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Das Licht malen

Brigitte Kowanz und Otto Piene haben Bilder mit Licht und aus Licht gemacht – sehr unterschiedlich sowohl in der Theorie als auch bei der Umsetzung. Jetzt sind sie beide zugleich im Haus Konstruktiv in Zürich mit einer Ausstellung ins rechte Licht gesetzt.

Zufall sei das keinesfalls, sondern gewollt und geplant, sagt Museumsleiterin Sabine Schaschl, auf eine entsprechende Frage. Sie wollte die beiden Kreativen, denen das Licht Leinwand, Pinsel, Farbe ist, mit ihren Werken in einen Dialog bringen. Während Brigitte Kowanz› Installationen mit Neonlicht, Glas und Metall geformt sind, hat Otto Piene (1928-2014), eine Generation älter, mit Malerei begonnen und sich erst später mit Feuerbrand, Luft und Licht auseinandergesetzt.

Otto Piene – Die Sonne kommt näher, Ausstellungsansicht der aufblasbaren Riesensterne in der Halle des Museum Haus Konstruktiv © 2020, ProLitteris, Zürich; Nachlass Otto Piene / Sprüth Magers

Wer die grosse Halle im Haus Konstruktiv betritt, steht mitten in einem bunten Wald vielteiliger Sterne in den sieben Farben des Spektrums – raumfüllend und atmend, ähnlich wie Seeanemonen. Ein Gebläse füllt die raumgreifenden Inflatables, die Aufblasbaren, prall bis in die Sternenspitzen, dann fallen sie wieder etwas in sich zusammen, wie verwelkte Dahlien, um erneut anzuschwellen. An den Wänden hängen diskret Zeichnungen des Künstlers zu seiner luftigen Sky Art, zum Beispiel Windfahnen oder andere aufblasbare und schwebende Skulpturen.

Otto Piene, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Foto: Stefan Altenburger. © 2020, ProLitteris, Zürich; Nachlass Otto Piene / Sprüth Magers

Unter dem Eindruck des Luftkriegs mit seinen Blitzen, den Piene in den letzten Monaten des Kriegs noch erlebt hat, steht auch das älteste in Zürich gezeigte Bild im Stil des Abstrakten Expressionismus. Mit Heinz Mack und Günter Uecker zusammen gründete er die ZERO-Bewegung, die den absoluten Neubeginn der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg, einen Neuen Nullpunkt verfolgte. Licht, Schatten, Körper, Erde sollten eine Rolle spielen sowie der gesteuerte Zufall. Und im Fokus von Pienes Werk steht die Energie. Er versengte mit Kerzen oder brennenden Lösungsmitteln bemalte Leinwände, erzeugte Verbrennungen, die zum Teil wie schwarze Sonnen wirken, drückte Farben durch Schablonen auf den Malgrund, oder liess diese Lichtsiebe eben Licht filtern.

Otto Piene, Lightroom with Schöllerwand, 1999-2020, Installationsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Foto: Stefan Altenburger. © 2020, ProLitteris, Zürich; Nachlass Otto Piene / Sprüth Magers

Damit wird dieses Werk nicht nur im Rückblick auf dessen Herstellung, sondern während des Betrachtens veränderlich, verspielt und flüchtig. In einem abgedunkelten Raum entstehen auf schwarzen Wänden dank rotierender Lichtsiebe und perforierten Scheiben künstliche Nachthimmel mit sich ständig verändernden Sternenwelten. Während Otto Piene in den Anfängen seine Lichträume mit Kerzen und Taschenlampen zum künstlichen Sternenhimmel machte und wo nötig auch mit einem neuen Bohrloch in der Papierwand versah, wird das ganze heute digital gesteuert. Die titelgebende Arbeit hat Piene 1967 eingerichtet: Die Sonne kommt näher besteht aus 800 mit Sonnen bemalten Dias. Damals war von der immer heisseren Erde noch keine Rede.

Zweimal Morsezeichen von Brigitte Kowanz, links das Morsealphabet von 1989, rechts Connect the Dots von 2018. Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Foto: Stefan Altenburger © 2020, ProLitteris, Zürich; Studio Brigitte Kowanz

Licht ist auch der 1957 geborenen Brigitte Kowanz wichtig. Aber es ist nicht Malmittel, sondern der Untersuchungsgegenstand. Dazu leistet sie viel Konzeptarbeit, es geht darum, das Immaterielle des Lichts zu fassen. Für die frühesten Arbeiten zum Licht um 1980 experimentierte sie mit fluoreszierendem Pulver, welches sie in Flaschen gefüllt in Wandobjekten anordnete. In den 90er Jahren entstand eine Serie von in Mehrfachsteckern eingelassenen Glimmlampen, welche die Botschaft Licht ist was man sieht in verschiedenen Sprachen von Deutsch, über Spanisch bis Chinesisch darstellen. Nur konzeptuell gelingt es natürlich, die Lichtgeschwindigkeit darzustellen; Kowanz löst das Problem, indem sie die Sekundenbruchteile als Zahlen zeigt, die Licht z.B. für einen Meter braucht.

Titelgebend ist ihre Arbeit Lost under the Surface, eine kleinformatige Spiegel-Licht-Installation. Auch hier wird die Bedeutung von Licht als nicht nur physikalisch erfassbares Medium, welches sich letztlich der Gewissheit entzieht, eingängig dargestellt.

Eine der Arbeiten mit Verteilstecker. Hier geht es ums Internet: www// 1995/2019

Licht kann man ein- und ausschalten, damit ist ein erster Schritt in eine digitale Welt gemacht. Das erste digitale Informationssystem in der analogen Welt war das Morsealphabet. Der Morsecode spielt in Kowanz› Werken als Informationsträger eine wichtige Rolle. Ihre Arbeit von der 57. Biennale in Venedig, in der sie zwei wichtige Daten der Digitalisierung mit ihren Mitteln erfasste, hat sie etwas verändert im Haus Konstruktiv wieder gebaut. Die Morsezeichen – durch helle und dunkle Abschnitte der verschlungenen Neonröhre dargestellt – weisen auf zwei Daten: am 12.03.1989 wurde im CERN das Konzept des WorldWideWeb präsentiert, am 06.08.1991 wurde das Internet verfügbar für die Öffentlichkeit. Damals kam das Virtuelle in die analoge Welt und breitet sich aus. Mit der Spiegelung wird es verdeutlicht: Der reale und der virtuelle Raum durchdringen sich: wir leben zugleich in beiden.

Museumsdirektorin Sabine Schaschl und Künstlerin Brigitte Kowanz (rechts) vor dem Werk www.12.03.1989 06.08.1991

Der Morsecode ermöglicht der Künstlerin, dem Licht eine Sprache zu geben. Zum Beispiel in der Arbeit Connect the Dots über Steve Jobs berühmter Rede in Stanford 2005, dass Zusammenhänge nur in der Rückschau gesehen werden, es also Vertrauen braucht für die Zukunft («You can’t connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards. So you have to trust that the dots will somehow connect in your future.»).

In den neuesten Arbeiten – Aluminiumtafeln, die mit den Grundformen des Morsealphabets, also dem Punkt und dem Strich, so besprayt sind, dass sie fotografiert mit Blitz (ja, hier darf man!) ihre Aussage erst enthüllen: Licht verharrt nie, kennt keinen Stillstand, ändert sich laufend mit seiner Umgebung (Light never Stays, Knows no Place, Is Continually Changing with its Environment) ist zu lesen, aber auch sinnlich zu erfahren.

Beitragsbild: Brigitte Kowanz: Email 02.08.1984 03.08.1984. Foto: Stefan Altenburger
© 2020, ProLitteris, Zürich / Studio Brigitte Kowanz
Foto 1, 4 und 5 © Foto E. Caflisch

Bis 10. Mai 2020
Informationen zu der Doppelausstellung Otto Piene/Brigitte Kowanz gibt es hier.

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