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Magische Zeichenwelt

Das Kunsthaus Zürich zeigt unter dem Titel „Joan Miró – Mauer, Fries, Wandbild“ rund 70 Werke des weltberühmten katalanischen Künstlers.

Joan Miró (1893 – 1983) zählt mit seinen rätselhaften Zeichen, tanzenden Himmelskörpern und verspielten Figuren zu den erfindungsreichsten und beliebtesten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Bei aller Unbeschwertheit verbirgt sich hinter Mirós Bildwelten jedoch eine intensive Reflektion über die Möglichkeiten der Malerei. Die neu eröffnete Ausstellung „Joan Miró – Mauer, Fries, Wandbild“ im Kunsthaus Zürich ermöglicht einen neuen Blick auf Joan Mirós Oeuvre, indem sie seine Friese und Wandbilder ins Zentrum stellt. Miró verstand sich als «Malerdichter“, der keinerlei Unterschied zwischen den Künsten machte. Obwohl er sich dem Surrealismus verbunden fühlte, bewahrte er doch stets seine künstlerische Unabhängigkeit.

Besonderes Verhältnis zur Wand

Joan Miró während seiner Arbeit an «Oiseaux qui s‘envolent» in Gallifa, 1971.

Das 1971/72 entstandene keramische Wandbild „Vögel, die wegfliegen“, das im Innenhof des Kunsthaus Zürich steht, war der Ausgangspunkt für diese Ausstellung. Oliver Wick, ehemaliger Kurator am Kunsthaus Zürich, hat die Ausstellung konzipiert. Betreut und umgesetzt wurde sie von Simonetta Fraquelli, die in den letzten Jahren als freie Kuratorin an zahlreichen Projekten des Kunsthauses mitwirkte. Renommierte öffentliche und private Sammlungen aus Europa und den USA unterstützen die rund 70 Werke umfassende Ausstellung – darunter mehrere grossformatige – mit wichtigen Leihgaben. Zu sehen sind Bilder, Entwürfe und Skulpturen aus allen Schaffensphasen des Künstlers.

Links: Femme et oiseau dans la nuit, 1945, Öl auf Leinwand, 146 x 114 cm; rechts: Tête humaine, 1931, Öl, Draht, Holzscheiben und Sandpapier auf Leinwand, 81 x 65 cm.

„Mirós Werk zeichnet sich durch unwiderstehliche Direktheit und eine ausgesprochen materiale Qualität aus. Es überrascht daher nicht, dass es in den Äusserungen des Künstlers zu seiner Arbeit vorwiegend um reine, einfache Formen und die Oberfläche jener Wand geht, die gern als Ursprung seiner Malerei bezeichnet wird“, schreibt das Kunsthaus. Mirós besonderes Verhältnis zur Wand spiegelt sich in vielen der ausgestellten Bilder. Werke mit farblich ähnlichen Grundierungen oder solche, in denen Alltagsmaterialien wie Leinen, Jute, Sandpapier und Teer verarbeitet wurden, sind anschaulich zu Gruppen zusammengefasst.

Anklage gegen das Franco-Regime

Den Anfang der vorbildlich konzipierten Ausstellung macht das bekannte Frühwerk „La Ferme“ (1921/22). Das Bildthema ist der Bauernhof seiner Eltern in Mont-roig del Camp, auf dem er sich oft in den Sommermonaten aufhielt. Das sehr präzise ausgeführte Bild ist ein Schlüsselwerk vor seiner surrealistischen Periode, das realistische, primitive, naive Merkmale aufweist und das Landleben mit Haus, Tiere und Arbeiten darstellt. Gleich gegenüber ist das 1974 gemalte, monumentale Triptychon „Die Hoffnung des zum Tode Verurteilten I-III“ ausgestellt. Es sind abstrakte, grossflächige, wandähnliche Graffitis, die als erschütternde Anklage gegen das gewaltsame Franco-Regime gelesen werden können. Das berührend-anklagende Spätwerk mit aktuellem Zeitbezug verfehlt seine zeichenhafte Wirkung nicht.

La Ferme, 1921/22, Öl auf Leinwand, 123,8 x 141,3 cm, 1925 von Ernest Hemingway erworben.

Miró entwickelte unter dem Einfluss des Surrealismus eine eigene, neue Bildsprache. Scheinbar gibt es kein inhaltliches Konzept mehr, kein eigentliches Thema, keine Perspektive, keinen Raum. Die Bilder erinnern an Kinderzeichnungen, an scheinbar nebenher gemalte Farben und Formen. Doch sie sind eben nicht willkürlich, sondern sehr genau durchdacht. Der berühmte Ausspruch Mirós „Ich will die Malerei ermorden“ muss als Provokation gelesen werden, der herkömmlichen Bildsprache eine Absage zu erteilen.

Bildgründe von zentraler Bedeutung

Bei Miró spielen die Bildgründe eine wichtige Rolle. In seriellen Kompositionen entstehen Bilder mit braunem, blauem und weissem Malgrund, es folgen keramische Wandbilder sowie die während des zweiten Weltkriegs gemalten „Konstellationen“ auf groben Sackleinen. In der Zürcher Ausstellung sind die Bildgründe von zentraler Bedeutung, belegen Mirós Vorliebe für Stofflichkeit und archaische Formen, für die Zeichenhaftigkeit der Farben. Auf einem Rundgang mit weiterführenden Erklärungen an den Wänden erlebt der Besucher eine unverwechselbare, magische Zeichenwelt, die ein differenziertes Bild von Mirós künstlerischem Schaffen vermittelt.

Peinture (Femme se poudrant), 1949, Öl, Gouache, Aquarell, Pastellfarbe und Tinte auf Leinwand mit weissem sandgemischten Zement. 35,3 x 46 cm

Titelbild: Peinture (La magie de la couleur), 1930, Öl auf Leinwand, 150,2 x 225,2 cm. (Bilder: Successió Miró / 2015, ProLitteris, Zürich)
 
Die Ausstellung „Joan Miró – Mauer, Fries, Wandbild“ im Kunsthaus Zürich dauert bis 24. Januar 2016. Zur Ausstellung Ist ein Katalog mit namhaften Beiträgen von Miró-Spezialisten und –Forschern erschienen (Preis CHF 43).

 

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