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Das war Tells Geschoss

Sepp Steiner heisst er und ist der leibhaftige Wilhelm Tell unserer Zeit. In der Tellwerkstatt in Gersau SZ stellt er Armbrüste her und überrascht die Besucher.


Seit 2009 ist das kleine Gersau an den Gestaden des Vierwaldstättersees um eine Attraktion reicher – Sepp Steiner. Der Mann ist eine Legende und sieht auch so aus: Im Gesicht wuchert ihm der Bart, oft trägt er ein Hirtenhemd und an den Füssen Holzschuhe. Diese typischen Merkmale verleihen ihm eine frappante Ähnlichkeit mit seinem grossen Vorbild Wilhelm Tell und haben dazu beigetragen, dass man Steiner in der Region auch so nennt. In seiner Werkstatt stellt er klassische Armbrüste her, wie sie seit dem Mittelalter als präzise Schiesswaffen genutzt werden. Wer sich anmeldet, kann ihm bei der Arbeit zuschauen – und erfährt dabei viel über diese alte Handwerkskunst.

Er muss nicht mehr in Altdorf UR den Gesslerhut grüssen und in der hohlen Gasse bei Küssnacht am Rigi auf den habsburgischen Landvogt warten, um ihn zu erschiessen. Diese Zeiten sind vorbei und Geschichte.

Heute stolziert er lächend mit der Armbrust durch die Republik Gersau und ist fast zur Touristikattraktion verkommen. Es steckt aber mehr dahinter, denn der gelernte Käser feiert dieses Jahr sein 30jähriges Jubiläum als „Tell“ und über 10 Jahre die „Tellwerkstatt“.

Wir besuchen ihn, legen mit dem Raddampfer bei der Station Gersau an.

„Wilhelm Tell“ ist schon von weitem zu sehen.

Sein gelber Umhang leuchtet im Kontrast zum Türkis des Vierwaldstättersee und dem Grün der Berge im Seitenlicht. In der linken Hand trägt er die hölzerne Armbrust. Wir folgen dem Mann  mit der grossen Statur, dem langen Haar und dem Rauschebart in sein Reich, die Tellwerkstatt, wo er uns mit einem kräftigen Händedruck begrüsst.

Und wir fühlen uns sofort wohl in der hell getäferten Werkstatt. Hunderte Werkzeuge an den Wänden, wundersame Gerätschaften. „Alles  wie im 14. Jahrhundert“, erklärt Sepp Steiner und führt uns ins Drechseln ein, dass die Späne fliegen. Dabei benutzt er eine wuchtige Hobelbank und einen primitiven, aber höchst wirksamen Fussantrieb mit dem er einen monströsen Blasebalg in Schwung bringt.

„Kenntnisse aus 14  Handwerksberufen sind nötig, um eine Armbrust herzustellen“, erläutert der Meister und gibt uns die Gelegenheit, ein Seil nach altem Brauch herzustellen.

Und so kam Sepp Steiner zu seiner Tätigkeit. Da der erlernte Beruf als Käser damals in der manuellen Käseproduktion nicht zum Broterwerb taugte, schlug sich Steiner als Tausendsassa durchs Leben. Zuletzt 20 Jahre als Schreiner. Bis einer in Anspielung an Haupthaar und Rauschbart mehr als Scherz meinte: «Eigentlich müsstest du doch den Tell mimen.»

Und so kam es, dass er als Wilhelm Tell an verschiedenen Festivitäten auftrat und in der Werkstatt nach alter Tradition  wundersame Gegenstände herstellte.

In seiner Werkstatt: Voller Stolz streichelt er seine Armbrust und sagt:

«Ich bin mächtig stolz auf unsere Ahnen, weil sie von jeher clever und mutig waren, gewitzt übermächtige Gegner austricksten und schon im Jahre 1648 mit großem Verhandlungsgeschick den Habsburgern gegenüber den Grundstein für jahrhundertelange Unabhängigkeit legten.“

Neuerdings verkauft Sepp Steiner selbstgemachte Fässchen, Gewürzmühlen und stellt auf Wunsch nach Mass Holzschuhe her, wie sie damals Wilhelm Tell getragen hatte.

Fotos: Josef Ritler

Mehr über die Tellwerkstatt: http://www.tellswerkstatt.ch

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