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Irgendwann kommt der Tod

Zwei Schwestern führen ein Bestattungsinstitut – aus der Geschichte eines Familienunternehmens

Der Bestatter ist dank aktueller TV-Serie salonfähig geworden. Oder besser, ins Bewusstsein auch jener gerückt, die (noch) nichts mit einem Bestattungsinstitut zu tun hatten. Doris Hochstrasser-Koch und Karin Koch Sager arbeiten als Bestatterinnen mit Fachausweis. Die Schwestern gestalteten die traditionelle Fuhrhalterei ihrer Grosseltern und Eltern im aargauischen Wohlen zu einem zeitgemässen Bestattungsinstitut um.

Ein unauffälliges Haus in Wohlen ist Sitz des Bestattungsunternehmens Koch

Die beiden Bestatterinnen lernte ich vor drei Jahren persönlich kennen, als mein Mann nach längerer Krankheit an einem Samstagnachmittag verstarb. Als Hinterbliebene ist man auf gute Beratung angewiesen. Auf Empfehlung hin nahm ich mit der Firma Koch Kontakt auf und schon am Sonntagmorgen erfolgte ein erstes Gespräch in Wohlen in einem freundlichen, fast familiären Rahmen. Bestatter kennen keine Sonn- und Feiertage und sind rund um die Uhr erreichbar. Im hellen Ausstellungsraum wählten meine Tochter und ich unter einer Vielzahl einfacher und kunstvoller Urnen ein für uns besonders stimmiges Modell aus. Alles fühlte sich unaufgeregt und normal an, auch die verschiedenen Sargmodelle nebenan. Tröstlich war, dass wir darauf hingewiesen wurden, nichts zu übereilen, dass der Verstorbene noch über das ganze Wochenende im Hospiz bleiben dürfe und wir uns viel Zeit für den Abschied nehmen könnten. Noch heute ist das eine lichtvolle Erinnerung in einer schweren Zeit.

Der Ausstellungsraum mit Särgen und Urnen ist hell und übersichtlich

Nun freut es mich umso mehr, dass ein Buch über die zwei mutigen Frauen erschienen ist. Autorin Franziska K. Müller hat die Geschichten und Erfahrungen der beiden Frauen aufgrund zahlreicher Gespräche zusammengestellt und mit weiterführenden Kapiteln über Trauerarbeit, praktische Hinweise im Todesfall, sowie über weitere Berufe rund um das Bestatten, auch in anderen Kulturen ergänzt.

Die Koch Schwestern erlebten wegen des grossen Altersunterschieds ihre Kindheit sehr unterschiedlich. Doris (*1955), musste für ihre sieben Geschwister früh Verantwortung übernehmen, vor allem für die elf Jahre jüngere Karin. Die harte und arbeitsvolle Kindheit schweisste sie zusammen und sie fühlen sich bis heute eng verbunden. Zusammen hatten sie den Mut, den elterlichen Betrieb 1999 weiterzuführen und ihn trotz Widrigkeiten zu modernisieren und auszubauen.

Das ganze Team mit dem neuen Leichenwagen

Leser nehmen Anteil am Alltag dieser ursprünglich einfachen Bauernfamilie, die mit der Fuhrhalterei Holz und Kohle in Privathaushaltungen lieferte, daneben aber auch Verstorbene einsargte und sie mit dem Kutschenwagen zum Friedhof führte. Wir erfahren, wie früher die Toten zu Hause oder in der Kirche aufgebahrt und von der ganzen Gemeinde würdig betrauert wurden. So war der Tod in der Familie Koch allgegenwärtig. Anstatt mit Puppen zu spielen, war es interessanter, Tod und Beerdigung zu erforschen und nachzuspielen. Das gehörte zu ihrem selbstverständlichen Alltag. „Seit ich denken konnte, war der Tod Bestandteil meines Lebens, und doch wusste ich nichts über ihn, bis er mich persönlich traf,“ berichtet Doris; ihr sechsjähriger Bruder wurde von einem Auto vor der Haustüre erfasst und starb. So sind der Tod von Peter und die Geburt von Karin für Doris Meilensteine in ihrer Existenz. Beide Ereignisse – das eine tragisch, das andere glücklich – besiegelten ihre Zukunft, die tausendfach vom Sterben handeln sollte – eine Geschichte vom Tod, aber vor allem auch vom Leben.

Firmengeschichte: Die Leichenwagen des Grossvaters (links) und des Vaters 1967

Ende der 1960er Jahre tauschten die Eltern das Pferdegespann gegen einen motorisierten Leichenwagen aus. Und als Doris und Karin in die Fussstapfen der Eltern traten, setzten sie eigene Ideen um. Sie waren nicht mehr bereit, den Tod als diskrete und schnell zu erledigende Angelegenheit zu akzeptieren. Mit viel Herz und Verstand entwickelten sie neue Ansätze, übernahmen zunehmend zeremonielle Funktionen, adaptierten überkonfessionelle und alternative Rituale und konzentrierten sich auf die Kunst des Ausklangs: den würdevollen Umgang mit den Verstorbenen samt der Aufgabe, den Hinterbliebenen beizustehen, Trost zu spenden und Zuversicht. Durch eigene schmerzliche Verluste auch als Erwachsene – Doris verlor vor vier Jahren ihren Ehemann bei einem tragischen Verkehrsunfall – und durch ihre Arbeit mit Trauernden fanden die zwei Frauen zu innerer Grösse, die für jeden Hilfesuchenden spürbar ist.

Die Bestatterinnen: Doris Hochstrasser-Koch und Karin Koch Sager

So sind die einfachen Worte auf der Webseite auch authentisch: „Als Bestatter verstehen wir uns in dieser Phase des Lebens als Begleiter und Berater. Hierzu bieten wir Ihnen neben traditionellen Bestattungen auch individuellere Gestaltungsmöglichkeiten. Es ist uns wichtig, den Verstorbenen einen würdigen Abschied zu bereiten und den Lebenden in ihrer Trauer die notwendige und gewünschte Begleitung zur Verfügung zu stellen. In dieser schweren Situation stehen wir Ihnen jederzeit beratend und hilfreich zur Seite.“ Eine Ankündigung, die ich durch meinen eigenen schmerzlichen Verlust in Anspruch nehmen durfte und wofür ich den Koch Schwestern noch heute dankbar.

Alle Fotos zur Verfügung gestellt vom Bestattungsinstitut Koch
Franziksa K. Müller, Die Bestatterinnen –  Gestorben wird immer.  Verlag Wörterseh, Gockhausen 2015

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