Kultur

Späte Liebe

Nach 50 Jahren treffen sich Emma und Gerard wieder; damals war es die erste grosse Liebe. Der Erstlingsfilm «Hinter den Wolken» von Cecilia Verheyden: eine Hommage an die Liebe im Alter.

Obwohl Emma und Gerard fast ein ganzes Leben trennt, spüren sie bei ihrer neuen Begegnung noch immer Anziehung, Vertrautheit und Leidenschaft. Für Emmas Familie kommt das unvermittelt und viel zu früh. Schliesslich ist ihr Mann Frederik gerade erst gestorben. Aber die Liebe lässt sich nicht planen, und was haben die beiden schon noch zu verlieren, ausser Zeit?

«Hinter den Wolken» ist eine humorvolle filmische Hommage an die Liebe in jedem Alter, nach einem Theaterstück von Michael De Cock, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Warmherzig und voller Lebenslust inszeniert Regisseurin Cecilia Verheyden, die 1985 in Gent geboren wurde und 2007 ihr Studium an der Brüsseler Filmhochschule abgeschlossen hat, ihr Langfilmdebüt und begeisterte damit in Belgien bereits ein grosses Publikum. Ihre Hauptdarsteller Chris Lomme und Jo De Meyere tragen den Film, der von Jean-Pierre und Luc Dardenne koproduziert wurde.

Schwierig wie einst in der Jugend

Für Emma ist «nichts schöner, als das Prasseln von Regen auf dem Dach» zu hören. Doch seit ihr Mann Frederik gestorben ist, fällt es ihr ziemlich schwer, im Leben weiterzumachen wie bisher. Frederik war ein anerkannter Akademiker und erfolgreicher Unternehmer, und so kommen viele Menschen zu seiner Beerdigung. Während sich die Trauergäste am Sarg verabschieden, legt jemand einen roten Dartpfeil auf den Sarg. Es ist Gerard, Emmas erste grosse Liebe und Frederiks bester Freund, bis dieser Emma geheiratet hat. Seitdem haben sich die drei nie mehr wiedergesehen. Das ist 53 Jahre, 3 Monate und 6 Tage her.

Emmas Freude und Neugierde aufs Leben prägen ihre liebevolle und offene Beziehung zu ihrer 20-jährigen Enkelin Evelien. Es scheint, als gäbe es nichts, was sich die beiden nicht erzählen würden, vor allem, wenn es um die Liebe geht. Während Evelien gerade die ersten Konflikte mit ihrem Freund Björn durchlebt, ist Emmas Tochter Jacky in einer unglücklichen Beziehung mit dem verheirateten Werner gefangen. In der Hoffnung, ihrer eigenen Einsamkeit zu entkommen, erklärt Jacky nach dem Tod des Vaters Emma zu ihrem «persönlichen Pflegefall». Trickreich und mit Humor versucht Emma, der dominanten Fürsorge Jackys und deren Auffassung, wie Emmas Leben als Witwe zu verlaufen hat, zu entfliehen. So erzählt sie zwar Evelien aber nicht Jacky davon, dass Gerard nach der Beerdigung über Facebook mit ihr Kontakt aufgenommen hat. Die Tochter ermutigt die Mutter, sich mit Gerard zu treffen, um über alte Zeiten zu sprechen. Aber Emma kneift und versetzt Gerard. Doch der bleibt hartnäckig.

Eines Abends steht Gerard mit einem Strauss Blumen vor Emmas Tür. Dieses Mal nehmen sie sich Zeit, um über ihr Leben und ihre gemeinsamen Erinnerungen zu sprechen. Gerard ist Schriftsteller. Er kümmert sich um seinen Bruder Karel, der, einst begnadeter Konzertpianist, jetzt in einem Pflegeheim lebt. Gerard war zweimal verheiratet und hat einen Sohn aus jeder Ehe. «Du hast eben nie die Richtige gefunden», versucht ihn Emma zu trösten. «Doch, ein Mal», erwidert er.

Ein kleiner, feiner Altersliebesfilm

Dem britisch-schweizerischen Schriftsteller und Philosophen Alain de Botton folgend, konzentrieren wir uns beim Thema Liebe meist auf den Anfang und das Ende, und damit die Komödie und die Tragödie, und vergessen, dass es dazwischen die Dauer, das Normale, das «Gewöhnliche» gibt. «Hinter den Wolken» von Cecilia Verheyden bewegt sich im Raum des «gewöhnlichen Liebens», wenn auch speziell, dass die Akteur um die Siebzig sind. Ansonsten geschieht hier nichts Ausserordentliches, nichts Sensationelles und nichts Tragisches. Das aber gefällt mir an diesem Film. Man kann es vorhersehbar nennen, eben so, wie im Alltag, man kann es alltäglich nennen, eben so wie im Leben. Schön, dass eine junge Regisseurin dies so versucht hat. Und dass die zwei grossen belgischen Regisseure, die Gebrüder Dardenne, ihr die Gelegenheit dazu geboten, ihr den Film produziert haben.

Aus einem Interview mit der Regisseurin Cecilia Verheyden

Verfilmungen von Theaterstückens sind immer eine komplexe Sache. Ausgerechnet für Ihren Debütfilm haben Sie sich für eine Theatervorlage entschieden.

Als ich das Theaterstück sah, spürte ich sofort, dass darin eine Geschichte für einen Film steckt. Mir war aber sehr wichtig, dass ich mir diese Geschichte aneigne. Bei Autorenfilmen geht man als Regisseur oft von einer eigenen Idee aus, von einer Geschichte, die man selbst entwickelt. Hier aber ging es um ein Theaterstück, an dem drei Menschen – die beiden Schauspieler und der Theaterregisseur – bereits seit Jahren arbeiteten. Es war also wichtig, dass «Hinter den Wolken» auch zu meiner Geschichte wird. Und ich musste viele Gründe haben, sie zu erzählen.

Welche Gründe haben Sie gefunden?

Michael De Cock, der Theaterautor und mein Drehbuchautor, und ich sind gemeinsam auf die Suche nach einem neuen Zugang zur Geschichte gegangen. Das ist auf sehr natürliche Art und Weise geschehen. Zum Beispiel ist mir die Erzähllinie zwischen Grossmutter und Enkelin sehr wichtig. Die Beziehung zwischen den beiden ist vergleichbar mit der, die ich zu meiner eigenen Grossmutter habe. Sie hat mir bei dem Film sehr geholfen. Abgesehen von den vielen Gesprächen mit ihr durften wir auch in ihrem Haus filmen. Sie wohnt dort immer noch und ich besuche sie fast jede Woche. Auch die anderen Drehorte, die sich grösstenteils in Leuven befinden, habe ich selbst ausgewählt. So fühlte sich «Hinter den Wolken» mehr und mehr wie meine eigene Geschichte an.

Wie haben Sie die visuelle Umsetzung der Geschichte entwickelt?

Bei den ersten Drehbuchfassungen spielte die Geschichte noch in einem Herrenhaus in der Stadt. Aber ich hatte allmählich immer mehr das Haus meiner Grossmutter vor Augen. Von dem Moment an, als sie ihr Einverständnis gab, bekam der Film für mich eine visuelle Gestalt. Von da an konnte ich beginnen, bestimmte Szenen konkret auszufüllen. Wenn man bei einem Drehort spürt, dass er der richtige ist, um die Geschichte zu erzählen, kommen die Szenen im Grunde von ganz alleine. Das Haus meiner Grossmutter hat mich so inspiriert und die Bildsprache von «Hinter den Wolken» im Grunde mitbestimmt. Visuell durfte der Film nicht zu altbacken und zu klassisch daherkommen. Ich möchte die Zuschauer vergessen lassen, dass sie einen Film mit älteren Menschen sehen, denn die Fragen und die Zweifel der beiden Hauptfiguren sind im Grunde dieselben wie von jungen Menschen. Deshalb musste sich der Film sehr frisch anfühlen.

Sie haben sich für die Hauptrollen Ihres Debütfilmes mit Chris Lomme und Jo De Meyere zwei der grössten belgischen Theater- und Filmschauspieler ausgesucht. War das nicht etwas beängstigend?

Angst ist ein grosses Wort, aber ein bisschen eingeschüchtert war ich schon. Nicht nur wegen ihrer Bekanntheit und ihrer Erfahrung, sondern auch, weil es um ein Stück ging, das für sie so persönlich ist und das die beiden so gut kennen. Wer war ich schon, dass ich ihnen sagen konnte, wie sie es zu spielen haben? Glücklicherweise gehören Jo und Chris einer Schauspielergeneration an, die ihren Regisseuren sehr viel Respekt entgegenbringt, egal, wer sie sind oder woher sie kommen. Dadurch hat die Zusammenarbeit ganz toll funktioniert, und meine eigene Arbeit wurde besser, und ich konnte an ihr wachsen.

Titelbild: Nach fünfzig Jahren wieder vereint

Regie: Cecilia Verheyden, Produktion: 2016, Länge: 108 min, Verleih: cinejoy