontakt auf mit Journalisten , Kunsthändlern, Künstlern und Freunden. Emile Bernard, Van Goghs bester Freund, seine Schwester und Johannas Bruder unterstützen sie. „Die Bilder im Haus lenken immer öfter die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich“, schreibt sie bald. Die Villa Helma wird zum Treffpunkt von Kunstliebhabern.

Johanna lässt 15 frühe Zeichnungen van Goghs rahmen mehr lässt ihr schmales Budget nicht zu. In Brüssel soll eine Ausstellung stattfinden. Dabei soll auch Bilder verkauft werden: 250 Francs für jedes Bild ist die Verhandlungsbasis. Die Einnahmen reinvestiert sie. Nach der ersten Ausstellung in Holland notiert sie: „Die Sache ist gar nicht so schlecht verlaufen. Insgesamt wurden fünf Zeichnungen verkauft. Ausserdem gab es vier Besprechungen, allesamt lobend.“

Johanna – mittlerweile 30 Jahre alt – ist angekommen in ihrem neuen Leben der jungen Witwe, der allein erziehenden Mutter, der Liebhaberin (ja, auch das!), der Pensions-Leiterin und Kunsthändlerin. Sieben Ausstellungen innerhalb eines knappen Jahres hat sie organisiert. Und: sie weiss die Preziosen van Goghs zu schätzen und zu verteidigen: die beiden Sonnenblumenbilder in ihrem Schlafzimmer erklärt sie für unverkäuflich.

Keine van Gogh-Biografie

Das Buch ist keine van Gogh-Biografie. Es ist ein Roman über seine Schwägerin Johanna, angereichert mit zahlreichen Ausschnitten aus ihrem Tagebuch. Damit wird jedoch ein tiefer Einblick in das Leben der Familie van Gogh, die Verbundenheit der Brüder und nicht zuletzt in das Leben in Paris und in Holland im Fin de Siècle gewährt.

Der Text hat seine Längen, der schier endlose Todeskampf von Theo van Gogh wird gehörig ausgewalzt und es dauert, bis Johanna ihr Leben wirklich selber in die Hand nimmt. Aber: wer sich für den Maler, sein Werk und für die Epoche interessiert, ist gut bedient.

Es kann nicht schaden, wenn man schon zuvor viel über das Leben des Malers Vincent van Gogh weiss. Auch nicht, wenn man zum Beispiel weiss, wer Percy Shelley ist. Aber es ist kein Muss. Das Interesse wird durch das Buch geweckt.

Camilo Sánchez: „Die Witwe der Brüder van Gogh“, erschienen im Unionsverlag, 2014, ISBN 978-3-293-00477-1, 180 S., Fr. 28,90