FrontKolumnenBraucht die Kirche einen Urknall?

Braucht die Kirche einen Urknall?

Das Kloster zurückbauen? Diese Frage stellt der Benediktiner Martin Werlen in seinem neuen Buch: „Zu spät“. Mit der Frage will er deutlich machen, worum es ihm geht.

Das Buch ist fesselnd geschrieben, wird spannend vorwärts getrieben und überzeugt durch seine Eindringlichkeit. Verblüffend ist, wie der Autor an seine persönlichen Erfahrungen anknüpft, ohne sich dadurch in den Vordergrund zu spielen. Da wären zu nennen: der „Knalleffekt“, „die Glut unter der Asche“ und der schwere Sportunfall, den er 2012 erlitt.

Aber es kommen auch andere zu Wort. Da begegnen wir immer wieder der Geschichte des Propheten Jona im Fischbauch aus dem Alten Testament. Paul Burkhard hat daraus ein Musical gemacht. Auch Psalmen fehlen nicht. Dietrich Bonhoeffer wird zitiert, ebenso Silja Walter.

Gedenktag für einen Sünder

Wir treffen aber auch auf Papst Franziskus, dem Martin Werlen raten würde, dem heiligen Dysmas im Kirchenjahr einen Feiertag einzurichten. Damit hat er bei mir offene Türen eingerannt. Denn Dysmas heisst der Verbrecher, der an Jesu Seite am Kreuz hing und die Verheissung erhielt, dass er noch am selben Tag mit dem Herrn ins Paradies einziehen werde. Und Dysmas war für mich schon immer der Schutzpatron aller Gauner und Ganoven, für die sich im allerletzten Moment doch noch eine Chance eröffnen kann!

Das Buch beginnt mit einem Knall um drei Uhr in der Nacht. Dieser Knall weckt den Referenten Martin Werlen aus dem Schlaf im Hotelzimmer, das er nach einem offenbar eher enttäuschenden Vortragsabend in einer fremden Stadt bezogen hatte. Kunstvoll wird da in der Folge Verschiedenes miteinander verschlungen. Aber, um die Spannung abzubauen: die Ursache des Knalls war eine geborstene Scheibe der Duschkabine. Nur, das erfahren wir erst auf Seite 132!

Kirche und Fortschritt

Um was geht es dem Autor? Er empfindet die Situation der katholischen Kirche als dramatisch. Die Zahl der Priester und Ordensleute geht massiv zurück. Die Gottesdienstbesucher bleiben weg. Es fehlt die Hingabe, die Begeisterung. Martin Werlen beklagt das Fehlen des Feuers. Und deshalb will er die „Glut unter der Asche“ wieder entdecken, wie er schon in einem kürzeren Essai vor Jahren ausführte. Diesen früheren Text können wir im aktuellen Buch nachlesen. Genial! Ich hätte nicht gewusst, unter welcher Beige ich diese Broschüre bei mir hätte suchen müssen!

Das aktuelle Buch widmet sich demselben Thema, ist aber viel dichter geschrieben. Ich bekam den Eindruck, die Intensität des neuen Buches sei ein Gradmesser für die Verzweiflung des Autors über den gegenwärtigen Zustand der Kirche. Er beklagt, dass traditionalistische Gruppen veränderbare Traditionen zur unveränderbaren Tradition erklären und dadurch jegliches Fortschreiten hemmen. Ich muss gestehen, so einfach hat mir diesen Gegensatz noch niemand erklärt. Ja, er schreibt: “Wir sollten nicht übersehen, dass Jesus die härtesten Worte gegen festgefahrene Fromme richtet, nicht etwa gegen diejenigen, die von diesen als Sünderinnen und Sünder verachtet wurden. (vgl. Matthäus 23).»

Alte Mauern niederreissen

Und wie passt nun der Rückbau des Klosters Einsiedeln in diese Ausführungen und Gedankengänge hinein? Martin Werlen arbeitet immer wieder mit Beispielen. Als Beispiel nun das Niederreissen des 1704 gebauten Prunkbaus des Klosters Einsiedeln heranzuziehen, wirkt auf mich tollkühn. Das kann, das darf nur dieser Autor denken, aussprechen, niederschreiben. Er ist selbst Benediktinermönch. Er war von 2001 bis 2013 der 58. Abt des Klosters. In Kürze gesagt: er weiss, wovon er spricht!

Der gotische Vorgängerbau wurde 1704 auf Beschluss der Klostergemeinschaft abgerissen. Und ein damals „moderner Bau“, ein „barockes Gesamtkunstwerk“ wurde errichtet. Das passte, denn damals war der Abt von Einsiedeln auch weltlicher Fürst. Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Und deshalb wagt Martin Werlen die Frage: „Sollten wir nicht auch heute den Mut haben wie vor 300 Jahren, den Bau abzureissen und etwas Modernes zu errichten – in aller Schlichtheit, wie es dem Evangelium und unserer Berufung besser entsprechen würde?“

Ist es zu spät?

Natürlich ist Martin Werlen nicht naiv und sich all der Konsequenzen einer solchen Forderung wohl bewusst. Aber, er insistiert: „Das Klostergebäude ist nur eine der Traditionen. Und Traditionen müssen wir dann loslassen, wenn sie der Tradition im Wege stehen, der Treue zur Berufung“. Und einige Sätze weiter: „Ich bin überzeugt: Ein solches Glaubenszeugnis würde viel mehr Menschen zutiefst berühren und bewegen, als das je ein Gebäude tun kann. Glaubende sind gesucht. Glaubende, die loslassen können, weil sie dem trauen, den sie verkünden“.

Für Martin Werlen ist es fünf nach Zwölf für die katholische Kirche. Und er geht daran fast zugrunde. Aber dadurch wird seine Seele offen für alle die Erfahrungen von Menschen, die in Situationen der Hoffnungslosigkeit nicht aufgegeben haben und neu ins Leben gestartet sind. Diesen Weg ist er selbst gegangen, als er sich vor einigen Jahren nach einem schweren Sportunfall ins Leben zurückkämpfen musste. Diese Erfahrung machte der Prophet Jona im Alten Testament, als er ins Meer geworfen, von einem Fisch verschluckt, aber wieder ausgespuckt wurde und seinen Bestimmungsort Ninive doch noch erreichte.

Und diese Erfahrung ist im Text eines jahrhundertealten bekannten Liedes von John Newton (1725 – 1807) wundersam umschrieben und wird von Martin Werlen zitiert:

„Amazing grace, how sweet the sound,

That saved a wretch like me!

I once was lost, but now I am found,

Was blind, but now I see.“

Martin Werlen: „Zu spät. Eine Provokation für die Kirche. Hoffnung für alle.“ Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018-02-18. ISBN Print: 978-3-451-37519-4. ISBN E-Book: 978-3-451-81259-0

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