Kultur

Léopold Rabus - Le mystère de Rabus

Das Museum Langmatt in Baden zeigt Werke vom Neuenburger Künstler Léopold Rabus.

Léopold Rabus (*1977) lebt und arbeitet in Neuchâtel. Er zählt zu den begabtesten figurativen Malern der Schweiz und ist mittlerweile in Belgien, Holland, Frankreich und Deutschland bekannter als in der Schweiz. Seine detailreichen Bilder leuchten in die dunkelsten Winkel menschlicher Existenz. Die Ausstellung zeigt grossformatige Arbeiten der letzten zwei Jahre, darunter einige, die für die Ausstellung neu entstanden sind.

Léopold Rabus, L’homme trempant un tissu dans une flaque, 2016, Öl auf Leinwand, 230 x 300 cm, Courtesy aeroplastics, Brüssel

Léopold Rabus findet seine Figuren und Schauplätze in seiner unmittelbaren Umgebung. Spaziergänge sind für ihn Entdeckungsreisen zu verlassenen Gartenhäusern, Holzhütten oder von hohen Hecken zugewachsenen Einfamilienhäusern. Hier begegnet er älteren in ihre Gartenarbeit vertiefte Menschen, aber auch verschrobenen Einzelgängern am Rande der Gesellschaft. Rabus zeigt seine Figuren in einem Moment konzentrierten Tuns. Sie sind intensiv beschäftigt, aber womit eigentlich? Dargestellt sind sie oft in der Nacht, nur spärlich, dafür umso pointierter beleuchtet. Gespenstischer Schrecken und skurriler Humor flackern gleichermassen auf.

Wie seine intensiv beschäftigten Figuren, ist auch Rabus äusserst diszipliniert: Er steht früh auf, bringt die Kinder zur Schule, malt im Atelier, holt die Kinder wieder ab – und wenn einmal die Inspiration ausbleibt, unternimmt er Spaziergänge in die nähere und weitere Umgebung, um neue Motive zu entdecken und zu fotografieren. Die Leute kennen diesen Flâneur und er kennt sie. In seinen Gemälden tauchen sie manchmal auf.

Léopold Rabus, Jardin, 2015, Öl auf Leinwand, 220 x 300 cm, Courtesy aeroplastics, Brüssel

Mir kommt ein déjà-vu entgegen, wenn ich die Galerie des Museums Langmatt betrete. Die Atmosphäre der grossformatigen Gemälde mit den Landschaften, Hütten und Vogeldarstellungen erinnern mich an das Chalet unserer Grosseltern im Neuenburger Jura, wo die Holzwände tapeziert waren mit Reproduktionen kleinformatiger Bildchen von Vögeln, Bienen oder Schmetterlingen, so wie sie auch von Léopold Rabus in den Vitrinen des Museums ausgestellt sind. Allerdings sind seine Vogeldarstellungen mit verdoppelten Augen und Schnäbeln mitunter skurril verfremdet. Mitten im Ausstellungsraum sind auch Rabus Objekte mit spezifischem Duft aufgebaut und wecken alte Erinnerungen an den Jura: Es sind vier einzelne Bienenhäuschen und eine Blechtonne. Sie stammen ursprünglich aus der realen Welt der Imker. Der Künstler hat sie jedoch bearbeitet und mit einer dicken Schicht Bienenwachs überzogen und so zu Kunstobjekten verwandelt.

Blick in die Ausstellung. Museum Langmatt. Foto: Ruth Vuilleumier

Rabus grossformatige Landschaften sind nicht im romantischen style sapin der Neuenburger Jugendstilmalerei gehalten, sondern in jedem seiner Bilder steckt ein abgründiges Geheimnis, ein Bilderrätsel, ein „Rebus“ im Wortspiel mit seinem Namen. Seine Bilder regen an, an eigene Erinnerungen anzuknüpfen und Geschichten zu erfinden. Dies hat den Ausstellungsmacher Markus Stegmann dazu bewogen, statt eines wissenschaftlichen Katalogs, eine Erzählung zu den ausgestellten Bildern zu schreiben. Dieses kleine Buch „Die Entzifferung der Welt“ ist mit zwölf Farbabbildungen illustriert. Der Text verleiht den Figuren auf den Bildern eine Stimme, lässt sie sprechen und denken.

Léopold Rabus, Femme tenant un miroir, 2017, Öl auf Leinwand, 50 x 30 cm

Léopold Rabus ist ein Maler der Gegensätze. Entweder malt er ganz kleine Bildchen oder dann ganz grosse Formate. Entweder sind die Kompositionen dunkel mit nur vereinzelten Lichtquellen ausgestattet oder sie sind extrem hell. Alle seine überaus grossformatigen figurativen Bilder malt er in Öl auf Leinwand. Einzelne Stellen sind altmeisterlich, präzis und naturalistisch gemalt, andere sind mit einem dünnen Farbauftrag flächig gehalten oder mit dickem Farbmaterial pastos gepflastert. Für die Bildgebung greift Rabus auf seine umfassende und nach Motiven geordnete Fotosammlung zurück. Für eine Komposition benutzt er mehrere Fotoausschnitte als Vorlage und ergänzt sie mit Szenen aus eigenen Erinnerungen, flashbacks und Träumen.

Léopold Rabus, Eclosion, 2016, Öl auf Leinwand, 250 x 150 cm, Courtesy aeroplastics, Brüssel

Für den Betrachter gibt es kein Ruhen im Bild. Die Augen bleiben in Bewegung. Zuerst lenkt man den Blick dahin, wo alles klar fokussiert erscheint, dann wandert er weiter von einem Fokus zum andern und man versucht zu verstehen, was denn eigentlich wirklich dargestellt ist. Doch je mehr man hinschaut, umso beunruhigender und absurder erscheint die Szene. Auf dem hellen, fast überbelichteten Bild Chats et fauteuils sehen wir zwei Katzen, eine frisst aus ihrer Schale, die andere verschwindet gerade hinter einem grossen bunten Blumenstrauss, der neben dem ausladenden Fauteuil steht. Und was sehen wir auf der Sitzfläche des Fauteuils? Ein Frauenkopf versteckt sich auf der Sitzfläche, doch der Körper fehlt, dafür stehen vermutlich Feuerwerkskörper auf einer aufgerissenen Packung oder vielleicht ist es doch eher ein Tuch? Auf La nuée freuen wir uns über die klar erkennbare Hühnerschar, die wie mit einem Theaterspot von oben links scharf beleuchtet wird. Die Hühner mit dem aufgeplusterten Hahn scheinen sich in dem dunklen Stall wohl zu fühlen. Doch was sehen wir denn unten links, könnte es ein entfiedertes totes Huhn sein? So genau ist das nicht erkennbar. Beunruhigt schaut man immer wieder hin, um sich zu vergewissern, was es denn sein könnte.

Léopold Rabus, La nuée, 2014, Öl auf Leinwand, 210 x 300 cm, Courtesy aeroplastics, Brüssel

Mit dem Verstand stossen wir rasch an unsere Grenzen und springen auf eine andere Ebene. Sich in Rabus Bildwelt einlassen, darüber rätseln, diskutieren, vorurteilslos zulassen, was hochkommt an Gefühlen, Assoziationen, Erinnerungen; das kann frustrierend sein, aber ebenso faszinierend. Das Geschaute bleibt ein Mysterium. Aber der Künstler führt uns mit seinen Bildern wie durch ein Fenster zu uns selbst und am Ende zu unseren eigenen Geschichten.

Die Ausstellung im Museum Langmatt dauert noch bis 3. September 2017.
Begleitpublikation: Markus Stegmann, Die Entzifferung der Welt. Eine Erzählung zu Bildern von Léopold Rabus, Verlag Hatje Cantz, Berlin, deutsch/französisch, 2017, 83 Seiten, Fr. 19.80 .

Alle Bilder (ausser der Museumsansicht): © Museum Langmatt