Satirische Gedankensplitter: Es darf geschmunzelt werden!
Der junge, strebsame Mann – nennen wir ihn Wendelin Schweizer – war durch und durch sauber und korrekt. Und wie es sich für einen properen Jüngling gehört, las er pflichtbewusst und aufmerksam regelmässig die Tageszeitung. Und dort ganz besonders die Nachrufe auf Verstorbene. Mit leuchtenden Augen sog Wendelin die meist pathetischen Worte voller Lobes über die Dahingeschiedenen in sich auf, und die Grossmütigkeit, die Güte – all die vielen positiven Taten ohne den geringsten Fehl und Tadel während eines langen Lebens rührten ihn wahrhaftig zu Tränen.
Und mit der Zeit hatte er bloss noch einen Wunsch, nur noch ein Ziel vor Augen: «Einen solchen Nachruf möchte ich auch mal haben – einen solchen Lebenslauf attestiert bekommen, der vor Edelmut nur so trieft!», wobei er der letzten, etwas frivolen Formulierung wegen vor Scham gleich errötete.
Fortan lebte er noch sauberer und korrekter, liess sich nicht den Anflug eines Fehlerchens zu Schulden kommen. Er trat dem Kaninchenzüchterverein bei, der Feuerwehr und dem Verein, welcher die Kinderkrippe betrieb, auf dass sein Lebenslauf noch reichhaltiger ausfallen würde. Nein, seinem cholerischen Chef bot er nie Paroli, häufte klag- und protestlos Überstunden um Überstunden an, die selbstverständlich später weggestrichen wurden. Als die Lehrerin wegen eines läppischen zu kurzen Röckchens seiner Jüngsten telefonisch intervenierte, trug das Mädchen am nächsten Tag selbstverständlich lange Hosen. Und dem Nachbarn, der ihn ständig wegen des (gar nicht vorhandenen) Unkrauts an der Gartengrenze plagte, brachte er zu Weihnachten eine Flasche Wein. Obwohl dieser letzten Sommer, als Wendelins Frau in einer lauen Sommernacht auf dem Sitzplatz im Garten wegen akuten Heuschnupfens niessen musste, die Polizei kommen liess von wegen «Nachtruhestörung».
Nein, der Lebensweg unseres unterdessen nicht mehr ganz jungen Mannes verlief fadengerade wie eine Autobahn durch die amerikanische Wüste – da war kein Schwenker drin, nicht die leichteste Kurve – einfach alles so richtig langweilig korrekt.
Je älter er wurde, umso mehr freute sich Wendelin über seinen sauberen Lebenswandel, der zwangsläufig und unaufhaltsam auf einen unnachahmlichen Nekrolog zu steuerte. Er malte sich seine Abdankung in allen Farben aus, deren Höhepunkt die Verlesung des untadeligen Lebenslaufs eines korrekten Eidgenossen sein würde, als Ergänzung zur tollen, umfangreichen Würdigung in der Tageszeitung.
Eines Tages, nach einem langen Leben ohne… – na Sie wissen ja – starb der alte Mann. Und es kam so, wie er sich alles vorgestellt hatte: der Nachruf in der Zeitung, das Blumenmeer in der Kirche und die riesigen Kränze auf dem Friedhof. Ein eindrückliches Ereignis, von dem die ganze Kleinstadt tagelang sprach.
Bloss etwas hatte Wendelin Schweizer nicht bedacht: Er erlebte seine pompöse Beerdigung nicht mehr.
