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Woran wir wachsen

Judith Giovannelli-Blocher (1932-2024) blieb bis ins hohe Alter sozial engagiert. Sie arbeitete lange an der Berner Sozialschule. 67-jährig publizierte sie ihr Romandebüt Das gefrorene Meer (1999). Sechs weitere (auto-)biografische Werke folgten. Judith Giovannelli-Blocher starb Anfang 2024. Mein Nachruf ist in der Zeitschrift Neue Wege (3/2024) erschienen.

Judith Giovanelli-Blocher befasste sich intensiv mit dem Älterwerden. Darüber diskutierten wir im Literaturclub des Schweizer Fernsehens vom 6. Juli 1999. Zuerst kamen wir auf ihren Roman Das gefrorene Meer, der soeben erschienen war, zu sprechen: Judith, alias Lore, wächst mit ihren zehn Geschwistern in einem Pfarrhaus auf. Sie muss gehorsam, gläubig und tüchtig sein. Gefühle liegen wie Steine im Magen. Die Eltern sind streng und leiden selbst darunter. Vertrautheit kommt vor allem in der Fantasie auf. Vor der Veröffentlichung haderte Judith Giovannelli-Blocher damit, sich so zu exponieren und ihre bekannten Brüder zu brüskieren, denen sie bislang das öffentliche Parkett überlassen hatte. Statt soziale Realitäten zu simplifizieren, plädierte sie dafür, Widersprüche differenziert anzugehen.

Zum Umgang mit dem Älterwerden empfahl Judith Giovannelli-Blocher das ebenfalls 1999 erschienene Buch La Punta von Yvette Z’Graggen: Ein Ehepaar lebt vierzig Jahre in seiner Genfer Wohnung, die luxussaniert wird. Der Mietpreis explodiert. Die Frau und der Mann erkunden ein Zimmer in einem Altersheim. Sie sind schockiert, schlafen seit langem wieder einmal miteinander, um sich ihre Jugendlichkeit zu bezeugen. Dann wandern sie nach Spanien aus. In La Punta hat Florence erstmals ein eigenes Zimmer. Sie richtet sich ein, führt Tagebuch und spürt, wie eng ihre solide Ehe ist. Florence geniesst das weite Meer und fragt, was sich verändern liesse. Vinzent will in die pünktliche Schweiz zurück. Nach einem Spaziergang kommt er betrunken heim. Sie fallen sich weinend in die Arme. Vinzent beteuert, kein Haushaltsgeld verprasst zu haben. Und Florence denkt, wie schwierig es ist, beim Älterwerden lebendig zu bleiben.

Judith Blocher konzentrierte sich zunächst auf ihren Beruf. Offen kommentierte sie eine Liebschaft mit dem marxistischen Kunsthistoriker Konrad Farner (1903-1974). Das Private ist politisch. 1980 heiratete sie den eingewanderten Fabrikarbeiter Sergio Giovannelli. Ein Plädoyer für das Alter (2004) und Die Geschichte meines Lebens (2012) folgten später. Lassen wir uns vom Herzen leiten, lautet ihre Botschaft. Und Menschen seien doch soziale Wesen. Mehr Sicherheit und Freiheit könnten helfen, eigene Ziele schöpferisch zu verwirklichen, statt Kräfte rivalisierend zu vergeuden.

Die eigene Kindheit erlebte Judith Giovannelli-Blocher wie in einem «Dampfkochtopf». Sie verspürte unendlich viel Druck, meinte stets, fremde Erwartungen erfüllen zu müssen und fühlte sich oft schuldig. Ständig gebraucht zu werden, spornte sie an. In der zweiten Lebenshälfte erlebte sie ihren selbstbestimmten Aufbruch im Alter. «Mit zwanzig war ich eine Greisin, mit vierzig habe ich erst angefangen, ein eigenes Leben zu leben», schreibt sie in Woran wir wachsen (2007).

In Die einfachen Dinge (2010) reflektiert Judith Giovannelli-Blocher auch gesellschaftliche Entwicklungen, die sie zuversichtlich stimmten. Sie bewege sich persönlich langsamer und nehme wahr, wie die Spassgesellschaft, der verantwortungslose Hedonismus und die individuelle Bereicherung auf Kosten aller an Einfluss verlören. Die Befreiung aus starren Zwängen führe zu mehr Gerechtigkeit und neuen Lebensentwürfen. Und beim Älterwerden zeige sich, wie bedeutend Begegnungen und der Glaube an das Leben seien. Die Angst vor dem Tod könne uns zwar niemand nehmen, aber er bringe auch ein Loslassen, ein Leichtwerden und eine Heiterkeit mit sich. Der Tod und die Lebensfreude seien eben Geschwister. Wie tröstlich.

Titelbild: Foto © Christian Jaeggi
Zum Nachhören die Sendung Literaturclub vom 6. Juli 1999

 

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1 Kommentar

  1. Eine eindrückliche und mutige Frau und ihre Bücher sind auch Zeugen der Zeit. Eine bewundernswerte Leistung sich aus diesem Elternhaus zu befreien. Gerne wüsste ich ja, was ihr Bruder Christoph über ihre Texte denkt. Ich befürchte nur, dass er gar nicht in diese Tiefen des Fühlens und Denkens eindringen kann und seine «Festplatte» plombiert und nicht korrigierbar ist.
    Schade, dass es Judith Giovannelli-Blocher nicht mehr gibt; sie lebt jedoch in ihren Büchern und mit ihrer gelebten Menschlichkeit in den Gedanken Vieler weiter.

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