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Klee und die Surrealisten

Was haben sie voneinander gelernt? Worin unterscheiden sie sich? Eine bemerkenswerte Ausstellung im Zentrum Paul Klee in Bern

Einfache Reizwörter im kulturellen Umfeld sind es: „Paul Klee“ – „Surrealisten“. Was diese Begriffe bedeuten, in welchem Zusammenhang sie zu einander stehen, aus welchen geistigen, künstlerischen und menschlichen Hintergründen sie entstehen, das offenbaren die reichhaltige Schau im Zentrum Paul Klee und der umfangreiche Katalog dazu. Michael Baumgartner ist der Kurator der Ausstellung, zusammen mit Nina Zimmer, der Direktorin von Zentrum Paul Klee – Kunstmuseum Bern, zeichnet er auch als Herausgeber des Katalogs verantwortlich.

Weshalb der Katalog hier am Anfang des Berichts steht? Er füllt mit den kompetenten Beiträgen von Kunstwissenschaftlern und Kennern des präsentierten Themas die Ansprüche nach Zusatzinformationen, welche aus dem Betrachten der gross angelegten Ausstellung mit ihren vielfältigen Teilthemen und Einzelwerken entstehen können. Er dient zugleich als wissenschaftliches Grundlagenwerk zum Thema und bildet mit seinen überaus zahlreichen Reproduktionen sozusagen eine Miniatur-Privatsammlung. Von besonderem Interesse ist das Beiheft, es vermittelt literarische Zeugnisse und Ausschnitte von Korrespondenzen der beteiligten Künstler und weiterer Hauptpersonen des Surrealismus.

Der Surrealismus als Bewegung in der Bildenden Kunst ist teilweise aus einem von Literaten definierten Automatismus des Schreibens entstanden. In den schriftlichen Zeugnissen ist die Rede von „bildmächtigen Metaphern“, von „kreativen Assoziationen“ und von der „Schwelle zu Schlaf und Traum“. Nicht die thematische Konzeption steht jeweils am Anfang der Schaffensprozesse, sondern die Begegnung mit Zeichen aus dem Unbewussten. Die Mischung von konkret gegenständlichen und gleichsam verschleierten Geistermotiven entspricht Traumgesichtern, aber auch Erlebnissen, die von Angst und Ungewissheit geprägt sein können. Solche lassen sich nicht immer in Worte fassen, höchstens in klaren Strichen zeichnen oder zum Teil in wolkenartigen, luziden oder handfesten Gebilden malen. Interessant ist der Kontext des Surrealismus als sozusagen kulturelle Positionssuche zwischen den beiden Weltkriegen.

Salvador Dalí (1904 – 1989), La vache spectrale, 1928. Öl auf Sperrholz, 50 x 64,5 cm. Centre Pompidou, Paris, Musée national d’art moderne / Centre de création industrielle. Photo © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Jean-Claude Planchet. © Salvador Dalí, Fundaci. Gala-Salvador Dal. / 2016, ProLitteris, Zürich

Unübersehbar sind darum die Anklänge an die Dada-Bewegung; sogar der Einfluss Sigmund Freuds (Traumdeutung) ist wahrnehmbar. Alles in allem, wie es André Breton 1922 schrieb: „Wir sind übereingekommen, mit dem Wort (Surrealismus) einen gewissen psychischen Automatismus zu bezeichnen, der ziemlich genau dem Traumzustand entspricht“. Die Künstler der Zwischenkriegszeit suchten eine freie, revolutionäre und unabhängige Kunst, wie sie selber schreiben.

Die Bedeutung von Paul Klee für die Surrealisten

Dass das Werk Paul Klees mit dem Werk der Surrealisten hier zusammengeführt wird, bedeutet vorerst einmal eine vielseitig anregende Gegenüberstellung. Klee war nur um weniges älter als die Mehrzahl der Surrealisten. Dennoch ist es verständlich, dass er auf sie einen gewissen Einfluss ausübte. Viele Briefstellen und Tagebuchsätze von ihnen bezeugen das unmissverständlich. Klee gilt ihnen als Bildzauberer, als kongenialer Vorläufer. Miró schreibt zum Beispiel: „Klee war die wichtigste Begegnung in meinem Leben. Unter seinem Einfluss hat sich meine Malerei befreit“ (in Brassaï, Les Artistes de ma vie, Paris 1982).

Andererseits besteht eine gewisse Unsicherheit wegen der Vermutung, dass Klee auf andere Wege als seine Kollegen des Surrealismus zu seiner Ausdrucksweise gekommen ist. Zwar war er Ende der 1920-er Jahre der meistverkaufte Künstler in Paris, pflegte dort rege Kontakte, wenn auch vor allem schriftlich, mit den Surrealisten. Doch folgte sein Schaffensweg im Gegensatz zu ihnen wahrscheinlich nicht demselben Automatismus in der Entfernung von der Realität und in der Annäherung an die Welt des Traumhaften, des Unbewussten, des Unabhängigen und Revolutionären. So geht es jedenfalls aus den verfügbaren Schriftzeugnissen hervor.

Paul Klee (1879 – 1940), Der Blick des Ahriman, 1920, 148, 12,5 x 20,5 cm. Aquarell und Deckfarbe auf Papier auf Karton. Privatsammlung

Thematisch übersichtlich gegliedert ist die Ausstellung, sie umfasst Die Welt als Traum, imaginäre und surreale Räume, Portraits und Masken, Geheimnisse der Objekte, Eros und Sexualität, Instrumentalisierung und Fragmentierung des Körpers, Naturgeschichte und surreale Mechanik.

Ein gutes Beispiel für den surrealen Raum und die surreale Mechanik ist das unten abgebildete Werk von Man Ray (1890 bis 1976). „Das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“. Vollkommen unvernünftig und irgendwie sinnlos werden Gegenstände zusammengeführt und zu einer fiktiven Aussage gruppiert. Surrealismus pur, abgestützt diesmal auf Gegenständliches.

Man Ray (1890 – 1976), Rencontre d’une machine à coudre et d’un parapluie sur une table dissection, 1932 – 1933; Collage und Zeichnung; Tusche und Silbergelatine-Abzug, 27,4 x 47,5 cm. Birger Raben-Skov, Copenhagen, © Man Ray Trust / 2016, ProLitteris, Zürich

Zuletzt hier noch das Original des Titelbilds:

Alberto Giacometti (1901 – 1966), Homme et Femme, 1928 – 1929, Bronze 40 x 40 x 16,5 cm. Centre Pompidou, Paris, Musée national d’art moderne / Centre de création industrielle, Schenkung 1984. Photo © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Droits réservés.
© Succession Alberto Giacometti / 2016, ProLitteris, Zürich

Die reichhaltige und ausgezeichnet dokumentierte Ausstellung im Zentrum Paul Klee ist durch die Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou, Paris ermöglicht worden und noch geöffnet bis am 12. März 2017. Interessant ist auch die Fülle der angebotenen Begleitprogramme.

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