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Pipi rockt den Bührlesaal

Pipilotti Rist stellt im Zürcher Kunsthaus aus. Das ist mehr als eine Information, das ist eine Ansage. Denn im Bührlesaal ist nichts mehr so, wie es sein soll. Diese Kunst sprengt Grenzen.

Lange hat es gedauert, bis die Künstlerin Pipilotti Rist vom Kunsthaus Zürich zu einer Einzelausstellung eingeladen wurde. Nun endlich ist es soweit: Als erst zweite noch lebende Schweizerin – nach Verena Loewensberg – öffneten sich die Türen des renommierten Bührlesaals für eine Frau, die Konventionen und Grenzen in ihrem Werk immer wieder zur Diskussion stellt.

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Pipilotti Rist, Selbstlos im Lavabad (1994), Audiovisuelle Installation (video still). © Pipilotti Rist, Courtesy the artist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine

Zuerst ist alles so, wie es von einer Videokünstlerin erwartet wird: Durch dunkle Vorhänge betritt man einen dunklen Raum. Auf wehende Paneelen aus dünnem Stoff sind Bilder projiziert, rosa Schafe, grünes Grün, Raubtieraugen, Blütenschlieren, Farbwolken, alles unterlegt mit verwehenden Tönen, Geräuschen fallender Wassertropfen, Plätschern.

Pipi kommt von Pippi

Ja, das erwartet man von Pipilotti Rist, der einstigen frechen Göre im Kunstbetrieb, die es zur international anerkannten Künstlerin geschafft hat. Wobei «Göre» kein abwertender Begriff ist: Pipilotti Rist hat sich ihren Namen bei der schwedischen Vorzeigegöre Pippilotta Viktualia Rollgardina (…) Langstrumpf entliehen, dem starken, frechen kleinen Mädchen, das so lebt, wie es ihr gefällt. Und das ist, wie die Ausstellung zeigt, auch immer noch das Motto ihres Schweizer Alter Egos.

Auch im Bührlesaal hat sie sich eine Welt gebaut, «wie es ihr gefällt». Das heisst, eine Welt voller Musik – Pipilotti Rist war eine Zeitlang Mitglied der Musik- und Performance-Gruppe «les reines prochaines» – , eine Welt voller Kleinigkeiten und grosser Gesten und letzlich, mit der eigens für die Kunsthaus-Ausstellung konzipierten Zauberwelt, dem «Pixelwald».

Licht- und Farbenzauber

Der erinnert ganz von ferne an die Weihnachtsbeleuchtung der Bahnhofstrasse von ganz nahe gesehen, ist aber viel, viel mehr. Denn die 3000 LED-Lämpchen, eingepackt in thermoplastische Kunstoffgebilde (Polycarbonat) mit amorphen Formen, halb Schaumbadblasen, halb wild gewordene Amöben oder Swarovskialpträume korrespondieren mit den Videoinstallationen an den Wänden, nehmen deren Bildimpulse auf und geben sie als winzig kleine Leuchtpunkte weiter.

Pipilotti Rist, Pixelwald (2016). Videoinstallation. Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2016. (Foto: Lena Huber, Courtesy the artist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine)

Man müsste ganz weit weg stehen, damit aus diesen einzelnen Pixel ein Gesamtbild entstünde, erläutert Kuratorin Mirjam Varadinis, die die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin eingerichtet und die insgesamt 41 Werke ausgewählt hat. Aber am liebsten steht man mittendrin in diesem Lichterwald oder setzt sich auf einen der niedrigen Pouffs, die auf den Teppichinseln so einladend bereitliegen. Dann könnte auch ein Wiedersehen gefeiert werden mit den fast schon «Klassikern» der heute 53-jährigen Künstlerin, den Videoinstallationen «Sip my Ocean» (1996) und «Ever is Over All» (1997) oder man könnte das erstmals in Zürich gezeigte Werk «Worry Will Vanish Horizon» geniessen.

Farbig, sinnlich, verspielt

Kunst mit allen Sinnen geniessen, das ist in Pipilottis Welt ganz einfach: Man setzt sich auf ein Sofa im Salon, legt sich auf das Bett im Schlafzimmer oder auf einen Gartenstuhl im Wintergarten, wo nebst vielen Gartengeräten auch ein lebensgrosser Strauss, also ein Vogel, steht. Salon, Schlafzimmer? Ja. Die Künstlerin hat sich, nicht zum ersten Mal – vielleicht erinnert man sich an die Multimedia-Installation «Himalayas Sister’s Living Room» aus dem Jahr 2000 – eine ganze Wohnung aufgebaut, mit vielen witzigen, verspielten, überraschenden Details.

Wobei da nicht einfach ein Bett, ein Kinderbett, eine Handtasche – oder auch drei oder vier – Muschelschalen oder Nähkästchen stehen. Jedes Objekt erlaubt Einblicke, überall sind Videoprojektionen eingebaut. Selbst das Bild an der Wand ist nicht echt, wird aus einem Guckloch im Schrank heraus in den Rahmen gezwungen. Und über allem hängt ein gigantischer Kronleuchter, auch er umspielt von Videolichtern und deshalb auf den ersten kurzen Blick poetisch und verspielt. Dabei besteht er aus in Kronleuchtermanier gestaffelt aufgehängten Unterhosen, den Dingern also, «die den Ort umhüllen, aus dem wir alle geschlüpft sind». (Pipilotti Rist).

Kunst, die gute Laune macht

Ob man nun ein Wiedersehen feiert mit den Single-Videos, die den Start zur grossen internationalen Karriere von Pipilotti Rist markieren, sich in der «Wohnung» umschaut, die für die Künstlerin Synonym für ihre Stadt ist, sich im Pixelwald verliert oder sich sich psychedelisch oder medidativ von Tüllpaneelen «umfarben und umtönen» lassen will, eines ist sicher: Wer die Ausstellung verlässt, sieht die Welt mit andern Augen, mit leichterem Geist und einem Lächeln im Gesicht. Denn auch wenn Pipilotti Rist eine erstzunehmende Künstlerin ist, die kritisch hinterfragt und und feministische Anliegen thematisiert, sie hat sich eine Leichtigkeit des Seins, eine unbeschwerte Spielfreude bewahrt und kann diese nonverbal, nur durch ihre Werke weitergeben. Sie macht einfach gute Laune.

Pipilotti Rist, Worry Will Vanish Horizon (2014). Audiovisuelle Installation, Musik von Anders Guggisberg. Installationsansicht Hauser & Wirth, London, 2014. (Foto: Alex Delfanne, Courtesy the artist, Hauser & Wirth and Luhring Augustine)

Man kann etwas von Pipis Welt auch von aussen sehen: Die «Unschuldige Sammlung» zum Beispiel im Gang beim Bührlesaal, wo die unterschiedlichsten, durchsichtigen Kunststoffverpackungen aufgereiht sind. Eine lustige Idee, aber mit tieferem Sinn: «Diese Verpackungen schützen die verschiedensten Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände und sind selber von zerstörerischer Kraft – für die Umwelt.» So die Künstlerin.

Lichter, die die Nacht erhellen

Eine weitere Installation, die als Kunstobjekt über die Ausstellung hinaus bleibt, sind die «Tastenden Lichter», eine Bespielung der Glasdachs über dem Moser-Bau und die dazu gehörende Videoprojektion auf eines der fünf neoklassizistischen Reliefs an der Fassade. Dazu hat das Kunsthaus temporär – bis zum Ende der Ausstellungam 8. Mai – einen Kamin erhalten, aus dem im Viertelstundentakt grosse, mit Rauch gefüllte Seifenblasen aufsteigen sollen. «Nichts» heisst diese Installation.

Erwähnt werden muss auch der sehr spezielle Katalog mit viel bisher noch nie veröffentlichtem Bildmaterial, 12 Gedichten von Pipilotti Rist und 12 Bildtafeln aus dem Schaffen der Künstlerin.

Die Ausstellung «Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes» ist im Zürcher Kunsthaus noch bis zum 8. Mai zu sehen.

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