FrontKulturUnerfreulicher Frühling für den Rabbi

Unerfreulicher Frühling für den Rabbi

Schier unglaublich: Rabbi Kleins reiche Tante wird in ihrer Zürcher Wohnung vergiftet aufgefunden. Der Tod geht dem Rabbi nah – und er fördert bei seinen Ermittlungen Erschütterndes zu Tage.

Tante Bianca Himmelfarb aus Toronto ist vor ein paar Tagen zu ihren „europäischen Wochen“ in Zürich eingetroffen. Sie und ihre Schwester Ruth waren als Kinder von Deutschland über die Schweiz nach London vermittelt worden – unter dramatischen Umständen. Später emigrierte sie nach Kanada, wurde eine angesehene Geschäftsfrau und heiratete einen viel älteren, reichen Mann. Das Judentum war ihr fremd.

Nächste Woche wäre die Witwe 89 Jahre alt geworden. Nun wird sie von ihrer Haushälterin tot aufgefunden – mit konzentrierter Blausäure vergiftet. Rabbi Klein hatte die Tante am Vorabend ihres Todes besucht. Dabei hatte sie erwähnt, dass sie später noch jemanden empfangen wolle. Jemand, der ihr auf die Nerven gehe. In ihrer Agenda finden sich die Initialen B.v.H.

Auf dem Tisch neben der Toten liegt deren Brille und eine ältere Ausgabe der „Jerusalem Post“. Die Polizei findet auf dem Papier unbekannte Fingerabdrücke. Niemand weiss, was Himmelfarb an der Zeitschrift interessiert haben könnte.

Das Testament

Gewiss hatte Bianca Himmelfarb Feinde und Neider, keine Frage, wenn man einen erfolgreichen Konzern aufgebaut und teure Kunst gesammelt hat – und auch noch steinreich ist. Die ermittelnde Kommissarin Karin Bänziger wirft auch ein Auge auf Rabbi Klein. Er ist – neben der langjährigen Haushälterin Filomena Haas – der einzige, der einen Schlüssel zur Wohnung besitzt. Und er ist offenbar auch im Testament bedacht. Das gilt auch für die Haushälterin, sie soll die Wohnung am Zürichberg bekommen.

Das kommt deren Ehemann, der erfolglos ein Restaurant führt und verschuldet ist, nicht ungelegen. Er deutet an, mit der Dienstherrin seiner Frau über einen Erbvorbezug reden zu wollen. Am Tag danach ist Himmelfarb tot, der Schlüssel der Haushälterin ist verschwunden. Haas behauptet jedoch, er habe an jenem Abend auf der Strasse beobachtet, wie Himmelfarb mit einem Taxi nach Hause gekommen sei und über die Gegensprechanlage mit jemandem in ihrer Wohnung gesprochen habe.

Rabbi Klein ist als Erbe des Schweizer Kontos eingesetzt. Bei der Testaments-Eröffnung stellt sich heraus: Der Vermögens-Verwalter von Himmelfahrt hat – wohl in betrügerischer Absicht – ihr Konto geplündert und um mehr als eine Million ins Minus gewirtschaftet. Dabei hat er bei der Bank auch die Wohnung als Sicherheit angegeben. Die Sache ist kurz vor Himmelfarbs Tod aufgeflogen.

Geheimnis umwobene Bilder und der Buchhändler in Wien

Himmelfarb hat 1990 dem Kunstmuseum Toronto zehn Bilder des deutschen Expressionisten Friedrich Holper geschenkt. Die Herkunft der Bilder bleibt ungeklärt, deren Wert steigert sich aber erheblich. Die Bilder gehörten offenbar einem Juden in Österreich und galten als verschollen, bis sie bei Himmelfarb auftauchten.

Darüber gab es einige Aufregung, wie der aus Toronto angereiste Himmelfarb-Anwalt berichtet. Aber sonst gab es nie einen Skandal oder auch nur Gerede über die Verstorbene.

Viel will der Anwalt ohnehin nicht preisgeben. Aber dass Himmelfarb die Blausäure arglos getrunken haben soll, ist für ihn nicht plausibel. Er glaubt viel eher an einen erzwungenen Suizid.

Plötzlich erinnert sich Kleins Frau Rivka, dass Tante Himmelfarb zeitweise mit Briefen eines gewissen Baron Magnus von Hargelsberg aus Wien belästigt wurde. Von Hargelsberg betreibt dort eine libertäre Buchhandlung. Rabbi Klein will den Mann treffen – natürlich, noch bevor die Polizei auf diese mögliche Spur kommt.

Alfred Bodenheimer schätzen Krimi-Kenner als Autor der vergnüglichen Rabbi-Geschichten. Seine Krimis sind auch sehr detailreich mit jüdischem Brauchtum angereichert, manchmal fast zu sehr. Immerhin findet sich im Anhang ein hilfreiches Glossar. Dass die Geschichten spannend und auch nicht unnötig aufgeblasen sind, bereitet feinen Lesegenuss.

Alfred Bodenheimer: „Im Tal der Gebeine“, erschienen bei Nagel & Kiemche, 203 S., ISBN 978-3-312-01085-1

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