Kultur

Liebeserklärung an Havanna

Fernando Pérez erzählt im Film «Últimos Días en La Habana» die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, mit Blick auf ein Kuba im Umbruch: ein schillerndes Kaleidoskop der Gesellschaft

Der Kubaner Fernando Pérez ist bei uns kein Unbekannter. Mit dem märchenhaften Spielfilm «La vida es silbar» hat er 1999 im Kino einen Grosserfolg erzielt, allein in der Schweiz haben mehr als 120 000 Leute den Film gesehen. Unvergessen auch «Suite Habana» von 2003, seine musikalisch-visuelle Liebeserklärung an seine Heimatstadt, die er auch in «Últimos días en La Habana» wieder besingt. Der Titel deutet es an: Es ist ein nostalgisch gefärbter Blick, ein sanft-ironischer Abgesang auf die Hauptstadt eines Landes, das einst viele Hoffnungen bündelte. Doch heute bröckelt es an allen Ecken und Enden, und es grenzt an ein Wunder, mit welcher Gelassenheit die Menschen die Situation tragen.

Die beiden Hauptfiguren Diego und Miguel in «Últimos Días en La Habana» sind Mitte 40 und leben in einer jener heruntergekommenen Wohnungen mitten in Havanna, in denen es so gut wie keine Wände mehr gibt und trotzdem so etwas wie Intimsphäre und vor allem Würde. Komfort ist hier ein Fremdwort, Lebenskunst der Alltag. Miguel lernt Englisch, weil er hofft, so ein Visum für die USA zu bekommen. Diego liegt mit Aids im Bett. Doch während der geschwächte Kranke versucht, seine Lebensfreude und den Humor zu erhalten, hat Miguel sich verschlossen, geht seinen Trott. Als sich Diegos Zustand verschlechtert, bringt dessen schwangere Nichte Yusi frische Luft in die Bude. Sie braucht eine Bleibe für sich, ihren Freund, das zukünftige Kind sowie zahlreiche Haustiere und hofft, nach Diegos Ableben die Wohnung übernehmen zu können.

Eine der hilfreichen Nachbarinnen von Diego und Miguel

Bleiben oder gehen?

Man kann den neuen Spielfilm von Fernando Pérez als eine nahtlose Fortsetzung von früheren Arbeiten sehen, denn Havanna ist seine Heimat. Der unvergleichlichen Stadt am Meer hat er immer wieder seine Geschichten entlockt, von ihr hat er sich verzaubern lassen und uns verzaubert. Bleiben oder Gehen? Das war schon in verschiedenen wichtigen Filmen der 1960er Jahre in Kuba eine zentrale Frage.

Pérez gehört zu denen, die sich fürs Bleiben entschieden haben, wobei er als renommierter Künstler stets frei reisen konnte. Seinen Filmen ist die Liebe zum eigenen Land anzumerken, gleichzeitig betrachtet er hier eine Gesellschaft, die sich kaum noch bewegt, obwohl sie sich auf immer wieder neue Situationen einstellen muss: flexibel, einfallsreich, mitunter listig.

Wie erleben jene, die bleiben, ihre Situation? Ohne sozialer Sentimentalität zu verfallen, zeichnen sich die im Film gezeigte Menschen durch ein intensives Miteinander, im Guten wie im Schlechten, aus. In «Últimos Días en La Habana» wird mehr geredet, palavert und gestritten als in den meisten Filmen. Das spricht für das Bleiben. Gehen dürfte eher auf ein Verstummen, auf Isolation hindeuten.

Und noch eine kleine persönliche Anmerkung: Mir scheint, Händels «Lascia ch’io pianga», das Miguel am Fernseher hört, während er seine Zukunft träumt, erinnere eindeutig an Händels «Ombra mai fù», das Marina am Schluss von «Una mujer fantástica» von Sebastián Lelio singt. Kommen sich da der Kubaner und der Chilene in ihrer Sehnsucht nicht sehr nahe?

Miguel macht seinen Job, hilft Diego und hofft, einmal auswandern zu können

Aus einem Gespräch mit Fernando Pérez

Die einzige Person, die im Film noch Lebensfreude ausstrahlt, ist ein Sterbenskranker. Kann man in Kuba nur noch lachen, wenn man nichts mehr zu verlieren hat?

Nein, überhaupt nicht. Die Figur des todkranken, ans Bett gefesselten Diego steht exemplarisch für einen typischen Charakterzug, der uns Kubaner auszeichnet: Wir machen Witze und lachen auch dann noch, wenn es eigentlich nichts mehr zu lachen gibt. Und dass man, wie Diego im Film, vor dem Tod eine Art Galgenhumor entwickelt und noch einmal so richtig leben will, auch wenn man die Kraft dazu nicht mehr hat, ist wahrscheinlich gar nicht so sehr nur kubanisch, sondern zutiefst menschlich.

Diego ist schwul, die andere Hauptfigur hat nur noch einen Wunsch: Weg von der Insel. Seit dem Film «Fresa y chocolate» (1993) sind die Themen Homosexualität und Auswanderung omnipräsent in Kubas Kino. Warum müssen sich Filmschaffende an diesen Themen abarbeiten?

Die Emigration ist seit der Revolution 1959 ein Dauerbrenner. Etwa drei Millionen Menschen haben seither das Land verlassen; der Exodus ist massiv und reisst nicht ab. Fast jede kubanische Familie ist davon betroffen. Dieses Auseinandergerissen- und Getrenntsein ist eine grosse, stille Tragödie, mit der fast alle von uns tagtäglich leben müssen. Das Thema ist unerschöpflich, und viele Geschichten sind noch nicht erzählt. Unsere Politik und Medien behandeln das Thema in abstrakten Zahlen, reden aber nie von den Ursachen und den wahren Dramen, die sich dahinter verstecken. Sie sind bis heute ein Tabu.

Mit der Homosexualität ist es genauso. Das Thema war lange Zeit ein absolutes Tabu, Homosexuelle wurden diskriminiert, verfolgt und sogar eingesperrt. «Fresa y chocolate» war der erste Film, der die in unserer Macho-Gesellschaft völlig unterdrückte Frage aufgriff. Der Film war ein Welterfolg, und in Kuba platzte eine grosse Blase. «Últimos días en La Habana» jedoch ist kein Film über Homosexualität, sondern über Freundschaft und wie diese stärker sein kann als alle möglichen Probleme und Differenzen. Diegos Homosexualität steht nur stellvertretend für das Anderssein und dafür, wie wir in Kuba mit Menschen umgehen, die anders sind und denken, in einer Gesellschaft, die angeblich so fortschrittlich und revolutionär ist, in Tat und Wahrheit aber in vielem konservativ, dogmatisch und intolerant geworden ist.

Wie schaffen die Kubaner und auch Sie in Ihren Filmen eigentlich den permanenten Spagat zwischen Tristesse und Humor, zwischen Desillusion und der Leichtigkeit, aus jedem Problem einen Witz zu machen?

Erstmals, das ist sehr typisch für uns, ein tief verankerter Wesenszug von uns Kubanern. Woher das kommt und weshalb wir so sind, das weiss ich nicht. Es ist einfach in uns drin. Wenn man so will, ist es eine Art Fatalismus, der sicher auch mit der Geschichte Kubas zu tun hat, dem Kolonialismus, unserem Gemisch aus Spaniern und Afrikanern und auch mit der Nähe und unserem zwiespältigen Verhältnis zu den USA. Kuba war immer auch ein Spielball von Grossmächten, vielleicht auch daher dieser Hang, alles, was einem widerfährt, nicht allzu ernst zu nehmen. Humor ist ja auch eine Überlebensstrategie.

Manche Ihrer Filme, gerade auch «Últimos días en La Habana», erinnern mich an den Satz eines befreundeten Buchantiquars: Kuba ist das Land, das Träume weckt und vernichtet.

Ein schöner, fast schon literarischer Satz – und durchaus zutreffend für unser Land. Mein Gebiet sind aber nicht die Worte, sondern die Bilder. Nehmen wir Havanna als Beispiel: Wenn du durch die Strassen gehst, musst du anerkennen, Havanna ist in einem schrecklichen Zustand. Gleichzeitig triffst du in diesem allgemeinen Zerfall überall Menschen an, die eine ansteckende Vitalität verströmen, so dass du sagen musst, Havanna lebt und sprüht vor Energie, die geradezu explosiv ist: im Guten wie im Schlechten. Für mich ist Kuba trotz seines lamentablen Zustands nach wie vor ein Land, das Träume weckt, und ja, auch ein Land, wo viele Träume an der harten Realität zerschellen. Ich verallgemeinere nun ausnahmsweise doch einmal: Der Kubaner ist ein Träumer. Kuba lebt von Träumen: Träume, die man noch umsetzen will; Träume, die man verloren hat; Träume, die gescheitert sind und die man doch nicht aufgeben will; Träume, die wiederkehren.

Sie selber haben Kuba einmal als «einen möglichen Traum» bezeichnet. Welchen Traum?

Der Traum von einer besseren, gerechteren Welt. Kubas Revolution stand lange für diesen Traum, heute nicht mehr. Die Menschen hier haben andere Bedürfnisse, Sehnsüchte und Wünsche, doch der Traum ist deswegen nicht tot. Er lebt weiter und wird irgendwann zurückkehren, auch nach Kuba. Natürlich würde ich das gerne noch sehen, erleben und filmen. Aber sehr wahrscheinlich wird mir dieses Glück nicht beschieden sein. Nun gut, wo immer ich dann auch sein werde, ich bin überzeugt, irgendwie werde ich es mitbekommen.

Ausschnitt aus dem Interview von Niels Walter, Havanna. Das ganze Interview findet sich im trigon-Magazin Nr. 78.

Titelbild: Diego, todkrank und unternehmungslustig

Regie: Fernando Pérez, Produktion: 2016, Länge: Verleih: trigon-film

Ab 2. November im Kino