Kultur

William Kentridge: Ecce Homo Africanus

Der Künstler, Filmemacher und Regisseur William Kentridge aus Südafrika setzt sich mit Gewalt und Kolonialismus, Flucht und Vertreibung auseinander. Das Kunstmuseum Basel zeigt jetzt in einer grossen Retrospektive Werke eines der bedeutendsten Künstlers der Gegenwart.

Im Atelier ein Blatt Papier an der Wand, die Filmkamera auf dem Stativ in geeigneter Distanz – dazwischen der Mann mit Zeichenkohle und Radiergummi: Die Zeichnung entsteht in Einzelschritten: regelmässig geht der Mann nach dem Zeichnen oder Auswischen zur Kamera und nimmt ein Einzelbild auf: William Kentridge arbeitet an einem Animationsfilm. Am Ende bleibt eine zuvor vielfach veränderte Zeichnung – dem letzten Bild auf dem Film entsprechend und der aufwendig entstandene Film, der sich – wie fast das ganze Werk – um Kolonialismus, Unterdrückung, Leiden, Afrika dreht.

The Head and the Load. Film Still. 2018. Courtesy by the Artist

William Kentridge: A Poem That Is Not Our Own heisst die grosse Werkschau im Kunstmuseum Basel. Denn nichts gehört ihnen, den Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen der Kolonialgesellschaft, sie bekamen keine Stiefel, nicht einmal einen Sarg, steht in den Dokumenten aus dem ersten Weltkrieg, die zur grossen Theaterperformance The Head and the Load führten.

Video: More Sweetly Play the Dance 2015

Der umfangreichste Teil der William-Kentridge-Schau ist The Head and the Load gewidmet. Ursprünglich als Musiktheater-Performance konzipiert, in der Tate Modern und an der Ruhrtriennale aufgeführt, kann Basel das Multimedia-Universum erstmals in einer Museumsversion zeigen, mit Zeichnungen, Videos, Sounds, Bühnenprospekten, Dokumenten. The Head and the Load are the Troubles of the Neck – Des Nackens Leid sind Kopf und Last, sagt ein altes Sprichwort aus Ghana, von dem William Kentridge den Titel für seine neue Kreation borgt. Sie befasst sich visuell, musikalisch und choreographisch mit der Rolle Afrikas im Ersten Weltkrieg: Die Kolonialmächte verschleppten über zwei Millionen Afrikaner in den Krieg, wo sie vor allem als Träger von Waffen und Material eingesetzt wurden und zu Tausenden ums Leben kamen.

Hintergründe für das Theaterstück Sophia Town. 1989. Foto: E. Caflisch

Ein Merkpunkt ist das Bühnenbild für das Theaterstück Sophia Town 1989; es sind Zeichnungen auf riesigen, zusammengeklebten Packpapier-Bögen; eindrücklich und fast beängstigend unterstützt durch die Sounds im Raum evozieren sie die Ereignisse von 1954 bei der brutalen Gentrifizierung des Township, in dem die schwarze Bevölkerung zuvor Lebensfreude und Kreativität lebte.

Kentridges Kunst ist politisch, sie ist eine Lektion in Zeitgeschichte und ein deutlicher Fingerzeig gegen einstige und heutige Kolonialisten und Ausbeuter des Kontinents Afrika, aber auch Anklage gegen den üblichen Umgang mit Migration. Dennoch sind seine Arbeiten nicht nur schwer und ernst, er kann sich sehr humorvoll und witzig ausdrücken, ein später Dadaist, denn das Absurde sei „der einzige Weg uns unsere Welt zu erklären.“

Arc Procession: Develop, Catch up, Even Surpass. 1999. Foto © Julian Salinas

Beklemmend jedoch der gezeichnete wandfüllende Bogen Arc Procession: Develop, Catch up, Even Surpass von 1990: Entwickeln – Einholen- sogar Überholen steht über drastischen und gewalttätigen Szenen, eine Kritik der blinden Euphorie nach der Befreiung Südafrikas von der Apartheid. Und im selben Raum drei Zeichnungen von 1988, die als Kunst im Zustand der Gnade, der Belagerung, der Hoffnung vor Ende der Apartheid entstanden sind. Zur Zensur meint Kentridge, dass die Medien massiv zensuriert wurden, Sozialismus oder Sex sei streng geahndet worden, aber für Kunst habe es keine Kontrolle gegeben, selbst wenn sie sich politisch manifestierte: „Absurd!“

William Kentridge neben der Rekonstruktion der Studio-Situation für Drawing Lesson 50. Foto: E. Caflisch

Kentridge ist in der abendländischen Kunst tief verankert, auch das zeigt die Basler Ausstellung in mehrfacher Hinsicht. Unverkennbar die Anleihen bei Dadaisten wie Kurt Schwitters oder Expressionisten wie Max Beckmann und – Vorbild oder Parallelwelt Goyas Desastres de la Guerra. Selbst im Basler Kunstmuseum findet William Kentridge seine Meister.

Ubu Tells the Truth. 1997. Film Still © the artist

Eine seiner Drawing Lessons – eine Serie von selbstironisch die Arbeit reflektierenden Videos –, nämlich die Nummer 50, ist hier entstanden: William gibt dem zweiten William (beide in schwarzer Hose und weissem Hemd) eine Unterrichtsstunde im Zeichnen; das Video läuft auf einem Bildschirm im Hauptbau des Museums, der Ort des Geschehens dagegen, die Szene mit Tisch, Stühlen, Zeichenwerkzeug und sogar einem Blumenstrauss, steht im Gegenwartsmuseum. Skizzen berühmter Bilder aus der Sammlung, darunter Holbeins Erasmusporträt oder ein Picasso und ein Klee sind aufgepinnt, der Titel Learning from the Old Masters (In Praise of Folly) bezieht sich auf Erasmus‘ Rede Lob der Torheit.

Im Raum sind weitere Installationen, darunter die schmerzhaft schreiend laute, kinetische Arbeit mit alten Nähmaschinen und Schalltrichtern: Singer Trio, 2018, mit Musik von Nhlanhla Mahlangu. Es gibt aber auch Musik von Dmitri Shostakovich in dem verblüffenden Video auf dem Drehtisch, das sich erst im zylindrischen Spiegel im Zentrum entschlüsselt: What will Come (has already come) von 2007, (Reminiszenz an die Herkunft?).

What Will Come (Has Already Come), 2007 © the artist

William Kentridge, geboren in Johannesburg als Nachkomme von jüdischen Immigranten, die im 19. Jahrhundert vor Pogromen aus Osteuropa fliehen mussten, aufgewachsen in einer von Rassentrennung und Gewalt geprägten Welt. Seine Eltern, beide Rechtsanwälte, verteidigten regelmässig jene, die sich gegen die Apartheid auflehnten und angeklagt wurden, auch Nelson Mandela. Was er als Kind an Unrecht und Leid mitbekam, begleitet Kentridge ein Leben lang. Die Retrospektive, die nun im Museum für Gegenwartskunst, einem Haus des Kunstmuseums Basel läuft, steckt voller Beweisstücke.

Kentridge hat mit sechs Jahren zu zeichnen begonnen und – wie er sagt, „nie damit aufgehört.“ Wenn er skizziert, collagiert, assembliert oder aus schwarzem Papier Figuren ausreisst, ist vorerst nicht klar, ob es sich bei diesen Arbeiten um Vorarbeiten für Filme oder Theater handelt, oder ob es eigenständige Kunstwerke sind. Letztlich egal, in jeder Arbeit dieses Meisters aus der privilegierten Schicht Südafrikas zeigt sich seine Haltung: „Die Auseinandersetzung mit diesen Privilegien und der Schuld und Verantwortung, die diese mit sich bringen, sind tief in meine Arbeit eingeschrieben.“ Und da diese Schuld und Verantwortung weltweit reflektiert werden muss – Vergangenes, Gegenwart oder Zukunft betreffend – berührt einen diese Ausstellung ganz direkt: Kentridge erweist sich als Visionär der Geschichte und ihrer Wirkungen.

Aus: Ubu Tells the Truth, 1997, gezeigt im Verbindungsgang des Kunstmuseums. Foto: E. Caflisch

Das Haus Gegenwart am Rheinufer ist auf drei Stockwerken mit Zeichnungen, Installationen, Musik und Lärm, Film und Videos als philosophischer Reflexionsort über Gewalt und Geschichte, über Verlierer und Gewinner des Kolonialismus bespielt. Hauptbau und Neubau sind mit Videos und dem Film Ubu tells the Truth eingebunden. Wie nur kam die fette, wild gestikulierende Figur im 1997 entstandenen Ubu-Film zur auffälligen Ähnlichkeit mit dem aktuellen Präsidenten der USA?

Bis 13. Oktober
Hier finden Sie Informationen zum Besuch der Ausstellung William Kentridge