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Digitalisierung & Alter

Geldautomaten oder Einkauf im Internet. Für ältere Menschen eine schwierige Umstellung. Werden sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen? Bei einer Tagung suchte man nach Lösungen.

Die Digitalisierung der Dienstleistungen schreitet stetig voran, der persönliche Direktkontakt geht zunehmend verloren – gerade für ältere Menschen oft eine schwierige Umstellung.

Vorträge und Workshops im Bürgelasyl Stein am Rhein

Zusammen mit dem Think Tank Thurgau (TTT) organisierte das Interdisziplinäre Kompetenzzentrum Alter der Hochschule für Angewandte Wissenchaft FHS St. Gallen die Tagung „Digitalisierung & Alter – Nutzung digitaler Dienstleistungen bei Menschen 65+“ im Bürgerasyl in Stein am Rhein.

Prof. Dr. Sabine Misoch wies auf die industrielle Revolution ab dem 18. Jahrhundert hin, die in der

Folge tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen verursacht hatte. Ab dem 20. Jahrhundert fand der Umbruch von der analogen zur digitalen Technik statt: die digitalen Codes haben sich durchgesetzt. Die Digitalisierung führte zu einem Strukturwandel verschiedener gesellschaftlicher Bereiche – von der Wirtschaft über die Kommunikation bis zu den Dienstleistungen –  hin.

„Zunehmend werden diese über elektronische Medien verbreitet und der persönliche Kundenkontakt nimmt ab. Die Digitalisierung kann sozusagen zu sozialen Ungleichheiten im Alter führen“, führte sie aus.

Die Hochschule führte von März bis Juli 2017 eine Erhebung durch und stellte fest, dass viele, vor allem Männer, sich bei der Nutzung digitaler Dienstleistungen wohl fühlten. Andere wieder nicht. Sie sagten:“Ich traue den Verschlüsselungen und den möglichen Trojanern nicht.“ Oder „Eine komplette Vernetzung unserer Daten ist gefährlich.“

Die Ärztin Dr. med. Christiane Brockes wies darauf hin, dass sich das Berufsbild des Arztes sehr

verändert hat und dass auch die Patienten, dank Google, besser informiert beim Arzt erscheinen. Inzwischen habe die Online-Beratung und Telemedizin zugenommen und das elektronische Patientendossier sei im Aufbau begriffen. Wichtig sei, dass trotz der Digitalisierung, der Patient im Mittelpunkt stehen müsse.

Dr. Michael Doh der Universität Heidelberg

zeigte die Situation in Deutschland auf. Man habe festgestellt, dass alte Leute, die sich mit der neuen Technik befassen gesünder seien, aktiver und mobiler. Sie hätten ein grösseres soziales Netzwerk, eine höhere Selbstwirksamkeit und eine höhere Lebenszufriedenheit. Die Wissensvermittlung von Alt zu Alt sei vorzuziehen.

 

Adrian Bossart von der Migros klärte auf, wie der Lebensmittelkonzern getreu seines Gründers Gottlieb Duttweiler Brücken zur Digitalisierung baue. Es stehen verschiedene Apps und  Bezahlmöglichkeiten zur Verfügung. Seit 2014 haben drei Millionen Kunden die Apps benutzt.

Die Zukunft des Einkaufens beginne heute. Mit Discover, der neuen Funktion in der Migros App. Discover erkennt über 5000 verpackte Migros-Produkte via Smartphone-Kamera und täglich werden es mehr. So haben Sie heute bereits Zugriff auf 2000 Migusto-Rezepte, 80’000 Echtzeit-Produktbewertungen der Plattform Migipedia sowie auf Nährwerte und weitere Produkthinweise. Ob im Regal, zu Hause oder im Migros-Magazin. Also immer und überall.

Vor – und Nachteile bei den SBB erklärte Beat Vollenwyder

Beat Vollenwyder von den SBB sprach über die digitale Barrierefreiheit und wollte vor allem von den Teilnehmern wissen, wo der Schuh drückt und vernahm beispielsweise, dass man sich wünscht, dass das Zugspersonal besser über die SBB-Apps Bescheid wissen sollte. Und dass bei den Automaten die Billette-Ausgabe zu tief angeordnet sei. Man wünschte sich einen sprechenden Automaten und bessere Informationen über die verschiedenen Streckenmöglichkeiten. In den Zügen mehr Steckdosen und den Swiss Pass als Karte statt des iPhones.

Ganz neue Wege gehen Thomas Brunner, Admir Trnjanin und Jakob Schnyder, die sich während der Studienzeit an der Hochschule Luzern kennenlernten haben. Sie gründeten die Firma Rentnerado.

Bei Rentnerado, als generationsübergreifende Gemeinschaft, können zum Beispiel komplexe Aufgaben aus den Bereichen Finanzen,

Buchhaltung, Ingenieurswesen oder sprachliche Fähigkeiten durch eine Rentnerinnen/Rentner gelöst werden. Gerne wird auch liebevolle Gartenarbeit angeboten, oder wenn es darum geht, den Hund Gassi zu führen. Bei einer stetig wachsenden Zahl von Nutzern war es den eingetragenen Rentnern schon bald möglich, über Rentnerado Aufträge entgegenzunehmen. In über 465 Schweizer Gemeinden bietet Rentnerado heute einen einfachen Zugang zu wertvollem Know-How und langjähriger Erfahrung.

Sabine Brenner
Die Bundesstrategie „Digitale Schweiz“ erklärte Sabine Brenner vom Bundesamt für Kommunikation. Der Bund sei zu 100 Prozent für den Internetzugang und verfolge alle Projekte mit grossem Interesse. Vom Auto-Bordcomputer über den Pflegecomputer bis zur Strategie der digitalen Schweiz. Vom Fernmeldegesetzt über eine leichte Sprache für Behinderte bis zur Sicherheit im Alter. „Nicht alles lässt sich digitalisieren“, stellte Sabine Brenner fest.

In der folgenden Diskussion hielt sie fest, man solle den Staat mit der Zeit nicht mehr merken, sei aber noch weit davon entfernt.

Der Bund gibt die Broschüre „Geschichten aus dem Internet“ heraus. Humorvoll und reich illustriert stellt sich die Familie Websters vor: „Willkommen in unserer ganz normal verrückten Familie. Wir reden Klartext, wenn’s ums Internet geht. Denn da tummeln wir uns genauso, wie viele andere Familien – und wie Gauner, Grüsel und andere dunkle Gestalten.“

Fotos: Screenshots, Josef Ritler

https://www.bakom.admin.ch/bakom/de/home/digital-und-internet.html

https://www.matthiasleutwyler.ch/the-websters

http://www.thewebsters.ch/de/

https://rentnerado.ch/ueber-rentnerado

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