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Vor dem Sterben

Als Jacqueline von Kaenel erfährt, dass sie bald sterben wird, beginnt sie den Schlüssel ihres schwierigen Lebens zu suchen. Kaspar Kasics hat darüber «Das Erste und das Letzte» gedreht

In seinem letzten Film «Yes No Maybe» versuchte der 1952 in Interlaken geborene Kaspar Kasics zwei Paarbeziehungen, etwas konstruiert, zu beschreiben und von der Soziologin Eva Illouz und vom Philosophen Sven Hillenkamp zu kommentieren. In seinem neuen Film «Das Erste und das Letzte. Eine Frau, ein Leben, eine Erkenntnis» überlässt er, anstelle eigener Konstruktionen und Interpretationen, der Hauptperson, der Psychologin Jacqueline von Kaenel, Gestaltung und Deutung. Indem er ihr vollumfänglich das Wort erteilt, selbst nur wenig eingreift, wird der Film vielleicht etwas schwierig zu lesen, weil er fragmentarisch und sprunghaft daherkommt, jedoch als Ganzes das ehrliche, ungeschönte Dokument einer Frau ist, die kurz vor dem Tod sich intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt – und uns daran Anteil nehmen lässt.

Jacquelines Erzählung rollt ihr Lebenstrauma auf.

Anmerkungen des Regisseurs

«Als ich von einem Freund erfuhr, dass Jacqueline von Kaenel in zwei Monaten tot sein würde, war ich schockiert, hatte ich sie doch bei einer kurzen Begegnung wenige Monate vorher als äusserst lebendige und dynamische Frau kennengelernt. Ein halbes Jahr später überraschte mich der Freund mit der Bemerkung, sie sei nicht gestorben, sondern lebendiger denn je, obwohl sie wisse, dass sie keinerlei Überlebenschance habe. Es sei unglaublich, wie sie mit der absurden Situation, sich im Wartsaal des Todes zu befinden, umgehe. Ich konnte mir nichts Genaueres darunter vorstellen. Ihre Situation begann mich zu beschäftigen, und ich meldete mich telefonisch bei ihr. Nachdem ich ihr zugesichert hatte, dass mich nicht ihr Sterben, sondern ihr Umgang mit dieser elementaren existenziellen Situation interessiere, war sie bereit, sich auf das Experiment eines Films einzulassen. Aber nur solange, bis das eigentliche Sterben beginne. Das Ganze war auch für mich ein Experiment, denn Zeit für Vorbereitungen oder Konzepte blieb nicht. Für mich war aber klar, dass ich sie nicht in ihrem gewohnten Alltag filmen, sondern ihr zuerst einmal zuhören wollte. Dabei wusste ich nicht, was mich erwartete.

Wir begannen mit einem filmischen Gespräch, das sich über fast ein Jahr hinzog. Jacqueline überraschte mich, weil sie sich vor der Kamera auf eine grosse Reise begab, eine innere Reise, eine Erinnerungsreise zurück in ihr gelebtes Leben. Sie wollte in der ihr verbleibenden Zeit keine Berge besteigen oder das Meer nochmals sehen. Sie wollte herausfinden, warum ihr Leben so verlaufen ist, wie es verlief. Sie wollte die Zusammenhänge erkennen, die ihr Leben prägten und bestimmten. Sie wollte den Schlüssel zu ihrem Leben finden. Wie sie es selbst ausdrückte, kam ihr der nahende Tod zu Hilfe. Er bot ihr die Chance, sich selbst nicht mehr zu schonen, die Chance, ihr Leben nunmehr angstfrei und ohne Skrupel anzuschauen und zu erkennen, warum es so und nicht anders verlaufen ist. Vor allem zu erkennen, wie ihr Leben und Sterben, wie alles mit ihrer frühen Kindheit zusammenhängt.»

Die Eltern von Jacqueline von Kaenel

Auf dem Weg in die Vergangenheit

Schonungslos blickt Jacqueline von Kaenel zurück und stellt fest, dass in ihrem Leben alles mit allem zusammenhängt: ihre Jugend im Franco-Spanien mit der preussischen Herkunft ihrer Mutter, ihre Sehnsucht nach Musik mit dem Wunsch nach einem starken Mann, ihr Versuch, als Mutter perfekt zu sein, mit dem Kampf, ihre Identität zu finden. Teils unvermittelt, teils assoziativ tauchen Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend auf. Diese bringen die Chronologie ihrer Erzählung durcheinander und zwingen uns, Zusammenhänge zu erkennen, zu erklären und zu verstehen.

Sie und ihre drei Geschwister hatten alles in die Zukunft projiziert: Wenn ich mal gross bin, dann werde ich frei sein. Das glaubt Jaqueline ein Leben lang, merkte erst spät, dass man alles mitnimmt: die Mutter, den Vater, die Regeln, die einem überstülpt wurden und dann in sich trägt. Eindrücklich die Gewohnheit ihrer Mutter, die Bilder ihrer Kinder samt Geburtsdatum wie eine Trophäe am Armband mit sich zu tragen. Die vier Kinder mussten Musikstunden nehmen, weil der Vater spielte und weil Musik Ordnung schafft und von Regeln lebt. Sie waren in strenger Hausordnung nummeriert, bekamen Aufträge, die sie sofort zu erfüllen hatten. Sie trugen die von der Mutter verfertigte Kleider an den vorgeschriebenen Tagen, um damit aufzufallen. Mutter und Vater genossen ihr Leben in den Kreisen der spanischen Oberschicht als schöner Schein.

Die rigide Disziplin ihrer Mutter gipfelte in brutalen, blutigen Auspeitschungen. Und ihre Grossmutter mit preussischer Vergangenheit schrieb der Mutter an Weihnachten 1939 ins Tagebuch: «Wer mit dem Leben spielt, kommt nicht zurecht. Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht.» In diesem rigiden Milieu also erlebte sich Jaqueline zeitlebens als ungenügend, ungeliebt, als «Schadensfall». Die täglich erlebte Angst vor der Mutter löste bei ihr neue Angst aus, sie könnte ihre eigenen Söhne ebenso falsch behandelt. Dass sie jedoch schon während ihres Berufslebens ihre Verwundungen erfolgreich verarbeiten konnte, belegt die Tatsache, dass Jaqueline eine gefragte Kinderpsychologin und Mütterberaterin wurde – und lässt hoffen, dass auch solche in der Jugend erlebte Unmenschlichkeiten einmal überwunden werden können.

Reich und glücklich, doch nur zum Schein

Die Leistung von Kaspar Kasics und von Jacqueline von Kaenel

Im Dokumentarfilm «Das Erste und das Letzte. Eine Frau, ein Leben, eine Erkenntnis» bietet Kaspar Kasics Jacqueline von Kaenel Plattform für ihre Aussagen. Diese formuliert klar und reflektiert, meist frontal in die Kamera, erlaubt keine Fragen und Unterbrüche. Ergänzt werden ihre Worte mit Fotos aus dem Leben der Familie, Filmaufnahmen zu Hause und im Spital, einigen auf der Leinwand animierten Zeichnungen von Anja Kofmel, die vielleicht als Ergänzung oder Einstimmung gedacht sind, sowie eine Hintergrundmusik, die zur Anteilnahme einlädt.

Die Rückschau Jacquelines lässt uns ihren Leidensweg nachvollziehen, die Vorschau auf das nahe Sterben ihre neuen Einsichten verstehen. Die verbleibende Zeit erweist sich für sie – und wohl auch für uns – als Chance, das Leben als Ganzes besser zu verstehen und sich mit dem Tod als Teil des Lebens anzufreunden. Gegen Schluss weiss Jaqueline, sie hat überwunden, was ihr im Leben als Wahnsinn und Absurdität aufgelastet war. Jetzt kann sich der Lebenskreis schliessen. Und der Film, der sich nicht durch cineastische Bravour und Extravaganz auszeichnet, verlangt den Rückbezug auf unser Leben. Dann aber kann er wichtig, bedeutend, existenziell werden.

Titelbild: Jacqueline mit ihren Geschwistern

Regie: Kaspar Kasics, Produktion: 2018, Länge: 90 min, Verleih: Vinca Film, Sterben, Trauma

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